RadCity, Verkehr
10.04.2016

Chancen sehen ... statt immer nur dagegen zu sein!

Von: Ulf Dietze
Walddörferstraße heute ...
Stadt Göttingen
... und morgen? Die Goßlerstraße in Göttingen ist eine Fahrradstraße: Ähnlich könnte ein Abschnitt der Walddörferstraße gestaltet werden.

Der Bezirk Wandsbek hat ein Radverkehrskonzept erarbeitet. Es sieht mehrere Velorouten vor, die das grobmaschige Netz der gesamtstädtischen Velorouten ergänzen. Eine der geplanten Strecken führt durch die Walddörferstraße und verbindet dann S-Friedrichsberg mit Farmsen. Heftiger Gegenwind kommt von CDU, Handelskammer und Bild.

Es gibt für die Walddörferstraße noch nicht einmal die erste konkrete Planung. Dass die Straße zur Veloroute werden soll und dass dabei auch ein Teilstück zur Fahrradstraße werden könnte, ist eine Idee, die sich aus dem Radverkehrskonzept des Bezirks Wandsbek ergibt. Dieses erstellte in der zweiten Jahreshälfte 2015 das Planungsbüro ARGUS. Unter der Leitung der Bezirksverwaltung diskutierten dann im »FahrradForum« ADAC, ADFC, Parteien und Polizeikommissariate die Zwischenergebnisse.

Ausführlich legte ARGUS in den Sitzungen des Fahrradforums dar, warum ein Ausbau des Wandse-Wanderwegs zur alltagstauglichen Veloroute ungeeignet sei und warum man deshalb die Walddörferstraße als für den Radverkehr deutlich bessere Streckenführung ausgewählt habe. Widerspruch gegen diese Idee kam damals nicht - auch nicht von der CDU. Lediglich die Anmerkung, dass der Lieferverkehr zu den Gewerbebetrieben in der Walddörferstraße sichergestellt bleiben müsse, ist im Protokoll festgehalten. Eine Forderung, der von keinem anderen Teilnehmer des Forums widersprochen wurde.

Anfang November 2015 stellte dann ARGUS die Ergebnisse des Radverkehrskonzepts auf einer öffentlichen Sitzung des Wandsbeker Verkehrsausschusses vor. Die sogenannte Erstverschickung, der nächste Schritt der weiteren Entwicklung für die Walddörferstraße, hätte nun auf dem üblichen Wege erfolgen können (siehe Kas­ten »Straßenplanung in Hamburg«).

Ängste schüren mit Halbwahrheiten

Selbstverständlich wird bei der Planung einer Veloroute und einer Fahrradstraße darauf geachtet, dass Kunden die Geschäfte erreichen können und dass Mieter und Besucher - auch mit dem Auto - zu ihrer Wohnung gelangen. Also wird es eine Lösung wie »Fahrradstraße/Anlieger frei« geben. Trotzdem sagte Heinz Seier, verkehrspolitischer Sprecher der Wandsbeker CDU-Fraktion im Abendblatt vom 7. Dezember 2015: »Dann gibt es ja keinen Vorrang mehr für die Kraftfahrzeuge, in der Regel Tempo 30, und der Lkw-Verkehr wird aus der Straße herausgenommen«.

Im Anschluss schimpften Bild, CDU und Handelskammer gegen den »Straßen-Irrsinn«, »Radweg-Wahnsinn« usw. Ralf Niedmers, CDU-Bürgerschaftsabgeordneter aus Wandsbek, meinte: »Die betroffenen Gewerbetreibenden und Unternehmen haben einen Anspruch darauf, dass ihre Läden und Betriebe uneingeschränkt für den Wirtschaftsverkehr erreichbar bleiben«. Etwas Gegenteiliges hatte aber nie jemand geplant, behauptet oder angeregt. Und dass die Gewerbetreibenden in der Walddörferstraße auch mit einem Lkw erreichbar sein müssen, weiß jeder Stadtplaner. Dennis Thering, seines Zeichens verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, schlug dennoch mit seiner gewohnt plakativen Wortwahl in dieselbe Kerbe: »Zwangsbeglückung ohne Sinn und Verstand«, »Radverkehrspolitik mit absurden Zügen«, »über die Köpfe der Anwohner und Gewerbetreibenden hinweg mit der ideologischen Brechstange«.

Die Zeitung mit den großen Buchstaben ergänzte: »Geschäftsleute bangen um ihre Existenz. Aufstand gegen Fahrrad-Irrsinn an Walddörferstraße«. Und: »Auf einem zwei Kilometer langen Teilstück der Walddörferstraße sollen Autos sogar komplett ausgeschlossen werde«. Bild und CDU machen Stimmung gegen jede Veränderung: Der Friseurladen verlöre seine Kunden. Die Vermieter würden ihre Wohnungen nicht los. Mit dem Auto käme man nicht mehr zu den Geschäften.

Und die Realität?

ARGUS
Argus schlägt Schutzstreifen für den westlichen Streckenabschnitt der Veloroute vor. Eine Fahrradstraße wiederum soll etwa zwischen Stephanstraße und Am Hohen Hause eingerichtet werden. Weiter nördlich bleibt es beim Mischverkehr. Kurz vor Farmsen sollen dann die Radwege optimiert werden.

ARGUS schlägt im Radverkehrskonzept für einen Abschnitt der Walddörferstraße eine Fahrradstraße vor. Die Idee beinhaltet, an beiden Enden dieses Straßenstückes dem Autoverkehr ein Abbiegegebot anzuordnen. Damit soll der Kfz-Durchgangsverkehr möglichst aus der Walddörferstraße genommen werden. Das würde die Sicherheit und Attraktivität schaffen, die man für eine Veloroute anstrebt und den AnwohnerInnen eine ruhigere Wohnumgebung verschaffen.

Entsprechend fasste der SPD-Abgeordnete Lars Kocherscheid-Dahm in der Bezirksversammlung Wandsbek die aufgeregte Situation zusammen: Mit dem Zitat von Heinz Seier (CDU), wonach der Lkw-Verkehr aus der Straße herausgenommen werde, »war in der Welt, was die eigenen CDU-Bürgerschaftsabgeordneten jetzt dazu verleitet 'Skandal' zu rufen und die gern genommene Verteufelung des Radverkehrs noch weiter voran zu treiben.«

Ein Verbannen des Lkw-Verkehrs aus der Straße habe also nur die CDU selbst ins Spiel gebracht. Kocherscheid-Dahm: »Die Frage des Absenders haben wir also geklärt, denn für uns war das nie ein Thema. Im Gegenteil, wir haben uns und den anwesenden Vertretern der Gewerbetreibenden kürzlich vom Gutachter versichern lassen, dass es keinerlei Notwendigkeit gibt, bei einer Realisierung einer schnellen Radverkehrsverbindung im Bereich der Walddörferstraße die Befahrbarkeit der Straße für gewerbliche Verkehre einzuschränken.«

Aus Sicht des nichtmotorisierten Verkehrs wäre es daher gut, wenn jetzt sämtliche Interessierten anfangen könnten, über das zu sprechen, worum es eigentlich geht: Eine sichere, zügige und attraktive Radverkehrsverbindung herzustellen, die Gewerbe und Anwohnern ebenfalls möglichst viele Vorteile bringt.

Perspektive für die Walddörferstraße

Der Straßenraum kann neu geordnet werden. Autos und Fahrräder fahren auf der Fahrbahn, die Gehwege werden etwas breiter und neu gestaltet. Damit möglichst viele Radfahrende die Fahrbahn nutzen, sind Tempo 30, Fahrradstraße/Anlieger frei, Radfahrstreifen oder ein Reduzieren des Durchgangsverkehrs mögliche Maßnahmen. Gewerbetreibende müssen keine Sorge haben um die Zugänglichkeit ihrer Betriebe. Eine nach dem Neubau attraktivere Straße, die weniger laut ist, weniger dreckig, weniger wild beparkt, dafür mit dem Rad und zu Fuß besser erreichbar, hat positive Auswirkungen für das Gewerbe.

Anwohner gewinnen in einer ruhi­geren Straße, in der Fuß- und Radverkehr eine größere Rolle spielen, einen höheren Wohnkomfort.


Walddörferstrasse heute

Autofahrer

Die Straße ist eine beliebte Strecke als Alternative zu Friedrich-Ebert-Damm bzw. Ahrensburger Straße. Man fährt je Richtung einstreifig. An den Kreuzungen weitet sich die Fahrbahn in der Regel um Abbiegestreifen auf. Es gilt in Abschnitten Tempo 30 und ansonsten Tempo 50.

Radfahrer

Das Fahren empfinden die meisten Radfahrerinnen auf der Fahrbahn als unattraktiv, weil die Fahrstreifen schmal sind und einige Autofahrer drängeln und zu knapp überholen. In den Nebenflächen gibt es zum Teil Radwege, die sich überwiegend in einem desolaten Zustand befinden, für heutigen Radverkehr zu schmal sind, an bestimmten Stellen üblicherweise zugeparkt sind. An anderen Stellen verläuft der Radweg direkt entlang der Parkstände, was die Gefahr plötzlich geöffneter Türen mit sich bringt. An Grundstückszufahrten und Einmündungen gibt es nur mangelhafte Sichtbeziehungen zum Autoverkehr– ein typischer Grund für Unfälle. In einigen Abschnitten der Walddörferstraße gibt es keine Radwege. Dort gilt Gehweg/Radfahrer frei oder auch reiner Gehweg, so dass dort Radfahrer ohne Alternative auf der Fahrbahn fahren müssen. Viele Radfahrende, die sich auf der Fahrbahn zu unsicher fühlen, weichen auf den Gehweg aus.

Fußgänger

Die Gehwege sind in weiten Teilen in schlechtem Zustand, an einigen Stellen regelmäßig durch parkende Autos eingeengt. Störend kommt der Teil des Radverkehrs hinzu, der aus Angst vor der Situation auf der Fahrbahn auf dem Gehweg unterwegs ist.


Stimmen zur Walddörferstraße

Echter Irrsinn ... – Bild vom 10.12.2015

Die von der Bild-»Zeitung« befragten Geschäftsleute sind nicht die einzigen Menschen, die in der Walddörferstraße leben und fahren.

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Ich habe 18 Jahre lang in der Walddör­ferstraße gewohnt, in einem Hinschenfelder Altbau-Einfamilienhaus. Bei uns haben die Wände gezittert – fuhren Lkw vorbei, haben die Gläser in den Schränken vibriert. Wir hätten uns sehr gefreut, wenn die Straße beruhigt worden wäre. Teilstückchen mit Zone 30 erhöhen nur die Raserei und das Abbremsen dazwischen. Frauke Häger, GRÜNE Wandsbek, Regionalausschuss Alstertal
Der Zustand hier ist schlecht. Ich komme aus Fuhlsbüttel. Da sind Markierungen zum Radfahren auf der Straße. Das ist vom Fahren her angenehmer. Auch wenn das alles näher an den Autos ist, was manche wahrscheinlich wieder nicht so gut finden. Wenn das hier so ähnlich werden würde, fände ich das gut. Frank Goldenbaum
Für mich ist wichtig, dass hier der Bus weiterhin durchfährt, weil da viele Leute aus dem Fenster gucken. Aber wer mit dem Auto hier durchfährt, sieht meist gar nicht, was hinter den parkenden Autos für Geschäfte sind. Als Radfahrer nimmt man die Umwelt viel intensiver wahr und huscht nicht an allem so schnell vorbei. Ich sehe daher die Änderungen in der Straße als Bereicherung. Thomas Schindowski, Fahrradhändler »FahrradEcke Wandsbek«
Vom Gefühl her fahre ich hier nicht gern durch. Aber auf dem Friedrich-Ebert-Damm ist es lauter. Ich bin nicht unsicher auf dem Fahrrad, ich würde auch auf der Straße fahren. Es sind ja auch noch ältere Leute zu Fuß unterwegs und Mütter mit Kinderwagen. Und da muss ich schon sehr oft absteigen, weil der Radweg nicht frei ist. Wenn hier der Kfz-Durchgangsverkehr herausgehalten würde, wäre das schön! Anne Ruiters

Ablauf einer Straßenplanung in Hamburg

Inhaltsverzeichnis einer Erstverschickung

0 | Vor dem offiziellen Planungs- und Entscheidungsprozess wird bei ausgewählten Straßen eine Bürgerbeteiligung durchgeführt. Dies sind i. d. R. Befragungen an Infoständen, Workshops oder Informationsveranstaltungen. Rechtlich bindende Entscheidungen können hier nicht gefällt werden. Ein Bürgerbeteiligungsprozess erhöht die Planungszeit für den Straßenumbau um ca. 6 - 12 Monate.

1 | Der Bezirk, der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer oder ein von ihnen beauftragtes Planungsbüro verfassen den Erläuterungsbericht. Darin steht, wie der Zustand der Oberflächen ist, wie breit Fahrbahn, Seitenstreifen, Rad- und Gehwege sind, welchen Baumbestand es gibt, welche Rolle der ÖPNV in der Straße spielt, wieviele Autos täglich durch die Straße gefahren werden etc. Eine erste Planung mit genauen Zeichnungen, Maßangaben, dem gegenwärtigen und dem zukünftig vorgesehenen Zustand des Straßenraums entsteht. Erläuterungsbericht und erste Planung ergeben zusammen die Erstverschickung.

2 | Zu der Erstverschickung geben dann die Träger öffentlicher Belange (Polizei, Stadtreinigung, Feuerwehr, Stromnetzbetreiber, Blindenverband u.a.), aber auch Verbände wie der ADFC ihre Stellungnahmen ab. Auch die Parteien äußern sich jetzt zu den Planungen.

3 | Als Nächstes verfasst das Planungsbüro aus den Rückmeldungen den Abwägungsvermerk. Darin wird auf die Stellungnahmen Punkt für Punkt geantwortet. Aus diesem Abwägungsprozess ergibt sich dann auch die überarbeitete, zweite Fassung der Planung. Meist ist die zweite Verschickung bereits die letzte und trägt dann den Titel Schlussverschickung. Darin teilt die planende Stelle das Ergebnis mit, das dann gebaut wird. Diese Verschickung besteht aus Erläuterungsbericht, Abwägungsvermerk und überarbeiteter Planung. Die Dauer zwischen Erstverschickung und Schlussverschickung ist sehr unterschiedlich und hängt vor allem vom Umfang des Eingriffs ab. Bei kleineren Maßnahmen dauert es ca. 4 Monate, bei größeren Maßnahmen oft 10 Monate.

Ulf Dietze in RadCity 2/2016, mit Aktualisierungen

Mitarbeit an Stellungnahmen ist über unsere Bezirksgruppen möglich.

Bilderstrecken, aktuelle Informationen zum weiteren Verlauf und Veranstaltungshinweise: hamburg.adfc.de/walddoerferstrasse