Legendäre Fahrräder III: Draisine

Von: Dirk Lau
Illustration: Michael Prahl

Eine der verheerendsten Naturkatastrophen der Neuzeit führte zu einer der wunderbarsten Erfindungen der jüngeren Geschichte: Am 15. April 1815 brach auf der östlich von Java gelegenen Insel Sumbawa in Indonesien der Tambora-Vulkan aus. Was folgte, ging als »Schneesommer« oder »Jahr ohne Sommer« in die Geschichtsbücher ein. Das durch die Eruption ausgeworfene Material bewirkte globale Klimaveränderungen: »...schwarz war alles«, schreibt Lord Byron in seinem Gedicht »Die Finsternis«. Weltweit kam es 1816/17 zu Ernteausfällen, Hungersnöten, einem Anstieg des Getreidepreises und zu erhöhter Sterblichkeit unter Nutztieren, vor allem von Pferden.

Die dramatischen Ereignisse veranlassten den badischen Forstbeamten und Erfinder Karl Freiherr von Drais (1785–1851) dazu, seinen vierrädrigen Tretwagen von 1813 namens »Fahrmaschine« auf zwei hintereinander laufende, einspurige Räder umzurüsten – damit waren das Zweiradprinzip und die Urform des heutigen Fahrrads gefunden. Vor zweihundert Jahren, am 12. Juni 1817, fuhr der damals 32-jährige Drais erstmals mit seinen »Laufrad«: Für den 12,8 km langen Hin- und Rückweg von seinem Wohnhaus in Mannheim auf der gut ausgebauten »Chaussee« zum Schwetzinger Relaishaus im heutigen Mannheimer Stadtteil Rheinau benötigte Drais mit seiner etwa 22 kg schweren Laufmaschine nur eine knappe Stunde – das Durchschnittstempo eines heutigen Freizeitradlers (15 km/h). Erstmals war mit der »Draisine« eine rasche Fortbewegung ohne Pferd in ebenem Gelände möglich.... und ein Balanceakt.

Die Laufmaschine bestand aus einem Holzrahmen und zwei gleich großen hölzernen Rädern, von denen das vordere mit einem Deichsellenker gesteuert werden konnte. Angetrieben wurde sie durch abwechselndes Abstoßen mit den Beinen, während der »Draisinenreiter« auf einem Sitz zwischen den beiden Rädern saß. Die Unterarmstütze, von Drais »Balancierbrett« genannt, übertrug die Antriebskraft auf die Räder. Die Fahrtrichtung wurde sowohl durch den Deichsellenker als auch durch das Ausbalancieren des Gefährts beeinflusst. Drais‘ Laufrad hatte nur wenige Jahre Erfolg: Bald verboten die Behörden das mit ihr allein mögliche Fahren auf den Gehwegen. Da viele Menschen zudem Angst vor dem Balancieren auf dem »Schaukelpferd« hatten, griffen sie lieber auf mehrspurige Velozipede zurück – und Drais‘ bahnbrechende Erfindung geriet in Vergessenheit. Vorerst.

aus RadCity 2/2017