Legendäre Fahrräder I: Clemént Luxe von Alfred Jarry

Von: Georg Sommer

Rad, Revolver und Absinth

Illustration: Michael Prahl
© Wikimedia Commons | gemeinfrei

Alfred Jarry (1873–1907), franzö­sischer Schriftsteller (»König Ubu«, »Die Zeitmaschine«) und legendärer Bürgerschreck, erstand im November 1896 zum Preis von 525 Francs ein Fahrrad des Typs »Clément luxe 96«. Das »Clément Luxe« war seinerzeit ein Ausdruck unerhörter Modernität – ein geradezu utopisch anmutendes Fortbewegungsmittel. Und Alfred Jarry sah sein Vélo als evolutionären »Schritt zur Perfektionierung des Menschen«. Er sprach von seinem Zweirad als einem »neuen Organ« – eine mineralische Verlängerung des menschlichen Knochensystems.

Auf dem Foto rechts sieht man ihn gerade im »Track-Stand« vor dem Haus seiner Wohngemeinschaft, der »Phalanstère de Corbeil«, benannt nach der sozial-erotischen Utopie einer idealen Kommune von Charles Fourier (1772–1836). Direkt am Ufer der Seine, 25 km südlich von Paris, hauste Jarry dort mit seinen Freunden neben den großen Getreidemühlen von Corbeil. Von dort fuhr »Ubu Cycliste« die Strecke nach Paris regelmäßig mit seinem »Clément Luxe« bei Wind und Wetter. Selbst dem Beisetzungszug zur Bestattung seines Freundes Mallarmé folgte er im Mai 1898 nicht gemessenen Schrittes zu Fuß, sondern auf seinem Fahrrad – ein weiterer Skandal des maßlosen Trinkers.

Der Radrennfahrer, Ruderer, Säbelfechter und Revolverschütze beschreibt in seinem Zukunftsroman »Le Surmâle« (»Supermann«, 1902) ein 5-Tage-Rennen zwischen einem Pedalisten-Quintett und einem Expresszug. Genährt ausschließlich von einer hochexplosiven Strychnin-Alkohol-Mischung, gewinnt das Radteam den Wettkampf über 10000 Meilen gegen die Herausforderung des anbrechenden Maschinenzeitalters.

aus RadCity 6/2016