22.04.2012

Polizei noch zu autofixiert

Von: Ulf Dietze, Dirk Lau
Autounfall in Hamburg
An der großen Mehrzahl der Unfälle sind Radfahrer gar nicht beteiligt.

Mit ihren aufwändigen Fahrrad-Großkontrollen und der begleitenden Pressearbeit trägt die Polizei leider nicht zur Verkehrssicherheit auf Hamburgs Straßen bei.

Vergangene Woche, am Donnerstag, den 19.04.2012, führte die Fahrradstaffel der Hamburger Polizei ihre erste diesjährige Großkontrolle an acht Stellen der Stadt durch, vorgeblich um die zuletzt wieder gestiegene Zahl von Verkehrsunfällen mit Radfahrerbeteiligung zu senken. In dem Zusammenhang veröffentlichte die Polizeipressestelle einige Zahlen, die deutlich machen, welch autofixiertes Denken dort vorherrscht und mit welcher Freude man Stimmung macht:

»Ca. 54 Prozent der Verkehrsunfälle mit beteiligten Radfahrern werden durch Fahrzeugführer verursacht.«, heißt es in der Pressemitteilung der Polizei anlässlich der ersten Großkontrolle. Der Begrifft »Fahrzeugführer« beinhaltet für die Polizei also nur die Fahrer von PKW und LKW und ausdrücklich nicht die Radfahrer. Das ist Unfug, denn die StVO stellt unmissverständlich fest, dass auch Radfahrer ein »Fahrzeug« führen. Denkt und spricht man wie Hamburgs Polizei, würde die halbe Straßenverkehrsordnung für Radfahrer nicht gelten, ist doch dort an vielen Stellen lediglich von Verhaltensnormen für »Fahrzeugführer« die Rede.

Den nächsten Absatz beginnt die Polizeipressestelle so: »Ca. 41 Prozent der Radfahrunfälle werden von den Radfahrern selbst verursacht. Aufgrund dieser hohen Zahl widmet sich die Polizei bei Verkehrsüberwachungsmaßnahmen auch den Radfahrern.«

Was wird hier verglichen?

Die Aussage »41 Prozent der Unfallverursacher sind Radfahrer selbst« soll zusammen mit den zuvor genannten 54 % »Fahrzeugführer« als Hauptverursacher von Unfällen mit Radfahrerbeteiligung bewusst auf eine falsche Fährte lenken. Scheinbar wird hier verglichen, wie gut oder schlecht sich Auto- und Radfahrer verhalten. Der Unterschied zwischen 54 % und 41 % klingt dann geringfügig und beide Zahlen nebeneinander gestellt suggerieren, als sei es durchaus geboten, bei den Radfahrern anzusetzen, wenn man die Verkehrssicherheit signifikant erhöhen will.

Tatsächlich betrachtet die Polizei nur Unfälle, bei denen mindestens ein Radfahrer und ein weiterer Verkehrsteilnehmer beteiligt war, also auch Unfälle zwischen Radfahrern und Fußgängern sowie solche, an denen Radfahrer mit anderen Radfahren aneinanderstießen. Beides sind Unfallkonstellationen, die die »Schuld-Quote« der Radfahrer quasi automatisch hochtreiben müssen, die aber zu genau 0 % überhaupt auf einen Autofahrer als Unfallverursacher bzw.  »Hauptschuldigen« zutreffen können. Völlig außen vor lässt die Polizei bei ihren unseriösen Zahlenspielen die Autofahrer-Autofahrer-Unfälle und die Autofahrer-Fußgänger-Unfälle, um zu Prozentzahlen zu gelangen, mit denen sie ihre »Großkontrollen« rechtfertigen kann.

Wer aber stattdessen die Gesamtzahl der Verkehrsunfälle in Hamburg in seine Betrachtung über die Sicherheit auf den Straßen miteinbezieht, dem bietet sich – wenig überraschend – ein ganz anderes Bild, als das von der Polizei beschworene Szenario.

Radfahrer verhältnismäßig selten »Hauptschuldige«

In 2011 wurden in Hamburg 66.118 Verkehrsunfälle registriert. An 3083 davon war mindestens ein Radfahrer beteiligt. Also waren Radfahrer, die in Hamburg ungefähr 12 % des Verkehrsaufkommen ausmachen, nur an 4,7 % der registrierten Unfälle beteiligt. Genaue Zahlen über die Verursacher dieser »Radfahrunfälle« liegen für 2011 noch nicht vor. Aus den Vorjahren wissen wir aber, dass rund 40 % der Unfälle mit Radfahrerbeteiligung von Radfahrern selbst verursacht werden.

Fahrradstaffel der Polizei
Gute Ansätze: Die Fahrradstaffel stellt sich an Infoständen den Fragen der RadfahrerInnen und Radfahrer und berät zu Verkehrssicherheit ...

Folglich kann man davon ausgehen, dass auch in 2011 weniger als zwei Prozent der Unfälle auf Hamburgs Straßen von Radfahrern verursacht wurden. Sieht man dann noch genauer hin und fragt zum Beispiel, ob der Radfahrer, der den Unfall verursacht hat, mindestens 18 bzw. 17 Jahre alt war (darunter kann ein Autofahrer schließlich selbst keinen Unfall verursachen), so bleibt ein verschwindend geringer Anteil – kaum 1 Prozent … – von erwachsenen Radfahrern als Hauptunfallverursacher von Verkehrsunfällen übrig.

Angesichts dieser Zahlen dürfte es keine Frage mehr sein, wo seriöse Verkehrssicherheitsarbeit auch in Hamburg ansetzen muss: Die Polizeipressestelle fällt jedoch auf ihren kreativen Umgang mit der Statistik selbst herein und schlussfolgert: »Aufgrund dieser hohen Zahl widmet sich die Polizei bei Verkehrsüberwachungsmaßnahmen auch den Radfahrern.« Solche »Einsichten« führen nicht dazu, dass Radfahrende sich von der Polizei als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer ernst genommen fühlen.

Polizisten begleiten Fahrraddemo
... Polizisten auf Rädern zeigen Präsenz auf der Fahrbahn.

Wer das eine Prozent Unfälle mit Großkontrollen bekämpfen will, schießt mit Kanonen auf Spatzen und verschwendet Ressourcen statt zur Unfallvermeidung und -vorbeugung auf Hamburgs Straßen beizutragen. Ganz zu schweigen davon, dass die Polizei die Schwere der Unfälle nicht berücksichtigt, statt der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die Toten und Schwerverletzten im Straßenverkehr fast ausschließlich auf das Konto des entfesselten und kaum kontrollierten Autoverkehrs gehen.

Motive berücksichtigen und Fahrradinfrastruktur verbessern

Rücksichtsloses Fahren, wie es die Polizei bei Radfahrern anprangert, soll mit dieser Rückbesinnung auf die Fakten nicht entschuldigt werden. Regelwidriges Verhalten im Straßenverkehr lässt sich jedoch nicht gleichsetzen mit rücksichtslosem Verhalten. Und solange die Motive nicht betrachtet und daraus notwendige Schlüsse gezogen werden, wird sich das Verhalten ohnehin nicht ändern.

Gemeinsame Streuscheibe für Fußgänger und Radfahrer.
Typisches Problem: Radfahrer werden Fußgängern gleichgestellt, obwohl ihr Fahrtempo ganz andere Grünzeiten zuließe.

Doch gerade beim Verfolgen des Rotlichtfahrens zeigt sich diesbezüglich ein Mangel. Als Hauptunfallursache taucht Rotlichtfahren bei Radfahrern über die Jahre nicht auf – auch wenn die Polizei gerade in Interviews das Gegenteil behauptet. Stattdessen ist das Rotlichtfahren oftmals der Missachtung der Radfahrerinteressen geschuldet: Den viel langsameren Fußgängern signaltechnisch zugeordnet oder von Anforderungsampeln auf der Fahrt immer wieder ausgebremst, macht sich der Radfahrende irgendwann seine angepassten Verkehrsregeln selber. Statt diese Folgen autoorientierter Signalsteuerung (Stichwort Bettelampeln) zu verfolgen, brächte das Anpassen der Ampeln an die Bedürfnisse des Radverkehrs deutlich mehr Verkehrssicherheit.

Ein wichtiger Schritt für mehr Verkehrssicherheit wäre es, wenn die Straßenverkehrsbehörde den Radfahrern zeigt, dass sie deren Bedürfnisse versteht:

  • Einbahnstraßen in Gegenrichtung freigeben
  • Radfahrer an Ampeln nicht benachteiligen
  • Radwegbenutzungspflichten aufheben
  • sich gegen Radfahrstreifen, moderne Bushaltestellenlösungen oder Fahrradstraßen nicht länger wehren
  • Kontrollieren des Schulterblicks bei abbiegenden Autofahrern
  • Kontrollieren des seitlichen Abstands beim Überholen von Radfahrern auf der Fahrbahn
  • dem fließenden Radverkehr bei der Straßenplanung mehr Bedeutung beimessen als parkenden Autos