03.06.2015

Drei Stufen hinauf in eine andere Welt

Von: Amrey Depenau
Trotz – oder wegen – der Spiegel ist die Abbiegesituation sehr komplex
Fährt auf diesem Schutzstreifen eine Radfahrerin, muss der Lkw dahinter bleiben.
»Der Auflieger ist wie ein Stock«
Irgendwo da unten könnte jemand stehen …
Was von rechts kommt, sieht der Fahrer erst, wenn er bis zum Stoppschild vorfährt

Mit der Lkw-Fahrschule auf Hamburgs Straßen unterwegs

In Heft 02/15 hatten wir es bereits thematisiert: Fünf tödliche Unfälle von Radfahrern wurden im vergangenen Jahr durch Lkw verursacht. In den sozialen Netzwerken der Radlerszene führte das zu einem ordentlichen Lkw-Bashing. Von Unverantwortlichkeit war die Rede, davon, dass Lkw-Fahrer rücksichtslos seien. Ein gutes Stichwort, denn diese haben ja tatsächlich meist keine Rücksicht, also keine freie Sicht nach hinten. Wie man sich fühlt im Führerhäuschen, was man dort alles im Blick haben muss, das möchte ich gerne selbst erleben.

Schweres Gerät

Den Perspektivwechsel ermöglicht mir die SVG-Fahrschule in Hammerbrook. An einem sonnigen Frühlingstag finde ich mich auf dem Parkplatz neben der Tankstelle ein. Die großen 40-Tonner mit dem Fahrschul-Logo stechen sofort ins Auge. Ich gehe hinüber und erkläre einem der Männer in den gelben Westen mein Anliegen. »Der Fahrlehrer steht dahinten«, verweist er mich an Herrn Becker, der mich freundlich begrüßt und bittet, noch einen Moment zu warten.

So werde ich Zeugin eines Einparkmanövers, das bei einem Gerät dieser Größenordnung ein schwieriges Unterfangen ist. »Der Lkw ist hinten wie ein Stock«, erklärt der Fahrlehrer später. Ich erinnere mich, wie schwer es mir fällt, mein Fahrrad zu rangieren, wenn ich den Anhänger dran habe.

Mühsamer Start

Die neue Fahrstunde beginnt. Der Fahrschüler steigt von seiner Seite ein, wir von der rechten Seite. Die Stufen sind in die Tür eingelassen und ganz schön hoch. Wie der Aufstieg auf einen Hochsitz fühlt es sich an. Im Inneren ist die Kabine nicht viel anders als in einem kleineren Transporter. Diese Gemütlichkeit trügt jedoch: Jede Bewegung mit diesem riesigen Fahrzeug muss wohlüberlegt sein. Das zeigt sich schon bei dem Versuch, sich vom Parkplatz aus in den Verkehr auf der Straße einzufädeln. Ein paar Minuten stehen wir an der Ausfahrt. Mit einem Pkw hätte sich längst eine Lücke gefunden. Der Fahrer des Lkw muss immer den Radius seines Sattelaufliegers im Blick haben. Als Fahrschüler ist er zu Recht besonders vorsichtig.

Höchste Betriebsgefahr

Einmal auf der Fahrbahn, zeigt sich, was der Fahrer ständig überblicken muss: Reicht der Platz in der Kurve? Habe ich beim Abbiegen Fußgänger und Radfahrer erblickt? Ist vielleicht hinter dem Lkw an der Kreuzung noch ein Pkw versteckt, der später hervorschießt? – In der Kurve verstellt der Auflieger dann komplett die Sicht, so dass man nur noch ahnen kann, was dahinter geschieht. »Es geht immer um die Höhe der Betriebsgefahr«, sagt Herr Becker. Will heißen, zuerst gilt es, die nicht motorisierten, also schwächsten Verkehrsteilnehmer zu schützen, dann geht es um Motorräder und Pkw. In der Praxis treten allerdings alle gleichzeitig auf und nur die wenigsten denken ihrerseits an den Lkw-Fahrer. So sind zum Beispiel Radfahrer sehr unangenehm, die sich auf der Fahrbahn unberechenbar verhalten.

Aus dem Weg

Natürlich hätten die Fahrer die Radler generell lieber auf Bordsteinradwegen. »An einem Radfahrer hier auf dem Schutzstreifen kommen Sie nicht vorbei. Keine Chance.«, erklärt der Fahrlehrer. Tja, denke ich im Stillen. So is Lebbe. Da zeigt sich eben auch im Führerhäuschen der Wunsch nach freier Fahrt zu jeder Zeit. Ich versuche das Gespräch in Richtung »alle Verkehrsteilnehmer sollten doch im Straßenverkehr gleichberechtigt sein« zu lenken und ernte ein mildes Lächeln. Nun ja, mir geht es ja auch in erster Linie darum, den Blickwinkel im Lkw einzunehmen. Da gehört das wohl dazu.

My World

Nach einigen Schleifen in Rothenburgsort und Hammerbrook, die mir erneut die oft schlechten Sichtbeziehungen an vielen Einmündungen und Kreuzungen vor Augen führen, geht es zurück zum Parkplatz. Rückwärts steige ich aus dem Lkw-Himmel herab und verlasse damit symbolisch die andere Perspektive. In Sichtweite lehnt mein Klapprad an einem Poller. Auf der Fahrt über die Elbbrücken nach Hause werde ich besonders auf die Lkw achten und ganz sicher vermeiden, in ihren toten Winkel zu geraten. Und wenn mir einer demnächst an einer Ausfahrt mal wieder im Weg ist, versuche ich es mit dem Perspektivwechsel im Kopf. Hilft ja nix, wir müssen klarkommen im knappen Straßenraum.

Amrey Depenau in RadCity 3/2015