06.06.2015

Vision Zero

Von: Susanne Elfferding
Umgekehrte Logik bei der Erschließung in Houten: Die Zuwege mit dem Rad sind vor dem Haus, mit dem Auto ist es nur umständlich von hinten zu erreichen.

Stellen Sie sich vor, ein neues Verkehrsmittel wird eingeführt. Es ist schnell und für viele praktisch. Aber jeden Tag sterben hierzulande deswegen zehn Menschen. Finden Sie das gut?

Tatsächlich gibt es dieses Verkehrsmittel schon: das Auto. Die Verkehrstoten werden einfach ausgeblendet. Die »Vision zero« fordert daher, den Verkehr so zu gestalten, dass schwere Unfälle gar nicht erst entstehen. Aber Sicherheitsstandards, die in Fabriken selbstverständlich sind, werden auf der Straße dem Verkehrsfluss geopfert.

So profitieren nur die Autofahrer: Hauptverkehrsstraßen schlagen Schneisen durch die Stadt, Kreuzungen werden immer größer und unübersichtlicher. Gerade für Kinder und Senioren werden sie zu unüberwindbaren Barrieren.

Wie wollen die Menschen wohnen?

82 % der Menschen, die das Umweltbundesamt 2014 zu ihrem Umweltbewusstsein befragt hat, sind dafür, »Städte und Gemeinden gezielt so umzugestalten, dass man kaum noch auf ein Auto angewiesen ist.« Besonders junge Menschen sind dieser Meinung. Und bereits 2012 stellte das Fraunhofer ISI in seiner Zukunftsvision für einen nachhaltigen Verkehr fest: »Zu Fuß gehen und Rad fahren gehört zum Lebensstil einer immer mehr auf Gesundheit und nachhaltige Lebensqualität ausgerichteten Bevölkerung.«

Vorhandenes optimieren

Verkehrsfluss und Verkehrssicherheit für Radfahrer und Fußgänger sollten im Vordergrund der Planung stehen.

  • Wie wäre es mit einem Kreuzungsumbauprogramm »Zwanzig Kreuzungen bis 2020«? Der Inhalt: Übersichtliche Neugestaltung, selbsterklärende Fahrradspuren und Ampeln mit kurzen Umlaufzeiten, die den Nichtmotorisierten Vorrang geben.
  • Warum werden nicht alle freien Rechtsabbieger zurückgebaut? Sie beschleunigen den Autoverkehr in gefährlichem Maße, verursachen weite Wege für Radfahrer und Fußgänger und nehmen ihnen Platz weg.
  • Und überhaupt: Wieso wird dem Auto immer noch so viel Raum gegeben? Wer den Rathausmarkt noch als Parkplatz kennt oder die Mönckebergstraße als vierspurige Hauptverkehrsstraße, weiß, wie viel Urbanität eine Stadt gewinnen kann, wenn sie klug mit ihren Flächen haushält.

Neues gestalten

Wie wäre es, den Radverkehr als neuen Baustein in das Senatsprogramm »Bündnis für das Wohnen in Hamburg« aufzunehmen? In Hamburg wird viel gebaut. Warum nicht ein fahrradfreundliches Quartier nach dem Vorbild der Stadt Houten bei Utrecht? Dort ist die ganze Erschließung auf den Radverkehr ausgelegt. Das Fahrrad ist schnell und praktisch, für weitere Strecken ist der Bahnhof gut zu erreichen. Autofahren ist möglich, aber unpraktisch.

Das wäre für Deutschland wegweisend.

Susanne Elfferding in RadCity 3/2015