31.03.2020

Mit dem Rad bei der Arbeit - DESY macht's vor

Von: Kathryn Leve
Zwei Personen in Feuerwehrausrüstung auf Fahrrädern unterwegs in einem engen Tunnel bei durch Verschwimmen des Bildes sichtbar hoher Geschwindigkeit Foto: Fabian Saretzki
Die DESY-Feuerwehr im Tunnel im Einsatz – zwei E-Bikes mit 50 kg Ausrüstung auf dem Gepäckträger, auch in engen Passagen kommen die Einsatzkräfte durch

Es gibt 73 vom ADFC (Bundesverband) zertifizierte fahrradfreundliche Ar­beitgeber in Deutschland, davon sieben mit Gold-Status. Einer davon ist in Hamburg ansässig, das Deutsche Elek­tronen-Synchrotron (DESY), ein For­schungs­zentrum, das Teilchen­beschleu­niger betreibt. Der Anstoß dazu kam vor noch nicht allzu langer Zeit nach dem Stadtradeln 2018, als DESY das erste Mal teilgenommen und gleich super abge­schnitten hat: Der Stein kam schnell ins Rollen. Könnte man hier verstärkt aktiv werden? Was geht da noch fürs Fahrrad?

Der Weg zum Gold

Zunächst stand der Selbsttest nach Vorgaben des ADFC an – dabei kann der Arbeitgeber prüfen, wo er derzeit steht und ob eine Zertifizierung machbar erscheint. Für DESY sah es 2018 gut aus, die Unterstützung des Direkto­riums stand und die damals neue Abtei­lung Campus­entwicklung hat eine Stelle für Mobilität (Radverkehrskoor­dinatorin Cerstin Barm­brock; siehe Inter­view rechts) eingerichtet. Inzwischen ist auch der zweite DESY-Standort in Zeuthen in Bronze zertifiziert.

Eine Säule, beschriftet mit "Bike Repair Station", an der Utensilien zur Fahrradreparatur und eine Luftpumpe untergebracht sind Foto: Cerstin Barmbrock
Zwei Servicesäulen gibt es auf dem Campus – frei nutzbar für jede*n Fahrradpendler*in

Aber was macht DESY zum fahrrad­freundlichen Arbeitgeber? Fahrräder sind zentraler Teil der Infrastruktur auf dem Campus: es gibt kostenfreie Elektro­fahrräder für das dienstliche Pendeln zwischen Standorten, Lastenräder, die für Transporte in den Beschleunigertunneln und auf dem Campus benutzt werden, einen Fuhrpark aus 500 Leihfahrrädern (gegenüber nur 15 Autos!) und zwei StadtRAD-Stationen auf dem Campus. Es gibt zwei Service-Säulen mit den wichtig­sten Werkzeugen für die Fahrradrepa­ra­tur zur allgemeinen Nutzung, und alle DESY-Last­kraftwagen sind mit Ab­bie­gesystem aus­gestattet – vorbildlich!

Gold-Status allein genügt nicht

Denn es gilt ja nicht, sich mit einem Zertifikat an der Wand zu schmücken, sondern durch den Fokus aufs Fahrrad die Lebens- und Ar­beits­welt der Mitarbeiter*innen besser zu machen. Das heißt, DESY setzt auf Weiter­entwicklung und Verbesserung. Bei einer Mitarbeiter*innenbefragung kam heraus, dass 2018 bereits 50 Prozent der Mit­arbeiter*innen regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit fuhren. Zeit, das nächste Ziel zu stecken: 2030 sollen es 75 Prozent sein. Dazu wurde erhoben, was noch fehlt, was noch getan werden muss, damit noch mehr Leute umsteigen. Besonders häufig kam der Wunsch nach Dusch- und Umklei­de­möglichkeiten auf – DESY arbeitet schon dran –, und ein großer Punkt waren die sicheren und komfor­tablen Wege zum Campus – hier besteht offenbar Ver­bes­serungsbedarf. DESY ist hierbei natür­lich auf die Unter­stützung der Stadt ange­wiesen. Kommu­nikation und Koope­ration gibt es bereits.

Eine Gruppe Personen steht vor einer Landkarte Foto: Marta Mayer
Tandem-Scout Initiative – wer schon den Arbeitsweg mit dem Fahrrad zurücklegt nimmt Kolleg*innen aus der Nachbarschaft mit, die das Radeln ausprobieren wollen.

Interview mit Cerstin Barmbrock - Radverkehrskoordinatorin bei DESY

 

Sie sind mit Herz und Seele Radverkehrskoordinatorin bei DESY – was machen Sie neben den etablierten Strukturen des Campus, um das Fahrrad zu pushen?

Ich plane zum Beispiel zahlreiche und verschiedenste Aktionen: es gibt die Tandem Scout Initiative, wo routinierte Alltagsradler*innen Kolleg*innen mit dem Rad »mitnehmen« – so fällt der Einstieg leichter. Wir bieten zwei Tage im Monat einen mobilen Radreparatur-Service auf dem Campus an, im Winter verteilen wir Warnwesten an Radfahrende, einmal im Jahr findet der Fahrradtag auf dem Campus statt, mit einem mobilen Fahrradladen, einem Radflohmarkt, E-Bikes-Testfahrten – wir machen das Fahrrad präsent und wollen zum Ausprobieren und »sich trauen« motivieren.

Konnten Sie auch schon auf höherer Ebene neue Ideen oder Konzepte durchsetzen?

Ja! Bei einem Neubauprojekt auf dem Campus konnte ich im Vorhinein in die Planung eingreifen. Bei 200 Arbeitsplätzen sind baurechtlich nur sieben Fahrradbügel vorgesehen - viel zu wenig! Ich habe hier Verbesserungsvorschläge gemacht, und umgesetzt werden dann tatsächlich 80 überdachte Stellplätze plus zusätzliche Bügel als Backup. Ein toller Erfolg.


Sie gehen auch aktiv auf die Stadt zu und suchen nach Kooperationsmöglichkeiten?

Fragen lohnt sich! Mit dem Bezirksamt Altona und auch der Hamburger Radverkehrskoordinatorin tausche ich mich aus, und wir haben schon gemeinsam Planungen gefasst, wie wir an einem Strang ziehen können, und so eine Win-Win-Situation geschaffen: an einer Stelle unseres Campus wird unser Zaun so versetzt, dass ein Teil des Geländes in die geplante Veloroute eingebaut werden kann, dabei entsteht ein Radweg zum European XFEL in Schenefeld. Da haben alle was davon!

 

 

Fahrradfreundlicher Arbeitgeber - Zertifizierung durch den ADFC

Mit der Zertifizierung »Fahrradfreundlicher Arbeitgeber« – in Bronze-, Silber- und Gold-Status – möchte der ADFC zusammen mit der EU Arbeitswege mit dem Fahrrad angenehmer und attraktiver machen, indem Firmen und andere Arbeitgeber fahrradfreundlicher werden und sich gezielt in diese Richtung weiterentwickeln.

Mehr Infos zum Fahrradfreundlichen Arbeitgeber

 

 

Kathryn Leve in der RadCity 02/2020