06.08.2014

Der Wilhelmsburger LOOP

Von: Amrey Depenau

Meckern ist ja ziemlich einfach. Über Projekte im Rahmen der Internationalen Bauausstellung IBA zu meckern, ist sogar irgendwie cool. Blöde Gentrifidingsbums und überhaupt. Habe ich mich also mal eingereiht und angefangen, im Geiste über den Wilhelmsburger LOOP herzuziehen. Freizeitrundkurs, soso: Irgendetwas läuft oder rollt einem da immer vors Bike, Vorfahrt hat man auch fast nirgendwo, und an einigen Stellen wird's sogar heikel. Der Nutzen für Alltagsradler ist also stark eingeschränkt, wenn überhaupt vorhanden. Und die kriegen auch noch den Deutschen Fahrradpreis für »Die fahrradfreundlichste Entscheidung in der Kategorie Alltagsmobilität«.

Wilhelmsburger Loop
Schicke Kilometersteine helfen bei der Orientierung auf dem LOOP

Wer sind jetzt eigentlich »die«? Meckern ist nicht mehr ganz so einfach, wenn man eine konkrete Person anmeckern muss. Eigentlich will ich ja mit meiner Mängelliste zum Bezirksamt Mitte, um Ursel Rabeler, die dort für die Entwicklung der Radinfrastruktur zuständig ist und den LOOP maßgeblich mitgeplant hat, mal ordentlich auf den Zahn zu fühlen. Wieso überall diese »Radfahrer frei«-Schilder, weshalb die fehlende Querungshilfe an der Dratelnstraße, warum eine Fahrradstraße, die von den Schrebergärtnern als Anwohnerparkraum missbraucht wird?

Kein Winterdienst und Radfahrer frei
»Kein Winterdienst« und »Radfahrer frei« – die Beschilderung ist noch nicht optimal.

Das Labyrinth

Die Gänge des Bezirks­amtes am Klosterwall sind unübersichtlich. Als ich das Büro von Frau Rabeler nach mehrmaligem Fragen gefunden habe, ist es verschlossen. Da ich ja einen Termin habe, treibe ich mich ein wenig auf dem Gang herum. Tatsächlich geht wenig später die Tür eines Besprechungsraumes auf. Einige Personen kommen heraus. »Dann machen wir das jetzt so …«, sagt jemand. Auf gut Glück spreche ich die einzige Frau in der Gruppe an. »Sind Sie vielleicht Frau Rabeler?« – Diese nickt und ich stelle mich vor. Wenig später sitzen wir in ihrem Büro, die Wände gepflastert mit Planungsunterlagen, auf dem Schrank ein altes Straßenschild, ausgerechnet vom Gert-Schwämmle-Weg, der ein wichtiges Stück des LOOP ist.

Arbeit für drei 

Ursel Rabeler macht uns erstmal einen Kaffee. »Ich war einige Tage nicht im Hause. Da bleibt die Arbeit liegen, denn ich bin die einzige, die mit dem umfangreichen Thema Radverkehr befasst ist. Ich könnte 24 Stunden arbeiten, habe aber nur eine halbe Stelle.« Hm, Wilhelmsburg, Billstedt, aktuell Veloroute 8, alles mit einer Person? So langsam dämmert es mir, dass die Erklärung für meine Mängelliste wohl nicht Ignoranz und fehlendes Verständnis für die Belange der Radfahrenden ist. Ich erzähle Frau Rabeler von meinen Erlebnissen auf dem LOOP.

Arbeit für drei 

Ursel Rabeler macht uns erstmal einen Kaffee. »Ich war einige Tage nicht im Hause. Da bleibt die Arbeit liegen, denn ich bin die einzige, die mit dem umfangreichen Thema Radverkehr befasst ist. Ich könnte 24 Stunden arbeiten, habe aber nur eine halbe Stelle.« Hm, Wilhelmsburg, Billstedt, aktuell Veloroute 8, alles mit einer Person? So langsam dämmert es mir, dass die Erklärung für meine Mängelliste wohl nicht Ignoranz und fehlendes Verständnis für die Belange der Radfahrenden ist. Ich erzähle Frau Rabeler von meinen Erlebnissen auf dem LOOP.

Die Fahrradstraße ist leider noch eine Parkstraße.
Die Fahrradstraße ist leider noch eine Parkstraße.

Fragen und Antworten 

Das Erstaunliche ist, dass die Geografin mit jedem Winkel, jeder Problematik vertraut ist und stets eine plausible Auskunft parat hat. Ja, die merkwürdigen »Radfahrer frei«-Schilder sind keine dauerhafte Lösung, aber vor der endgültigen Beschilderung sollen noch Erfahrungen und Rückmeldungen aus der Bevölkerung gesammelt werden. Ja, der Übergang an der Dratelnstraße ist alles andere als optimal, nur müssen die Sattelschlepper in das Gewerbegebiet abbiegen können. Da wäre die Insel im Wege. Ja, die parkenden Schrebergärtner sind ein Problem, aber es fehlen schlicht die Mittel, um Verstöße regelmäßig zu ahnden. Eine bauliche Lösung ist in Arbeit. Deutlich wird, wie viel Herzblut in diesem LOOP steckt, wie viel Hartnäckigkeit dazugehört hat, ihn überhaupt so zu realisieren, wie er nun aussieht.

An der Georg-Wilhelm-Straße erleichtert eine Insel das Überqueren der Fahrbahn.
An der Georg-Wilhelm-Straße erleichtert eine Insel das Überqueren der Fahrbahn.

Dicke Bretter 

Besonders stolz ist Frau Rabeler auf die Überquerung Hermann-Westphal-Straße, wo Radfahrer Vorfahrt haben. Ich erinnere mich: Dort habe ich höhnisch gelacht, da dies eine Straße mit sehr wenig Verkehr ist. Was ich nicht wusste, ist, wie dick die Bretter waren, die Frau Rabeler bohren musste, um die Vorfahrt dort verwaltungsintern durchzusetzen. Dicke Bretter, ein gutes Stichwort. Der jetzige Stand des LOOP ist sicher für Alltagsradler noch nicht optimal. Doch ging es ja beim Fahrradpreis um die »fahrradfreundlichste Entscheidung«. Und je länger ich mit Frau Rabeler über den LOOP und dann auch andere Radverkehrsprojekte spreche, desto klarer wird mir: Hier in Mitte ist eine grundsätzlich fahrradfreundliche Entscheidung getroffen worden. Es kostet nur viel Kraft, Zeit und Zähigkeit, diese auch umzusetzen – oft gegen wirtschaftliche und partikulare Interessen.

Freundliche Aussichten 

So kann man sich sicherlich als Radfahrerin über so einiges am LOOP aufregen, sollte aber vor allem den Modellcharakter der Strecke würdigen, der sich auf weitere Projekte in Mitte übertragen wird. Ja, der Radverkehr ist hier immerhin eine halbe Planerinnenstelle wert, auf der gearbeitet wird, was die Stunden hergeben. Auch wenn die Erfolge noch klein sind, so ziehen doch am Fahrradhimmel neue Veloroutenabschnitte, Fahrradstraßen und Radfahrstreifen auf, die nicht nur Alibifunktion haben, sondern den Radverkehr in Hamburgs Zentrum hoffentlich nachhaltig voranbringen.

Amrey Depenau in RadCity 4/2014

Der LOOP

Loop, plattdütsch für »Lauf«, aber auch englisch für »Schleife/Ring«

Der Wilhelmsburger Loop ist eine 6,5 km umfassende »Vielzweckstrecke« für Radler, Fußgänger und Skater, die einige zentrale Wohngebiete in Wilhelmsburg mit den S-Bahn-Stationen Veddel und Wilhelmsburg verbindet. Ein weiterer Abschnitt führt zum Gelände der ehemaligen Internationalen Gartenschau.

Die extra für den LOOP ausgebauten Teilstücke sind 3,5 bis 5 m breit und haben einen überdurchschnittlich feinen Asphalt-Belag, der knapp ein Jahr nach Eröffnung des IBA-Projektes im August 2013 noch in einwandfreiem Zustand ist. Richtung S-Bahn Veddel verläuft die Route auf einer Fahrradstraße und durch eine kurze Tempo-30-Zone. Am S-Bahnhof Veddel schließt die Veloroute 10 in die City an, am S-Bahnhof Wilhelmsburg die Veloroute 11 nach Harburg. Blaue Quadrate und Kilometersteine am Rande der Strecke markieren den LOOP.