28.03.2010

Bahn frei für Radler auf den Velorouten

Von: Amrey Depenau

Der Plan für ein Netz gut ausgebauter Fahrrad-Hauptrouten in Hamburg liegt seit 1999 in der Schublade wechselnder Hamburger Regierungen. Es ist höchste Zeit, ihn umzusetzen – ohne Kompromisse!

Angepasste Ampelschaltungen, kluge Führung des Radverkehrs, besonders an Knotenpunkten, sichere Fahrt auch bei Geschwindigkeiten um 25 km/h: Das sind die Merkmale der so genannten Velorouten. Sie verbinden wichtige Start- und Zielorte in einer Stadt und machen das Radfahren zu einer echten Alltags-Alternative gegenüber dem motorisierten Individualverkehr. Ein Konzept für ein Netz solcher Velorouten existiert auch für Hamburg. Und das schon seit mehr als einem Jahrzehnt. Immer wieder wurden seitdem Versuche unternommen, die Fahrrad-Highways tatsächlich zu realisieren. Doch meist blieb es bei Lippenbekenntnissen.

Im Keim erstickt

Im Jahre 1999 legte die Planungsgemeinschaft Verkehr aus Hannover das so genannte »Velorouten-Netzkonzept« vor, in Auftrag gegeben vom damaligen rot-grünen Senat. Zehn sich teils noch verzweigende Routen wurden vorgeschlagen, die vom Zentrum in die Außenbezirke führten. Zwei Ringrouten ergänzten sie. Nur einige Teilstücke wurden dann zügig realisiert, unter anderem die Route 3 von der Universität bis zur Vogt-Kölln-Straße, bevor Schwarz-Schill das Projekt »qualifiziert abwickelte«. Heute können wir die Relikte bestaunen, wie die einsamen Fahrradstraßen Bornstraße–Rutschbahn–Heinrich-Barth-Straße, die noch immer ihresgleichen in Hamburg suchen.

Schild(bürg)erstreich

Die damals für die konkrete Planung der Route 3 zuständige Ingenieurgesellschaft Schmeck schreibt aktuell auf ihrer Website, sie arbeite an Planungen für »Velorouten in Wandsbek, Eimsbüttel, Harburg, Altona und HH-Nord«. Interessant, denn mit der Radverkehrsstrategie hat sich Hamburg unter anderem dazu verpflichtet, die Velorouten nun endlich zu realisieren. Das war im Januar 2008. Zu sehen ist davon nach wie vor nichts. Gar nichts? – Moment mal, habe ich da nicht neulich diese rot-weißen Wegweiser gesehen? Richtig. Überall begegnen uns Schilder, die dem geneigten Radler und der ebenso geneigten Radlerin die (Velo-)Route weisen sollen. Folgt frau den oft schwer lesbaren Richtungspfeilen, sieht sie sich nicht selten über buckelige Miniradwege mit gefährlichen Verschwenkungen geführt – oder landet im Nirwana. Im Velorouten-Netzkonzept heißt es zur Realisierungsstrategie: »Routenabschnitte mit (…) Handlungsbedarf, der für die (…) Verkehrssicherheit der Route notwendig ist«, sollten  vor Beschilderung einer Route realisiert sein.

Blick nach vorn

Nun, das Kind ist in den Brunnen gefallen; die Schilder stehen. Wenn daraus irgendwann echte Velorouten werden sollen, müssen bald Taten folgen. Der Fortschreibung des Klimaschutzkonzeptes entnehmen wir, dass aus Klima-Mitteln im Jahr 2009 die Planungen von genau zwei Velorouten finanziert wurden, nämlich jenen nach Harburg und Bergedorf. In diesem Tempo wird es ausgesprochen schwer, bis 2015 das Netzkonzept umzusetzen.

Stolpersteine

Zäh ist der Umsetzungsprozess allerdings nicht nur wegen fehlender Mittel oder mangelnder Priorität in den Behörden. Auch die Anwohner möglicher Wegführungen reagieren häufig gereizt und versuchen, Velorouten vor ihrer Haustür zu verhindern. So zuletzt 2005 im Weidenstieg in Eimsbüttel, wo man sich um kostbares Kopfsteinpflaster und zusätzlichen Verkehr sorgte (s. RadCity 6/2005). Bei zukünftigen Planungen lohnt sich vielleicht ein Blick auf erfolgreiche Shared-Space-Projekte: Hier werden Anwohner frühzeitig und konstruktiv am Planungsprozess beteiligt. Ein solches Vorgehen erhöht die Akzeptanz merklich.

Wie geht es weiter?

Ein Hoffnungsschimmer für die Realisierung ist die Tatsache, dass seit Anfang April ein weiterer fachlich versierter Mitarbeiter die Abteilung Nichtmotorisierter Verkehr der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt unterstützt. Wenn die Gelder aus dem Klimaschutzkonzept (in 2009 und 2010 je ca. 2 Mio.) tatsächlich in die Velorouten fließen, können wir nach all den Jahren vielleicht wirklich bald konkrete Erfolge für den Radverkehr verzeichnen.

Amrey Depenau in RadCity 2/2010

Eine Veloroute

  • ermöglicht zügige Reisegeschwindigkeit bis 30 km/h
  • ist attraktiv durch geringes Kfz-Aufkommen und guten Belag
  • nimmt dafür maximal 20% längere Wege als die direkte Verbindung in Kauf
  • verläuft vorzugsweise durch-Tempo 30-Zonen oder Fahrradstraßen, auf Radfahr- oder Schutzstreifen auf der Fahrbahn
  • führt nicht über kombinierte Rad- und Fußwege und ebensowenig über straßenbegleitende Zweirichtungs-Radwege, da dies mit der zügigen Reisegeschwindigkeit nicht vereinbar ist
  • ist bei separater Führung mindestens 2 m breit
  • verläuft gradlinig und hat als Fahrrad-Hauptstraße Vorrang vor anderen Straßen