27.03.2015

Im toten Winkel

Von: Susanne Elfferding
Typischer Konflikt: Auto nach rechts schneidet RadfahrerIn nach geradeaus
LKW mit tiefen Seitenfenstern und ausgeklügeltem Spiegelsystem. Der runde Spiegel oben im Bild kann über einen Spiegel auf dem Armaturenbrett eingesehen werden (in Japan wird links gefahren, deshalb drucken wir das Foto horizontal gespiegelt) (Foto: Japan – Sanjo (Lizenz: CC-by-sa 3.0, MRT_Miyazaki_Digital_ HDTV_Outside_broadcasting_Truck.JPG))

Unfälle zwischen LKW und Radfahrern enden oft tragisch. An fünf von elf tödlichen Fahrrad-Unfällen in Hamburg waren im vergangenen Jahr LKW beteiligt. Drei davon wurden von rechts abbiegenden LKW verursacht.

Die Rechtslage ist eindeutig: Wer nach rechts abbiegen will, muss geradeaus fahrende Radfahrer vorbei lassen. Egal, ob sie auf dem Radweg oder auf der Fahrbahn unterwegs sind.

Jeder hat schon einmal vom toten Winkel gehört. Wie groß der beim LKW wirklich ist, kann sich nur jemand vorstellen, der schon einmal in einem LKW saß. Zeitdruck, komplexe Verkehrssituationen und die oft nur mikroskopisch kleinen Zeitfenster, in denen Radfahrer und Fußgänger trotz aller Spiegel gut sichtbar sind, verschärfen das Problem. Für mehr Verkehrssicherheit gibt es eigentlich nur drei Stellschrauben:

Bewusstsein

Jeder, der mit einem Kraftfahrzeug rechts abbiegt, muss besonders vorsichtig sein. Alle, die mit dem Rad unterwegs sind, sollten auf Rechtsabbieger besonders achten und möglichst Blickkontakt suchen. Für Radler gilt: Ein Schulterblick nach links und Bremsbereitschaft können vor Unfällen schützen.

Gestaltung von Kreuzungen und Einmündungen

Eine sichere Kreuzung ist intuitiv verständlich und kompakt. Der Radverkehr muss stets für alle gut sichtbar sein und vorhersehbar geführt werden. Freie Rechtsabbieger und großzügige Kreuzungen, die zum schnellen Abbiegen verleiten, haben in der Stadt nichts zu suchen.

Fahrzeugtechnik

Inzwischen gibt es viele technische Möglichkeiten, das Sichtfeld eines LKW-Fahrers zu erweitern. Mit einem elektronischen Abbiegeassistenten ließe sich die Zahl der Unfälle mit Radfahrern und Fußgängern deutlich verringern.

Auch die Gestaltung der Fahrzeuge kann helfen, den toten Winkel zu reduzieren. Durch seine hohe Sitzposition sieht der Fahrer eines LKWs oft nur den Haarschopf eines Radfahrers oder Fußgängers. Kinder verschwinden sogar ganz aus dem Sichtfeld. Deshalb werden die Seitenfenster von LKW in Japan vorn weiter nach unten gezogen. Bei vielen Fahrzeugen gibt es sogar ein weiteres Fenster auf Kniehöhe. Schon diese einfache Maßnahme hat sich positiv auf die Unfallstatistik in Japan ausgewirkt, da der LKW-Fahrer mehr Bewegungen außerhalb des Fahrzeugs wahrnehmen kann.

Was kann man tun, bis alle Kreuzungen umgebaut und alle Fahrzeuge technisch aufgerüstet sind? Es bleibt nur, äußerlich selbstbewusst, aber innerlich defensiv zu fahren.

Susanne Elfferding in RadCity 2/2015