21.11.2011

Kommunikation ist (fast) alles

Von: Amrey Depenau

Verkehrspsychologe Jörg-Michael Sohn berät seit mehr als 25 Jahren Institutionen und Einzelpersonen zu Fragen des Verhaltens im Straßenverkehr. Wir fragten ihn nach den Mechanismen, die zum beinahe alltäglichen »Krieg auf Hamburgs Straßen« führen.

RadCity: Anlass für unseren Schwerpunkt »Aggressionen« ist der Fall einer Radfahrerin, die von einem Autofahrer geschlagen wurde. Sie war von dem fahrenden Auto abgedrängt worden und hatte als Reaktion mit der flachen Hand auf das Fahrzeug geschlagen. Daraufhin stieg der Fahrer aus und schlug sie nach kurzem Wortgefecht ins Gesicht. Wie erklären Sie sich eine solche Aggression?

Verkehrspsychologe Jörg-Michael Sohn

Jörg-Michael Sohn: Ohne den Fall im Detail zu kennen – der klassische Macho schlägt sehr ungern Frauen. Seine Wut muss also außerordentlich groß gewesen sein. Im Straßenverkehr sind wir darauf angewiesen zu kommunizieren. Das geht aber oft nicht. Wir sehen durch eine getönte Scheibe nicht richtig, können weder mit Gestik noch mit Mimik arbeiten, sprechen schon gar nicht. Hinzu kommt oft die Annahme, man selbst handle korrekt, der jeweils andere jedoch falsch. So schaukelt sich eine Situation schnell hoch, bevor man überhaupt ein Wort miteinander gewechselt hat.

Es geht also vor allem um fehlende Kommunikation?

Genau. Wir gehen im Straßenverkehr von bestimmten Annahmen aus, Grundregeln sozusagen. An roten Ampeln hält man, Einbahnstraßen werden nur in eine Richtung befahren, Radfahrer gehören auf den Radweg, Tempo 50 in Hamburg heißt eigentlich Tempo 70. So war es immer und so wird es immer sein.

Wenn eine dieser Gewohnheiten geändert werden soll, muss dies mehr als deutlich kommuniziert werden. So erklärt sich auch, weshalb es bei für den Radverkehr in Gegenrichtung geöffneten Einbahnstraßen öfter zu Konflikten mit Autofahrern kommt. Diese fühlen sich im Recht, da sie ja in einer Einbahnstraße sind. Große Schilder, die die Freigabe deutlich signalisieren, z.B. durch »Radfahrer dürfen hier fahren!«, wären hilfreich. Auch wenn man z. B. über Tempo 30 in Städten nachdenkt, sollte eine klare Regelung gefunden werden, die gut kommuniziert wird. In St. Gallen z.B. ist ein Teil der Innenstadt mit einer Art Teppich überzogen. Hier fährt man automatisch langsam, denn wer rast schon durch ein Wohnzimmer.

Und im direkten Kontakt unter den Verkehrsteilnehmern?

Da hilft aus Radfahrerperspektive, Augenkontakt durch das Fenster zu suchen. Den Teufelskreis der Eskalation durchbricht man übrigens eher, wenn man nicht auf seinem Recht beharrt.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir meist auf die Interpretation eines Ereignisses reagieren, nicht auf das Ereignis selbst. »Der will mich wohl provozieren!«, denken wir; dabei hat der andere schlicht ein Schild übersehen.

In meinen Beratungsgesprächen bringe ich oft das Beispiel eines überholenden Kleinwagens auf der Autobahn, der nach dem Überholvorgang die linke Spur blockiert und erst sehr spät wieder nach rechts zieht. Der schnelle Mercedes-Fahrer dahinter ist sauer. »Der macht das doch extra!«. Dabei hat der Kleinwagen-Fahrer nur den Führerschein neu und will alles richtig machen.

Manche Konflikte entstehen aber auch durch mangelhafte Verkehrsanlagen.

Absolut richtig. Die Planer scheinen oft zu vergessen, dass jede Verkehrsregelung in ein soziales System eingebunden ist. Sozialwissenschaftliche Experten werden viel zu selten in solche Planungen einbezogen. Dabei könnte ihr Blickwinkel helfen, Konfliktpotenzial, z. B. an großen Kreuzungen, rechtzeitig zu erkennen und zu entschärfen.

Ein spannender Ansatz, den der ADFC in seine Arbeit integrieren sollte. Wir bedanken uns herzlich für dieses anregende Gespräch.

Amrey Depenau in RadCity 6/2011