15.02.2014

Vom »Toten Winkel«

Von: Ulf Dietze
Typischer Konflikt: Auto nach rechts schneidet RadfahrerIn nach geradeaus
Typischer Konflikt: Auto nach rechts schneidet RadfahrerIn nach geradeaus. Beim abbiegenden LKW gibt es hier einen für den Fahrer des Kraftfahrzeugs nicht einsehbaren Bereich, da ein Schulterblick nicht möglich ist. (Foto: Lorenz Teschner)

Ein Beitrag der NDR-Sendung »Panorama« vom 11.02.2014 (»LKW-Unfälle: die ignorierte Gefahr des 'toten Winkel'«) beschäftigt sich mit dem sogenannten toten Winkel im Straßenverkehr, also dem Raum, der auch trotz technischer Hilfsmittel (Spiegel oder Videokameras) nicht eingesehen werden kann.

Ein LKW-Fahrer, das zeigt der Beitrag, kann während eines Abbiegevorgangs niemals jeden Bereich rund um sein Fahrzeug komplett überblicken – trotz der gesetzlich derzeit vorgeschriebenen sechs Außenspiegel. Ohne zu sehen, was direkt um sein Fahrzeug herum vor sich geht, ob sich etwa Fußgänger oder Radfahrer nähern, fährt er – mit anderen Worten – »blind«.

Es ist ein Skandal mit vorhersehbar tödlichen Folgen, LKWs unter diesen Bedingungen auf deutschen Straßen fahren zu lassen. Dabei gibt es seit langem Möglichkeiten, das Leben der nichtmotorisierten Verkehrsteilnehmer zu schützen. Schon im Jahr 2001 stellte MAN ein elektronisches Abbiegesystem vor, das den Fahrer des LKW warnt, wenn ein Fußgänger oder Radfahrer dem Fahrzeug nahe kommt. »Unfallforscher sind sich sicher, dass mit einem solchen System rund 60 Prozent solcher Unfälle beim Abbiegen zu verhindern sind. Dennoch ist das System bis heute nicht in Serie gegangen«, so der NDR. Im April 2012 hätten sich zwar Politik und Industrieverbände geeinigt, einen elektronischen Abbiegeassistenten zügig einführen zu wollen. Das Nachfolgetreffen ein Jahr später sei aber mangels neuer Entwicklungen dann ausgefallen. Derweil wird weiter gestorben auf deutschen Straßen.

Verkehrsplanung

Spuren auf der Fahrbahn sorgen für Klarheit.
Kein Radfahrer rechts des Rechtsabbiegers! Auch diese Skizze eines großen Knotens zeigt, worauf es ankommt: Eindeutigkeit, Vorhersagbarkeit, niemand im »toten Winkel« des Abbiegers (Ausschnitt entnommen aus den Hamburger Planungshinweisen für den Radverkehr, Ausgabe 2000. [M])

Dabei ist allen Verantwortlichen klar: Unfälle mit rechtsabbiegenden LKWs und Radfahrern passieren vor allem dann, wenn diese rechts vom LKW im toten Winkel des LKW-Fahrers fahren. Radverkehrsführungen, die vor Kreuzungen und Abbiegemöglichkeiten dafür sorgen, dass sich LKW und Fahrrad hintereinander bzw. geradeaus oder nach links fahrende Radfahrer links vom LKW befinden, würden aber die Probleme des toten Winkels schnell und drastisch entschärfen. Verkehrsplaner und Straßenverkehrsbehörden stehen also auch in der Verantwortung, ihren Teil zum Schutz der Verkehrsteilnehmer beizutragen, indem sie solche sicheren Kreuzungen bauen. Denn jeder Tote im Straßenverkehr ist einer zu viel.

Eine weitere Maßnahme wäre, den motorisierten Verkehr aus Nebenstraßen nicht mehr direkt an die Hauptstraße heranzuführen. Denn wo keine Einmündung ist, kann es auch keinen Abbiegeunfall geben. Stattdessen sammelt man den Verkehr dieser Straßen in einer Tempo 30-Straße. Die wird dann an die Hauptstraße geleitet, wo es eine ampelgesicherte Kreuzung gibt.

Gerade für nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer ist es nicht hinnehmbar, dass LKW-Fahrer sich beim Abbiegen auf mangelnde Sicht berufen, während die Politik auf nicht vorhandene Abbiegeassistenzsysteme verweist und Verkehrsplaner trotzdem immer wieder Wege und Straßen planen, in denen genau der oben beschriebene Unfalltyp quasi in die jeweilige Kreuzung eingebaut ist. Die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer muss Priorität auf deutschen Straßen bekommen. Appelle zur gegenseitigen Rücksichtnahme im Straßenverkehr helfen dafür allein nicht weiter.

www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama_3/lkw303.html