25.09.2014

Verbindung City – Rothenburgsort

Von: Amrey Depenau
Die Straße bleibt weiterhin eine Hochwasserschutzanlage

Nach fast 16 Jahren schließt die »Oberhafen-Connection« endlich die Lücke im Elberadweg und verbindet Rothenburgsort und Veddel autofrei mit der Innenstadt.

Am 9. Juli ist es so weit: Mittags gegen 14 Uhr eröffnen Bürgermeister Olaf Scholz und Verkehrssenator Frank Horch die so genannte »Oberhafen-Connection« – 1,9 Kilometer gemeinsamen Geh- und Radweg auf der Hochwasser-Schutzanlage (HWS) zwischen Elbbrücken und Deichtorhallen. Was Scholz in seiner Rede auch als Verdienst der SPD-Politik hinstellt, ist tatsächlich vor allem der Initiative »Hamburgs Wilder Osten« (HWO) zuzuschreiben, die sich seit Beginn der Planungen für die Anlage hartnäckig dafür eingesetzt hat, sie dem Radverkehr zugänglich zu machen.

Prominent besetzte Schleifchendurchschneiderunde: v.L. Frank Horch, Olaf Scholz, Hans-Jochen Hinz und Staatsrat der BWVI, Andreas Rieckhof.
Einfahrt von der Billhorner Brückenstraße aus – Vorsicht, Poller!
Beim Unterqueren der Oberbaumbrücke gibt es regelmäßig gefährliche Begegnungen mit Autos, da es keinen für Autofahrer erkennbaren Übergang für Fußgänger und Radfahrer gibt.
alte Verbindung (lila) und neue »Oberhafen-Connection« (grün)

Option öffentlicher Weg

Der zuständige Stadtplanungsausschuss HH-Mitte wird 1998 erstmals über die Baumaßnahme informiert und unterstützt damals laut Sitzungsprotokoll »die Option für den Ausbau einer Rad- und Gehwegverbindung in Form einer aufgehöhten Promenade direkt landseitig der HWS-Wand.« Bis 2002 wird diese fertiggestellt. Sie ist tatsächlich so angelegt, dass auf ihr jederzeit ein öffentlicher Weg eingerichtet werden kann. Während sich HWO weiter dafür einsetzt, ist die politische Großwetterlage eher geneigt, das Gelände dem Großmarkt zuzusprechen, der die Zustimmung zur öffentlichen Nutzung aus nahe liegenden Gründen verweigert. Unter Schwarz/Schill und später der CDU-Alleinregierung scheint das Projekt gestorben.

Der »teuerste Radweg der Welt«?

Erst unter der Regierungsbeteiligung der GAL ab 2008 kommt wieder Leben in das Vorhaben. Dessen Prüfung wird im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Nun geht es rund: Ein Entwurf liegt Mitte 2010 vor, die Kosten werden vom Senat auf 3,3 Millionen Euro veranschlagt. Skandal! So viel Geld für einen Radweg! – Der Boulevard läuft Amok, die Kosten werden bis zu 4,3 Millionen hochgejazzt - eine Zahl, die so nicht stimmt, da sie Kosten des Großmarktes mit einbezieht.
Ortstermin im Juli 2014 Glücklicherweise hilft das alles nichts. Auch unter der SPD-Regierung ab 2011 laufen die Vorbereitungen weiter. Seit November 2012 ist es dann amtlich auf einem großen Schild am Stadtteich: »Neubau eines Geh- und Radweges entlang des Großmarktes - Oktober 2012 bis Sommer 2013«. Tatsächlich wird die Anlage im Frühjahr 2014 fertiggestellt und nun im Juli feierlich mit Schere und rotem Schleifchen von den SPD-Oberen eingeweiht. Es passt auch einfach zu schön zur neuen roten Verkehrspolitik, die ja – siehe Alsterachsen – plötzlich die Radfahrer_innen als potenzielle Wähler entdeckt zu haben scheint. In der zweiten Reihe: EX-GAL-Staatsrat Winters, der aus dem Hintergrund zu Recht anmerkt, das Ganze sei ja auch »sein« Projekt.

Alltagstauglich

Die richtige Party findet dann übrigens abends statt, als HWO an der Brandshofer Schleuse zum »Grand Opening« mit Tanz, Bierchen und Konfetti bittet. Gut 100 Radler_innen feiern bis tief in die Nacht den Sieg hartnäckiger Lobbyarbeit über wirtschaftliche Interessen und Autowahn. Wir Alltagsradler_innen genießen nun jeden Tag aufs Neue die schnelle Verbindung von den Elbbrücken ins Zentrum.

Amrey Depenau in RadCity 5/2014
Fotos: Michael Link

Mit Dank an HWO-digital.de für die Hintergrund-Infos.

Kommentar

Der neue Großmarkt-Radweg ist Hamburgs Radverkehrspolitik im Kleinen: Gut gemeint, aber erst nach vielen Kämpfen gegen abenteuerlich konstruierte Bedenken der Wirtschaft und Lobby-Politiker durchgesetzt. Und als der Weg dann endlich fertig war, schrieben sich plötzlich alle diesen Erfolg auf die eigenen Fahnen, die 16 Jahre damit zugebracht haben, diese wichtige Verbindung zu torpedieren oder zu ignorieren.

Nun ist der Weg da. Und das ist gut so, trotz Stückwerk mit gefühlt zwölf Belägen. Trotz Poller-Bingo, teils engen 90-Grad-Kurven und einigen für Ortsfremde unklaren Gabelungen. Ja, und warum hier 30 Sitzbänke und zwölf Mülleimer stehen, aber die Schilder erst angemahnt werden mussten, bleibt wohl ein Geheimnis.
Trotz allem, was an dieser Verbindung weiter nicht perfekt sein mag: Ich fahre diesen Weg jetzt beinahe täglich, denn er bringt mich in sieben Minuten entspannt von den Deichtorhallen bis kurz vor Entenwerder, ohne ein einziges Mal anhalten zu müssen. Nur zweimal Klingeln unter der Alexandra-Stieg-Brücke braucht’s, als Signal für etwaigen Gegenverkehr. Spiegel wären besser, doch – man ahnt’s – die hat man vergessen.

Michael Link in RadCity 5/2014

Fotostrecke

Drei Poller markieren die Einfahrt zum Radweg von der Deichtorhallenseite.
Das Unterqueren der Oberbaumbrücke ist riskant, denn Autofahrer erkennen hier keinen Übergang.
Direkt nach der Oberbaumbrücke schon wieder Pollerbingo und eine abrupte 90-Grad-Kurve.
Tolles "Ei": Der Radweg ist offiziell noch immer eine Hochwasserschutzanlage.
Beim Fahren bemerkt man mehrere Schwellen. Der Weg hat keine einheitliche Steigung.
Gruppen von Sitzbänken, Mülleimern und neu gepflanzten Bäumen begleiten den Radweg.
Wieder eine harte Rechtskurve. Danach geht es über einen Holzbelag.
Die lange Strecke am Großmarkt vorbei bietet wenig fürs Auge. Der Zaun hat Aussperr-Charakter.
An der Brandshofer Schleuse wartet die nächste harte 90-Grad-Kurve und Holzbohlen.
Eigentlich logisch, aber wo es langgeht, muss man raten: rechts geht's lang.
Es geht auf die Billhorner Brückenstraße zu. Der Asphaltbelag ist erstklassig, die Wiese macht den Weg freundlicher.
Am Eingang Brandshofer Deich sieht's aus wie in einem Mikado-Spiel: Zahlreiche Poller "zieren" den Weg.
Eine mögliche Ein-/Ausfahrt liegt direkt an der Billhorner Brückenstraße.
Für die Gegenrichtung sowie in Richtung Rothenburgsort geht es hier weiter unter der Brücke durch.
Der Weg unter der Brücke ist ein enger Zickzack-Kurs.
Vor der Unterquerung der Brücke und gegen Ende ist Klingeln angesagt, denn hier kommt auch Gegenverkehr.
Nach der Unterquerung der Billhorner Brücke geht's erneut um eine scharfe Kurve.
Eine sanft ansteigende Rampe bringt Radfahrende nach oben auf Straßenniveau.
Immerhin: Die Beschilderung ist da, die Schilder für die Großmarktrichtung sind auch schon da,
Wer rechts am Hotelbau vorbei Richtung Entenwerder fährt, trifft nach wie vor auf eine Treppe.