06.06.2015

Vom Märchen der Warnwesten als Unfallschutz

Von: Mechthild Klein

Auf Hamburgs Straßen wogt bald ein Meer an leuchtend gelben Farben

Mit reflektierenden Armlingen, gelben Jacken und grellen Accessoires wollen sich Radler auf den Straßen sichtbarer machen und so vor Unfällen schützen. Doch Untersuchungen verweisen das Anliegen ins Reich der Wünsche. Das bestätigt auch der Verkehrspsychologe Prof. Dr. Mark Vollrath von der Technischen Universität Braunschweig.

Die meisten Unfälle baut der Radler – Erhebungen zufolge – ohne Unfallgegner. Da nützt auch eine Warnweste nichts. Die Weste führt auch nicht dazu, dass Autofahrer rücksichtsvoller und mit mehr Abstand an ihnen vorbeifahren. So viel vorweg. »Nachts hingegen können die Westen schon für eine bessere Sichtbarkeit im Straßenverkehr sorgen«, räumt Mark Vollrath ein.

Unfälle sind ein komplexes Geschehen. Die Aufmerksamkeit beim Fahren wird von vielen Dingen beansprucht. Zudem dürfen Autofahrer laut Musik hören und telefonieren. »Konzentriert man sich auf eine Sache stark, fehlt die Aufmerksamkeit an anderer Stelle. D. h., dass Autofahrer dann weniger vorausschauend fahren können«, sagt Vollrath. Sie trifft eine stärkere Schuld, wenn sie in einen Unfall verwickelt sind und dabei telefoniert haben.

Das Argument vieler Autofahrer nach dem Unfall, er habe den Radler nicht gesehen, kann man mit einer Warnweste also nicht aushebeln, sagt er. Wenn Autofahrer beim Rechtsabbiegen den Schulterblick unterlassen und den Radler auf den klassischen Radwegen übersehen, dann hilft die schönste Leuchtjacke nicht. Doch auf der Straße ist der Radfahrer sichtbarer mit der Warnweste, ergänzt der Verkehrspsychologe.
Aber was die Einschätzung der eigenen Sichtbarkeit angeht, da liegen auch viele Radler daneben, die im Dunkeln ohne Beleuchtung am Rad fahren. In Braunschweig ergab eine Studie von 2014, dass nachts fast 50 % der Radler ohne Licht unterwegs waren. Sie glaubten, sie gefährdeten niemanden, weil sie unter Straßenlampen fuhren und seien daher sichtbar. »Ein völliger Trugschluss«, sagt Vollrath.

Ein anderer Punkt: Wenn alles tagsüber Leuchtkleidung trägt, dann schwindet die Sichtbarkeit wieder, schätzt Vollrath. Nur wenn einzelne Leuchtradler unterwegs sind, ist die Sichtbarkeit höher. »Wenn die Kreuzungen im Verkehr unübersichtlich sind und der Autofahrer damit beschäftigt ist, einen Weg durch das Knäuel zu suchen, sinkt die Sichtbarkeit der Leuchtweste wieder«, ergänzt er. »Der Aufmerksamkeitseffekt funktioniert nur, wenn man sich abheben kann von der Umgebung.«

Fragt man nach einem Unfall die Beteiligten, sind sie oft ratlos, über das wie und warum des Geschehens. Trotzdem können zumindest Erwachsene ihr Verhalten z.T. weitgehend einschätzen, bei Kindern ist es auf keinen Fall so. Daher rät Vollrath, sie mit Signalfarben auf dem Rad und zu Fuß auszustatten.
»Ganz schräg« findet der Verkehrspsychologe die Argumentation, wer auf dem Rad dunkle Sachen trage, habe eine Mitschuld an einem Unfall. »Damit schiebt meist der Autofahrer die Verantwortlichkeit der anderen Seite zu«, sagt der Verkehrsexperte. »Das geht nicht.«

Fazit: Wir können nicht sagen, mit Warnweste gibt es 30 % weniger Unfälle. Das wissen wir nicht. Es hilft nur, vorausschauend zu fahren, für die anderen Verkehrsteilnehmer auch mitzudenken.

Mechthild Klein in RadCity 3/2015