03.08.2017

S-Pedelec: Weder als Fahrrad noch als Kraftfahrzeug im Verkehr

Von: Michael Prahl

Mit Tempo 45 auf dem Fahrrad? Ich fahre S-Peledec.

E-Bike-Fahrer, grün verfremdet adfc hh/Michael Prahl
Sie sind unter uns: die schnellen E-Bikes, amtliche Bezeichnung S-Pedelecs. Noch sieht man sie selten, und wenn doch, dann fallen sie icht auf. Jedenfalls nicht dem flüchtigen Betrachter. Was ist anders an dieser Spezies und wie sieht es damit aus im Alltag?
adfc hh/Michael Prahl
Das Versicherungskennzeichen gilt für 12 Monate: immer von März bis Februar.

Das digitale Display am Lenker zeigt Tempo 33, der Blick ist konzentriert auf die 200 Meter entfernte Kreuzung über den Ring2. Die Ampel springt auf Grün – jetzt heißt es beschleunigen. Mit 44 Sachen (12,2 m/s) im dicken Gang der 27-Gang-Shimano geht es über die Kreuzung. Natürlich nicht auf dem Radweg. Es sind Momente wie dieser, die Gefühle echter Fahrfreude erzeugen, nicht etwa wegen des Geschwindigkeitsrausches – sondern allein wegen des Potenzials dieses E-Bikes, das dem gemeinen Radler gefühl-te Sprinterleistungen der Profiklasse ermög­licht.

500 Watt Leistung liefert der Rad­nabenmotor im 26-Zoll-Hinterrad meines Schweizer E-Bikes, auf den Asphalt gebracht durch einen »Big Ben«-Reifen mit 50 mm Breite. Mit der Eigenleistung des trainierten Radlers ergeben sich tagesformabhängige 750 Watt oder rund eine Pferdestärke. Zum Vergleich: Chris Boardman soll um 850 Watt getreten haben, als er 2005 seinen Weltrekord im Stundenfahren (56,375 km) errungen hat. Außerirdisch …

Kraftfahrrad

Kommt das Gespräch auf E-Bikes, dann ist in neun von zehn Fällen die Rede von Pedelecs, also Fahrrädern, die die Tretleistung des Radlers mithilfe eines maximal 250 Watt starken Elektromotors bis zur Geschwindigkeit von 25 km/h unterstützen. Daneben allerdings gibt es auch die sogenannten schnellen E-Bikes, amtlich S-Pedelecs, bei denen ein maximal 500 Watt starkes E-Aggregat den pedalierenden Fahrer bis maximal 45 km/h beschleunigen kann. Diese gelten jedoch aus Behördensicht als Kraftfahrzeuge mit Haftpflichtversicherungs- und Führer­scheinpflicht und unter­liegen außerdem etlichen weiteren Einschränkungen, etwa der Kennzeichnungspflicht.

I’m an Alien!

Nicht wenige Benutzer von S-Pedelecs – und das sind ohnehin schon sehr wenige – fühlen sich daher wie Außerirdische. Zum einen wegen des exorbitanten Leistungszuwachses in den Beinen, zum anderen wegen der gefühlten Zwittersituation im öffentlichen Raum: Von anderen Verkehrsteilnehmern wahr­genommen als Radfahrer, aber im Sinne des Gesetzes klassifiziert als Kraft­fahrer sind sie quasi Zwischenwesen – Aliens nicht unähnlich.

Ab auf die Straße!

Ich bin einer von denen. Morgens starte ich zu gewohnter Zeit auf meine tägliche Strecke ins zehn Kilometer entfernte Büro in der City Süd. Das Thermometer zeigt heute sieben Grad, deshalb entscheide ich mich für den gefütterten Wintersporthelm mit Skibrille und die dicken Fleece-Handschuhe, denn bei Geschwindigkeiten jenseits der 30km/h raubt der Fahrtwind jede Menge Körperwärme und lässt die Augen tränen.

Es ist kalt, aber trocken und die Sonne lacht. Schön wäre jetzt die Route über den Wanderweg im Park – doch halt! Ein Kraftfahrzeug hat dort nichts zu suchen. Dummerweise gilt mein E-Bike als ein solches selbst bei ausgeschalteter Elektro­unterstützung oder ausgebautem oder leerem Akku. So benutze ich die Fahrbahn auf der Walddörferstraße, die mich ohnehin schneller ans Ziel bringt. Aber schneller ist nicht immer schöner.

Zwischenwesen

adfc hh/Michael Prahl
Die 500-Watt-E-Power wird auf das Hinterrad übertragen.
adfc hh/Michael Prahl
Am Display lässt sich die Fahrstufe für die Unterstützung einstellen sowie der Ladezustand des Akkus ablesen.

Schöner radeln geht dafür auf der Veloroute 6 ab Friedrichs­berger Straße. Tempo 30 für alle, auch für mich. An der Uferstraße beginnt eine Einbahnstraße, die für den Radverkehr in Gegenrichtung frei gegeben ist. Nicht für mich. Ohnehin kommt da­hinter ab Richardstraße ein gemeinsamer Geh- und Radweg: für Kraftfahrer ganz dünnes Eis!

So richtig problematisch wird es an der Wandsbeker Chaussee. Hier gibt es zwar einen einigermaßen intakten Radweg, ich darf ihn nur nicht benutzen. Eigentlich müsste ich auf der sechsspurig ausgebauten B75 auf der Fahrbahn fahren. Geht’s noch? Soll ich mich wie ein Hase auf der Treibjagd von HVV-Bussen und schweren Lkw hetzen lassen, die ihr Revier mit der Hupe massiv verteidigen? Selbst Tempo 45 wäre zu wenig, um nicht zum Verkehrshindernis zu werden, zumal dies nur mit voller Kraftanstrengung über eine begrenzte Distanz gelingt. Das S-Pedelec ist nun ein Fremdkörper – ein Alien.

Reichweite

Glückseligkeit für den E-Biker ist ein frisch aufgeladener Akku.
Da kann die elektrisch unterstützte Reichweite schon mal 60 km betragen. Genaues lässt sich nicht sagen, denn der Verbrauch ist abhän­gig von Fahrer- und La­dungs­gewicht, von der Topografie der Strecke, von der Tagesform, von der Außentemperatur, von Gegenwind und Regen und vielen anderen Faktoren. Im Alltag kennt man seine Strecken und hängt den Akku zuhause ans Ladegerät. Im Zweifel lässt sich das Gerät auch einfach mitnehmen. Ein kompletter Ladevorgang dauert etwa drei bis vier Stunden. Doch auch nach einer Stunde ist schon genug Saft in den Zellen, sodass sich die Fahrt fortsetzen lässt. Komplett leerfahren sollte man den Akku möglichst selten, damit sich Ladezeit und Wärmeentwicklung in Grenzen halten.

Michael Prahl in RadCity 4/2017