03.06.2015

»Vor der Abfahrt Spiegel checken«

Von: Amrey Depenau

Wenn es um Sicherheit im Hamburger Lkw-Verkehr geht, ist der Verband Straßengüterverkehr und Logistik Hamburg (VSH) eine entscheidende Größe. In ihm sind die Unternehmen organisiert, für die die Lkw und deren Fahrer unterwegs sind. Geschäftsführer Frank Wylezol stand uns zum Thema Lkw und Radverkehr Rede und Antwort

Frank Wylezol
Frank Wylezol

RadCity: Herr Wylezol, wie werden eigentlich Lkw-Fahrer in Hinblick auf nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer geschult?

Der Berufskraftfahrer ist ein anerkannter Ausbildungsberuf mit dreijähriger Ausbildungsdauer. Hier spielt das Thema Verkehrssicherheit schon in den Rahmenlehrplänen eine Rolle. Aber auch wer nur einen Lkw-Führerschein hat, darf gewerblich nicht mehr fahren, wenn er nicht eine Grundqualifikation oder beschleunigte Grundqualifikation absolviert hat. Eine entsprechende EU-Richtlinie ist europaweit umgesetzt, in Deutschland durch das Berufskraftfahrer-Qualifikationsgesetz.

Und alle Fahrer müssen alle fünf Jahre eine einwöchige Weiterbildung absolvieren. Sie beinhaltet Schulungen etwa unter dem Titel »Fahrsicherheit und Technik« oder im Fahrsicherheitstraining. Hier werden z. B. Verkehrssituationen erörtert, in denen es immer wieder zu Unfällen kommt. Dazu gehören leider auch die Unfälle mit nicht motorisierten Verkehrsteilnehmern.

Kann moderne Fahrzeugtechnik helfen, nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer im Blick zu behalten?

Auf jeden Fall. Aus diesem Grunde schreibt die EU ja schon eine Menge vor. Der Lkw-Rückspiegel beispielsweise ist heute ein aufwändiges und komplexes Spiegelsystem und es bestand eine Nachrüstpflicht für ältere Fahrzeuge. ABS, ESP, Spurhalteassistent, Notbremsassistent, abstandsgeregelter Tempomat: Auch diese Techniken sind längst auch in schweren Nutzfahrzeugen angekommen. Und dennoch gibt es keine hundertprozentige Sicherheit, jeder Spiegel hat immer noch einen »toten Winkel«. Deshalb setzen wir neben besserer Technik auch auf die Sensibilisierung der Fahrer, aber auch der schwächeren Verkehrsteilnehmer, um die Unfallzahlen zu senken. Im vergangenen Jahr haben wir drei Aktionen zum Thema »toter Winkel« organisiert, um Kindern die Gefahren aufzuzeigen und zu sensibilisieren.

Welchen Standard streben Sie als Dachverband an, bzw. welchen Standard gibt es bisher?

Verkehrssicherheit hat bei uns einen hohen Stellenwert. Die Standards gibt letztendlich die EU vor. Das letzte Maßnahmenpaket »Straßenverkehrssicherheit« der EU datiert aus 2012. Ziel ist es, die Zahl der Verkehrstoten bis 2050 auf Null zu reduzieren.

Welcher technische Standard der beste ist, ist schwer zu beurteilen, die Technik entwickelt sich weiter. So wurde in Großbritannien ein neuartiges Fahrerassistenzsystem namens »SideWarn« entwickelt, bei dem Ultraschallsensoren zur Objekterkennung am Lkw verbaut werden. Das System ist vielversprechend, muss aber noch weiter getestet werden. Ein erster Feldversuch in Deutschland läuft in Osnabrück, das System ist aufgrund fehlender Zulassungsvorschriften noch nicht bundesweit einsetzbar. Wir plädieren aber für eine Europa-einheitliche Umsetzung neuer Ausrüstungsvorschriften – ein bestens ausgestatteter deutscher Lkw nutzt wenig, wenn der ausländische Kollege mangels entsprechender Ausrüstung einen Unfall verursacht.

Spielt der elektronische Abbiege-Assistent dabei eine Rolle?

Wenn es ihn zu kaufen gäbe, vermutlich ja. Nach Herstellerangaben sind die in Entwicklung befindlichen Abbiegeassistenten, die der Öffentlichkeit teils schon vorgestellt wurden, noch in der Erprobungsphase. Bis zur behördlichen Betriebsgenehmigung und zum Eingang in die Serie und in die Lieferverzeichnisse dürfte es noch dauern. Wir warten nicht und empfehlen

  • Lkw-Fahrern: Täglich vor der Abfahrt die Spiegeleinstellungen checken und gegebenenfalls korrigieren!
  • Transportunternehmern: Die Fahrer über die richtigen Spiegeleinstellungen informieren und regelmäßig auf deren Einhaltung achten! Sobald erprobte und praxistaugliche Abbiegeassistenten auf den Markt kommen, sollten diese dem heutigen »Spiegelkabinett« vorgezogen werden.
  • Radfahrern und Fußgängern: Blickkontakt mit dem abbiegenden Lkw-Fahrer suchen. Solange dieser nicht zustande kommt: Warten! Denken Sie immer an den Toten Winkel!

Das Interview führte Amrey Depenau für die RadCity 3/2015