15.12.2010

Geisterfahrer

Von: Online-Redaktion

Sie tauchen überraschend auf und bringen sich und andere im Straßenverkehr in Gefahr: Geisterfahrer auf Radwegen. Schuldgefühle haben sie selten, Ausreden hingegen viele. Täglich sind Tausende Radfahrer auf der falschen Straßenseite unterwegs – und unterschätzen das zuweilen tödliche Risiko.

ADFC-Verkehrsreferent Wilhelm Hörmann sagt: „Schon wenn zwei Radfahrer zusammenstoßen, können sie sich schwer verletzen." Ein noch größeres Risiko: Wenn Autofahrer aus Einfahrten oder Einmündungen kommen oder abbiegen möchten, rechnen sie nicht mit Radfahrern, die auf der falschen Seite unterwegs sind.

Bewegen sich zwei Fahrradfahrer auf oft schmalem Radweg aufeinander zu, führt dies zu gefährlichen Ausweichmanövern. In Hamburg beispielsweise starb 2005 eine Geisterfahrerin, als sie auf die Fahrbahn auswich und dort von einem Lkw überrollt wurde. Das ADFC-Magazin Radwelt fragte bei Falschfahrern in der Hansestadt nach. „Ich fahre nur mal ein paar hundert Meter auf der falschen Seite" heißt es, oder: „Das ist mir doch egal, ich fahre, wo ich will. Funktioniert doch!" Aber es gab auch berechtigte Kritik wie: „Bei der Verkehrsführung ist mir nicht klar, wo ich fahren soll." Tatsächlich lässt eine undurchsichtige Radwegeführung Radfahrer immer wieder einmal zu Geisterfahrern werden.

Das Fahren auf dem linken Radweg ist laut Straßenverkehrsordnung (StVO) manchmal sogar erlaubt. Er kann für den Gegenverkehr mit einem Verkehrszeichen "Radverkehr frei" freigegeben werden. ADFC-Rechtsreferent Roland Huhn: „Mit dem Linksfahren sind besondere Gefahren verbunden. Deshalb soll es nach der StVO die Ausnahme bleiben."

Der ADFC Hamburg hat 2004 eine Kampagne gegen das Geisterradeln gestartet, die bundesweites Medienecho erzeugte. „Geisterradeln kann tödlich sein" lautete das Motto der Aktion. Die Kampagne richtete sich auch gegen offiziell für den Gegenverkehr freigegebene Radwege, die dafür gar nicht die notwendige Breite aufwiesen. Auch wies der Verein auf die Mitschuld der Behörden am Falschfahrertum hin. So gibt es an vielen Kreuzungen nicht über jede einmündende Fahrbahn eine Ampel. Radfahrer müssten entweder den rechten Radweg zur nächsten Kreuzung nehmen oder fahren eben "links herum" über die Kreuzung. Selbst 1 m schmale Radwege, direkt neben parkenden Autos entlang geführt, fand der ADFC Hamburg für den  Zweirichtungsverkehr freigegeben. Wer solche Radwege baut und anordnet, darf sich nicht wundern, wenn Radfahrer manche Verkehrsregel nicht mehr akzeptieren. Die Anlage solch mangelhafter Radwege und Kreuzungen erfolgt in dieser Form übrigens meist, um mehr Platz für den Autoverkehr in Form einer weiteren Fahr- oder Abbiegerspur zu schaffen oder diesem an der Ampel den Vorrang einzuräumen.

Als dauerhafte Lösung gegen das Geisterradeln fordert der Leiter des ADFC-Fachausschusses Radverkehr, Martin Jobst, Radfahrer auf die Fahrbahn zu bringen – im Mischverkehr gleichberechtigt mit Autofahrern und nicht separat auf einem Radweg. „Auf der Fahrbahn kommen nur die wenigsten auf die Idee, in der falschen Richtung zu fahren", sagt Martin Jobst. Die Trennung von Rad- und Autoverkehr habe dazu geführt, dass Autofahrer beim Kreuzen des Radwegs die Radfahrer nur schlecht sehen können, wenn der Radweg und damit die Radfahrer beispielsweise von parkenden Autos oder einem Grünstreifen verdeckt werden.Klar ist aber auch: Je mehr Menschen im Alltag Rad fahren, desto weniger Geisterfahrer wird es geben, so der ADFC. Denn schließlich lässt sich keiner gerne vom Strom der Radfahrer niederklingeln.

Gute Infrastruktur verhindert Geisterradeln

Kopenhagen: Eindeutige Führung der RadfahrerInnen – keine Geisterradler

Kopenhagen

Kopenhagener nehmen ganz offensichtlich als Radfahrer mehr Rücksicht aufeinander. Radwege sind in der Regel mehr als zwei Meter breit, dieser Vorteil wird aber nicht zum Geisterradeln sondern für den mehrspurigen Radverkehr und Überholvorgänge genutzt. Die Verkehrsregeln sind klar und eindeutig. Es gilt eine generelle Radwegebenutzungspflicht. Gehwege dürfen nirgends benutzt werden. Sind Radwege vorhanden, sind diese immer auf beiden Seiten einer Straße angelegt. Radfahrer werden also niemals zum Linksfahren gezwungen. Radwege sind so angelegt, dass sie grundsätzlich immer benutzt werden können und von Radfahrern gern akzeptiert werden. Und schließlich gibt es immer eine eindeutige Führung, auf die sich Radfahrer verlassen können.

Basel: Radfahrstreifen auf der Strecke und im Knoten – keine Geisterradler

Basel

Städte mit vielen Radfahrstreifen auf der Fahrbahn beugen dem Geisterradeln ebenso vor. So bleibt auch Basel von Geisterradlern verschont. In Kreuzungsbereichen werden Radfahrer in der Regel ohne große Umwege direkt geführt. Hier helfen also als Mittel gegen das Geisterradeln klare, einfache Verkehrsregeln und eine Infrastruktur, die den Radverkehr nicht benachteiligt.