21.11.2011

Der Prozess

Von: Marcus Steinmann

Anzeigen wegen aggressiven und verkehrsgefährdenden Verhaltens werden von der Staatsanwaltschaft regelmäßig eingestellt. Mangelndes, öffentliches Interesse wird dann bescheinigt. Aber wie sieht es aus, wenn es tatsächlich zu einer Tätlichkeit kommt, Zeugen vorhanden sind und eigentlich alles ganz klar ist?

Hier in die Bernstorffstraße fährt Petra Neumann, als der entgegenkommende Wagen plötzlich in ihre Richtung steuert. Da bleibt zu den parkenden Autos kaum Platz.

Ihre linke Gesichtshälfte schmerzt, das Ohr tut weh. Benommen steht Petra Neumann (Name geändert) auf der Straße. Keine zehn Minuten zuvor ist sie wie gewöhnlich mit ihrem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit. Auf der Bernstorffstraße in nördlicher Richtung, die hier als Einbahnstraße für Fahrradverkehr in Gegenrichtung freigegeben ist. Am 1. Juli 2009, einem sonnigen, warmen Sommermorgen.

Petra Neumann befindet sich in der Nähe der Kreuzung Bernstorffstraße/Thadenstraße, auf der Höhe des dortigen Backpacker-Hotels, als ihr ein Auto, genauer ein SUV, entgegenkommt. Drei bis vier Meter vor ihr steuert das schwere Gefährt auf einmal in ihre Richtung. Petra Neumann fühlt sich bedroht, weicht aus und berührt dabei fast die rechts von ihr parkenden Autos. Sie muss die Fahrt verlangsamen, sich mit einem Bein abstützen. Aus Empörung schlägt sie mit der Hand dem jetzt unmittelbar an ihr vorbeifahrenden Auto aufs Heck. Der Geländewagen bremst sofort ab, steht, der Fahrer steigt aus und geht direkt auf sie zu. Sie merkt seine Wut.

»Du machst hier nicht mein Auto kaputt – Du darfst hier gar nicht langfahren«, schallt es ihr entgegen. Auf ihre sachliche Richtigstellung, dass die Bernstorffstraße hier in Gegenrichtung für Fahrradverkehr freigegeben ist, reagiert er nicht. Im Gegenteil: Er beschimpft sie weiter. Alles geht sehr schnell. Plötzlich holt der Autofahrer mit der Hand aus, schlägt sie mit Wucht ins Gesicht. Sie ist völlig überrascht, hat Schmerzen, das Ohr tut weh, es blutet leicht. Petra Neumann steht »unter Schock«, wie sie sagt, versucht sich noch das Nummernschild zu merken. Und dann ist der Fahrer mit dem Auto auch schon weg.

Zeugen Im morgendlichen Berufsverkehr ist sie Gott sei Dank nicht alleine auf der Straße. Zeugen haben den Vorfall beobachtet und kümmern sich jetzt um sie. Ein weiterer Autofahrer, ein Arzt, fuhr hinter dem SUV, als der Vorfall passierte. Er hat sich das Nummernschild und den Fahrer gemerkt, fragt, ob er helfen könne. Er gibt ihr seine Visitenkarte und erklärt sich bereit, gegebenenfalls vor Gericht auszusagen. Zwei weitere Zeugen, Angestellte des Backpacker-Hotels, kümmern sich um sie, rufen die Polizei. Zwei Beamte stellen die Personalien fest, vernehmen die Zeugen, sind »wirklich nett«, so Petra Neumann, und können sie auch ein Stück weit beruhigen: »Wir kennen unsere Pappenheimer«. Sie fühlt sich unterstützt und ist in dem Moment zuversichtlich, dass der Täter gefasst wird und es bald zu einer Verhandlung kommt.

Die Zeit danach Der Beginn der Gerichtsverhandlung wird aber noch ein ganzes Stück auf sich warten lassen. Erst ein geschlagenes Jahr später kommt es zum Prozess vor dem Amtsgericht Altona. Der Halter des Fahrzeugs kann zwar mit Hilfe des Kennzeichens schnell ermittelt werden, jedoch hat er am 1. Juli nicht am Steuer seines Wagens gesessen. Der Halter ist also nicht der Täter.

Eigentlich erwartet man in einer so »verkehrsreichen« Gegend nichts Böses ...

Um den Fahrer des Fahrzeugs zweifelsfrei ermitteln zu können, laden die Ermittler Petra Neumann zur Gegenüberstellung mittels Lichtbild vor. Die Anwältin von Petra Neumann rät ihr aber dringend davon ab. Der Tatverdächtige könne nämlich selber ein Foto von sich aussuchen und dies der Polizei schicken. So könne es sein, dass sie den Täter auf dem Foto gar nicht wiedererkenne, weil er auf dem Foto ganz anders aussähe. Stattdessen soll sie auf einer »echten« Gegenüberstellung beharren.

Als Petra Neumann den Lichtbild-Termin absagt, wollen sich die Ermittler allerdings nicht mehr auf eine »echte« Gegenüberstellung einlassen. Anschließend wird der ermittelnde Beamte krank, dann ist er lange im Urlaub. Petra Neumann ruft mehrfach in der Dienststelle an. Doch ihre Nachfragen zum Stand der Ermittlungen werden abgewiesen. Man habe zu viel zu tun, usw. Die Gerichtsverhandlung wird erst konkret, als ein Richter am Amtsgericht Wandsbek den Halter des Fahrzeugs vorlädt und dieser aussagt, dass der Tatverdächtige an dem besagten Morgen sein Auto fuhr.

Die Gerichtsverhandlung Im Prozess selber im Amtsgericht Altona kann sich der als Zeuge vorgeladene Halter des Fahrzeugs plötzlich nicht mehr daran erinnern, wer am 1. Juli 2009 sein Fahrzeug gefahren hat. Stattdessen spricht er am ersten Verhandlungstag von »Kaufinteressenten«, die am besagten Morgen den Wagen ausgeliehen und Probe gefahren haben. Auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft betont er, er könne sich beim besten Willen nicht genau erinnern, das Ganze läge ja schon ein Jahr zurück. Die Staatsanwältin glaubt ihm kein Wort.

Leider wechselt mit dem folgenden Verhandlungstag der Vertreter der Staatsanwaltschaft. Die Staatsanwältin, die auf Petra Neumann einen »resoluten« Eindruck gemacht hat, wechselt in ihr angekündigtes Sabbatjahr. Ihr folgt ein Kollege, der den Halter des Fahrzeugs nicht unter Eid nimmt.

Die Zeugen, die das Geschehen gesehen haben, auch der Arzt, können den Angeklagten nicht genau identifizieren. »Es könnte sein«, entgegnen sie. Von der eigenen Anwältin ist Petra Neumann zu diesem Zeitpunkt enttäuscht. Sie erscheint ihr zu passiv.

Der Angeklagte, nun mit Bart und anderer Frisur, schweigt. Überhaupt scheint es in der Verhandlung in viel zu geringem Maße um die Tätlichkeit an sich zu gehen. Stattdessen drehen sich die Fragen immer wieder um die Verkehrssituation. Ob sie am Straßenrand gefahren sei, wie und wo genau. Wie sehr, wie weit genau das Auto auf sie zukam, usw.

Bei Petra Neumann entsteht der Eindruck, dass »keiner während der Verhandlung ein richtiges Interesse an der Aufklärung der Tat« hat. Der Angeklagte wird schließlich freigesprochen, da die Richterin sich nicht hundertprozentig sicher ist, ob er den Wagen am 1. Juli 2009 wirklich gefahren hat.

Marcus Steinmann in RadCity 6/2011