06.06.2015

Die Psychologie des Übersehens

Von: Susanne Elfferding
Londoner Alltagsradler sind eher sportlich und neigen zu Warnwesten, Barclays Bikes werden auch von Gelegenheitsfahrern und Touristen genutzt
Londoner Alltagsradler sind eher sportlich und neigen zu Warnwesten, Barclays Bikes werden auch von Gelegenheitsfahrern und Touristen genutzt

Ich sehe nichts, was ich nicht seh

Warnwesten machen sichtbar. Ist doch klar, oder? In Großbritannien wird diese Frage inzwischen immer häufiger mit »nein« beantwortet, obwohl Sichtbarkeit durch Warnfarben hier jahrelang die oberste Maxime in der Verkehrssicherheitsarbeit war. Auf die Unfallstatistik hat sich das jedoch nicht ausgewirkt. Und die psychologische Forschung zeigt, dass man noch so sichtbar sein kann – wenn der andere nicht mit einem rechnet, dann nimmt er einen wahrscheinlich einfach nicht wahr.

Im Dienste der Wissenschaft ist Dr. Ian Garrard von der Brunel Universität in London monatelang mit sieben verschiedenen Fahrradbekleidungen und einem elektronischen Abstandsmessgerät im Straßenverkehr unterwegs gewesen: Mit und ohne unterschiedliche Warnwesten, im Freizeitdress und in Sportkleidung. Die Autofahrer hielten beim Überholen unabhängig von seiner Bekleidung denselben Seitenabstand von durchschnittlich 1,18 m. Damit unterschritten sie den auch in Großbritannien empfohlenen Überholabstand von 1,50 m deutlich. Die einzige Warnweste, die wenige Fahrer zu geringfügig höheren Überholabständen veranlasst hat, sah nach einer Polizeiweste aus, auf der zusätzlich noch die Androhung einer Kameraüberwachung zu lesen war.

Woran kann das liegen? Die Forschung in Großbritannien weist auf zwei Phänomene hin: Auf Filtermechanismen bei der Wahrnehmung und die unterschiedliche Bewertung des Verhaltens der eigenen und einer fremden sozialen Gruppe.

Der Wahrnehmungsfilter

Auch Ian Walker von der Universität Bath befasst sich mit dem Thema Sichtbarkeit. Er ist ebenfalls der Ansicht, dass sich Warnwesten nicht auf Überhol­abstände auswirken. Auch die Wahrscheinlichkeit, als Radfahrer in einen Unfall mit einem Auto verwickelt zu werden, sinkt durch eine Warnweste nicht.
Einen Hinweis auf die Gründe dafür liefert das Versicherungsunternehmen Direct Line, das in einem Feldversuch die Augenbewegungen von Fahrern aufgezeichnet hat. Das Ergebnis war, dass die Autofahrer zwar nur 4 % der Fußgänger, aber 22 % der Radfahrer übersehen. Eine weitere Studie zeigt, dass Fußgänger früher wahrgenommen werden, wenn die Autofahrer annehmen, dass sie auf Fußgänger treffen werden.

In Forschungsberichten finden sich unterschiedliche Erklärungsansätze für dieses Ergebnis. Zum einen wird gesagt, dass die Verkehrsteilnehmer vor allem nach dem Ausschau halten, was sie für wahrscheinlich und bedrohlich halten, während alles andere leicht übersehen wird. Auch die Theorie der Risikokompensation wird herangezogen: Radfahrer fühlen sich mit der Weste sichtbar und sicher und fahren riskanter. Gerade von ungeübten Radfahrern wird die Sichtbarkeit von Warnwesten außerdem überschätzt.

»Wir« und »die anderen«

Das Transport Research Laboratory und die Universität Strathclyde haben ihr Augenmerk auf das Verhalten von Autofahrern gelenkt: Diese prangern selbst kleinste Vergehen von Radfahrern an, während sie über grobe Fehler anderer Autofahrer großzügig hinwegsehen.

Das liegt daran, dass der Mensch allgemein dazu neigt, zu denken, dass die eigene Gruppe (in diesem Fall die Autofahrer) situationsbedingt reagiert, während der anderen Gruppe (hier den Radfahrern) böse Absicht oder Rücksichtslosigkeit unterstellt wird. Dass der Radfahrer dem Autofahrer gefühlt im Weg ist und ihn zum Abbremsen oder Ausweichen zwingt, unterstreicht diese Wahrnehmung – auch wenn sich der Radfahrer absolut regelkonform verhält.

Oder wie Dr. Ian Walker von der Universität Bath 2012 bei einem Interview zusammengefasst hat: Radfahrer in Großbritannien seien nicht nur eine Minderheit, sondern Außenseiter in einer Gesellschaft, die immer noch sehr auf das Statussymbol Auto fixiert sei. Ob Autofahrer in Deutschland das wohl grundlegend anders sehen?

Opfer stigmatisiert

In diesem Zusammenhang wird auch die Kampagne zu Warnwesten und zur Sichtbarkeit kritisiert, die in Großbritannien durchgeführt wurde. Der Slogan »Sorry, Kumpel, ich hab dich nicht gesehen« sollte Mitgefühl beim Autofahrer und Einsicht beim Radfahrer hervorrufen. Tatsächlich hat er nur dazu geführt, dass Autofahrer den Spruch auf den Lippen hatten, wenn sie mal wieder einen Radfahrer »übersehen« haben: Wer keine Warnweste trug, war jetzt selber schuld.

Sicherheitsfaktoren

Wenn die Warnweste nichts bringt, was denn dann? Die Forschung in Großbritannien nennt die Anzahl der Radfahrer auf den Straßen als Sicherheitsfaktor. Wo es viele Radler gibt, da sinkt das Risiko für den Einzelnen.

Eine Langzeitstudie, die in Auckland in Neuseeland durchgeführt wurde, kam zu demselben Ergebnis: Je weniger Radler unterwegs sind, desto höher ist das Risiko für jeden einzelnen, zu verunfallen. Und die meisten Unfälle werden durch Autofahrer verursacht, die den Radler »nicht gesehen« haben. Das wird in Auckland darauf zurückgeführt, dass sie eine Minderheit sind, wenig Platz beanspruchen und nicht als bedrohlich wahrgenommen werden. Nüchternes Fazit der Studie: Da helfen auch Warnwesten und reflektierende Gegenstände wenig. Da hilft nur ein höherer Radverkehrsanteil.

Susanne Elfferding in RadCity 3/2015

Quellen

Artikel auf IrishCycle.com mit vielen weiterführenden Links
irishcycle.com/2015/01/16/high-vis-cant-solve-drivers-inattentional-blindness-and-its-promotion-has-failed/

Forschungsbericht zum Seitenabstand bei unterschiedlicher Bekleidung
opus.bath.ac.uk/37890/

Augenbewegungen von Fahrern
road.cc/content/news/81753-invisible-cyclists-eye-tracking-experiment-finds-drivers-dont-see-more-1-5-riders

Forschungsbericht über Sichtbarkeit und Unfallwahrscheinlichkeit
eurpub.oxfordjournals.org/content/early/2014/07/31/eurpub.cku117