26.05.2015

Lkw-Unfälle und toter Winkel

Von: Johanna Drescher, Susanne Elfferding, Merja Spott

Im Hamburger Stadtgebiet passieren immer wieder Lkw-Unfällen mit gravierenden Folgen für die darin verwickelten Radfahrer. Wie kann das sein? Der ADFC Hamburg hat versucht, eine Antwort zu finden: Durch ein vom Bußgeldfonds gefördertes Projekt organisierte der Verein ein Fachgespräch mit Vertretern der Hamburger Verwaltung und anderen Verbänden. Hier stellen wir die Ergebnisse der Recherchen und des Fachgesprächs in Kurzform vor.

Als wichtigste Unfallursache wird immer wieder der tote Winkel genannt. Unfallberichte erwecken dabei den Eindruck, dass Unfälle unvermeidbar sind. Das ist so zwar nicht richtig, aber eins ist klar: das Problem ist komplex und einfache Lösungen gibt es nicht. 

Was sieht man aus einem Lkw?

Ohne Spiegel kann ein Lkw-Fahrer tatsächlich erschreckend wenig sehen. Deshalb sind in der Europäischen Union Spiegel Pflicht, die das Sichtfeld der Lkw-Fahrer erweitern sollen.

Toter Winkel – die rot markierten Bereiche sind aus Lkw unter 3,5t nicht einsehbar (Grafik ADFC Münsterland)
EU-weit vorgeschriebene Sichtfelderklassen (Grafik: Fa. MEKRA LANG)

Sichtfeldklasse II: alle Kfz
Sichtfeldklasse IV: alle Lkw
Sichtfeldklasse V: alle Lkw über 3,5t
Sichtfeldklasse VI: alle Lkw über 12t

Trotz aller Spiegel kann der Fahrer nicht alles jederzeit im Blick haben. Spiegel sind nicht immer ergonomisch, oft sind sie nicht richtig eingestellt oder verschmutzt. Auch die Nutzung der Spiegel muss geübt sein: Wann muss man wo in einen Spiegel sehen, um Radfahrer und Fußgänger zu erkennen? Gerade an Kreuzungen prasseln weitere Informationen auf den Fahrer ein, die Verkehrsabläufe in einer Stadt sind schnell und komplex. Und so, wie die Infrastruktur heute gebaut ist, ist es da teilweise schwierig, den Überblick zu behalten.

Drei Komponenten beeinflussen also die Sicherheit auf den Straßen: Der Mensch, das Fahrzeug, die Infrastruktur.

Der Mensch

(1) Sensibilisierung der Lkw-Fahrer:

  • Wenn den Fahrern bewusster ist, wann und wie sie Radfahrer und Fußgänger gefährden, fahren sie aufmerksamer im Straßenverkehr. Telefonieren am Steuer muss tabu sein, das direkte Sichtfeld darf nicht mit persönlichen Gegenständen eingeschränkt werden.
  • Die Benutzung und Einstellung der Spiegel lässt sich durch ein verbessertes Training in den Unternehmen anhand der vorhandenen Fahrzeuge optimieren. Nur wenn der Lkw-Fahrer im Richtigen Moment in den jeweils richtigen Spiegel sieht, ist gewährleistet, dass die Radfahrer erkannt werden.
  • Die Lkw-Fahrer dürfen nicht mit dem Abbiegevorgang beginnen, bevor sicher gestellt ist, dass von hinten oder von vorn keine vorfahrtsberechtigten Radler mehr kommen. Sobald die Fahrerkabine schräg steht, verschiebt sich der Sichtbereich der Spiegel ungünstig.

(2) Sensibilisierung der Radfahrer:

  • Die Radfahrer müssen Informationen darüber erhalten, was aus der Fahrerkabine eines Lkw eigentlich zu sehen ist. Viele schätzen ihre eigene Sichtbarkeit falsch ein.
  • Lkw-Unfälle sind meist besonders schwer, weil die Radfahrer und Fußgänger von den nachlaufenden Rädern überrollt werden. Der Weg, den diese auf der Straße nehmen, wird oft nicht richtig eingeschätzt, die Gefahr des Überrolltwerdens entsprechend unterschätzt.

Was ist zu tun?

  • Unternehmen sind aufgefordert, stets für eine praktische Weiterbildung der Fahrer zu sorgen.
  • Die Polizei und die Verbände können mit Aufklärungsarbeit für eine stärkere Sensibilisierung sorgen.
  • Die Stadt Hamburg muss mit einer großen Kampagne zur Verkehrssicherheit, in die alle relevanten Behörden und Akteure eingebunden sind, die einzelnen Zielgruppen ansprechen.

Das Fahrzeug

Der Lkw ist an sich zu groß für städtische Infrastruktur. Durch die hohe Sitzposition und die kleinen Fensterflächen ist das direkte Sichtfeld zu klein, um schnelle und komplexe Verkehrsabläufe korrekt zu erfassen.

Das Problem lässt sich durch derzeit vorhandene technischen Lösungen nur bedingt lösen. Dennoch: Die Stadtreinigung Hamburg macht vor, was geht: Müllfahrzeuge, die mit Bustüren ausgerüstet sind, haben sich bewährt. Beifahrer haben den Verkehr im Blick und die Fahrer werden besonders geschult.

Eine wirkliche Lösung lässt sich nur durch den Einsatz von Assistenzsystemen erreichen, die noch nicht auf dem Markt sind. Diese Systeme müssen in der Lage sein, Radfahrer und Fußgänger auch hinter stationären Hindernissen wie parkenden Fahrzeugen zu erfassen. Diese Forderung wird nicht nur durch den ADFC vertreten, sondern auch von der Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswirtschaft.

Was ist zu tun?

  • Unternehmen und die öffentliche Verwaltung sind gehalten, bei der Beschaffung auf die technische Ausstattung der Lkw zu achten. Das gilt sowohl für den Kauf von Lkw als auch beim Einkauf von Leistungen, die Lkw-Transporte notwendig machen.
  • Die Stadt Hamburg muss sich in bundesweiten Gremien dafür einsetzen, dass bundesweit strengere Regeln gelten. Neben einheitlichen Spiegeln für alle Lkw ist das besonders die Pflicht, Lkws mit einem Abbiegeassistenten auszurüsten. Lkw-Routensysteme müssen in alle Navigationssysteme eingespeist werden.
  • Der ADFC-Bundesverband setzt sich bereits seit einiger Zeit für eine Pflicht zur Ausrüstung der Lkw mit Assistenzsystemen ein.

Die Infrastruktur

Lkw-Unfälle treten nicht gehäuft an bestimmten Stellen oder an bestimmten baulichen Anlagen auf. Daher ist es kaum möglich, Lkw-Unfälle durch die Straßengestaltung zu vermeiden. Trotzdem muss an allen Kreuzungen die Verkehrssicherheit aller Verkehrsteilnehmer vor dem Verkehrsfluss von Kfz gehen. Denn gerade Senioren und Kinder haben Probleme, schnell veränderliche, komplexe Situationen korrekt zu erfassen und angemessen darauf zu reagieren. Deshalb müssen alle Knotenpunkte im Stadtgebiet einfach, kompakt und übersichtlich sein. Bauliche Maßnahmen, die den Kfz-Verkehr ungebührlich beschleunigen – wie etwa freie Rechtsabbieger – haben in der Stadt nichts zu suchen.

Was ist zu tun?

  • Die Stadt Hamburg muss darauf achten, die Haltelinien von Radfahrstreifen und Schutzstreifen sowie von aufgeweiteten Aufstellflächen so anzulegen, dass sie 5 m vor der Haltelinie für den Kfz-Verkehr liegen. Nur dann ist es Lkw-Fahrern möglich, Radfahrer direkt und ohne die Nutzung von Spiegeln zu sehen.
  • Ein deutlicher Grünvorlauf für Radfahrer sorgt dafür, dass die meisten Radfahrer die Kreuzung verlassen haben, bevor die Lkw abbiegen.
  • Wege für den Radverkehr müssen flächendeckend und durchgängig so gestaltet sein, dass Radfahrer sich ernst genommen fühlen. Nur so lässt sich vermeiden, dass sie regelwidrig auf den linken Radwegen oder den Fußwegen fahren und sich dadurch gefährden.