Legendäre Fahrräder II: Old Faithful

Von: Dirk Lau
Illustration: Michael Prahl

The »Flying Scotsman«

Graeme Obree, ein arbeitsloser Schotte, schockierte am 17. Juli 1993 die Radsportwelt: Der 28-Jährige brach den Stundenweltrekord im Bahnradfahren mit seiner ungewöhnlichen Sitzhaltung und einem aus Schrott und Waschmaschinenteilen selbstgebauten Rennrad. Ein Nobody, der aus ärmlichen Verhältnissen kam und an Depressionen litt, wurde über Nacht zum Star des Radsports. Obree schlug den bis dahin gültigen Weltrekord des Italieners Francesco Moser: In einer Stunde legte er die Distanz von 51,596 km auf der Bahn zurück – 445 Meter mehr als Moser im Jahr 1984. Nur eine Woche nach Obrees Rekordfahrt kam jedoch am 23. Juli 1993 sein Rivale, der englische Olympiasieger Chris Boardman, auf 52,270 km im Stadium Vélodrome von Bordeaux. Ein Zweikampf entwickelte sich: An derselben Stätte holte sich der »Flying Scotsman«, wie Obree bald genannt wurde, dann am 27. April 1994 seinen Rekord zurück (52,713 km). Der hielt diesmal bis zum 2. September 1994, als der spanische Radprofi Miguel Indurain 53,040 km in einer Stunde fuhr. Im Jahr 2000 annullierte die UCI, der Weltradsportverband, im Nachhinein alle Stundenweltrekorde aus den Jahren 1984 bis 1996, weil sie mit aerodynamisch konstruierten Spezialfahrrädern und mit individuellen Sitzpositionen erzielt wurden, welche nicht dem neuen, vereinheitlichen Reglement entsprachen.

Obrees Performance war in der Tat so speziell wie »Old Faithful«: Für seine revolutionäre Sitzposition baute er sich mithilfe eines befreundeten Fahrradmechanikers ein neues Rad selbst – unter anderem mit den Lagerschalen einer Waschmaschine. Auf das Oberrohr verzichtete er, um Beinfreiheit zu haben, und beim Lenker nahm er einen geraden Mountain-Bike-Lenker. Hinten verbaute er Teile vom Vorhängeschloss, der Sattel kam vom BMX. Die Idee war, durch eine aerodynamisch optimierte Sitzposition den Luftwiderstand zu reduzieren und schneller zu werden. Obree fuhr mit dem Brustkörper auf dem Lenker, während seine Ellbögen wie bei einem Skifahrer an den Körper gepresst waren. Bei dieser »Eihaltung« ragte der gesamte Oberkörper vornüber, um für beste Strömungsverhältnisse zu sorgen. »Old Faithful« passte zum unorthodoxen Obree, der zu Wettkämpfen gern mit dem Rad anreiste und vor Ort im Zelt campte. Als Einzelkämpfer ohne Profiteam im Hintergrund stellte er 2013 mit 91 km/h auf dem ebenfalls selbstgebauten »Beastie Bike« einen neuen Geschwindigkeits-Weltrekord mit einem Human Powered Vehicle auf – in Bauchlage.

aus RadCity 1/2017