Legendäre Fahrräder IV: Long John

Von: Dirk Lau
Illustration: Michael Prahl

Lastenfahrräder, mit oder ohne Elektrohilfe, erobern als Auto-Ersatz für junge Eltern, für Kleinunternehmer und große Logistikfirmen die Städte. Die ressourcensparenden und smarten Cargobikes verdrängen ihre hässlichen Spritkollegen von der Straße – sei es bei der Post, im Kurierwesen oder als privater Schlepp­esel. Selbst Wohnungsumzüge werden inzwischen auf zwei Rädern gemeistert. Allein 15000 E-Lastenräder wurden 2016 in Deutschland verkauft – zwei davon an die Stadtreinigung Hamburg, die sie im Mai 2017 stolz in Betrieb nahm.

Ende der 1920er-Jahre entwickelte ein findiger dänischer Mechaniker ein Rad für Transportzwecke. Unter dem Namen »Long John« sollte es eine erstaunliche Verbreitung finden. Mehr ist zur Geburt dieses besonderen Lastenrads – und auch zu seiner Namensgebung – nicht bekannt. Das Long John wird aber bis heute hergestellt – und das in kaum veränderter Form. Die technische Ausstattung war jahrzehntelang spartanisch: Eingang-Nabe mit Freilauf und Rücktrittbremse – das war‘s! Allerdings eigneten sich die frühen Lastenräder kaum dafür, lange Strecken zurückzulegen oder Höchstgeschwindigkeiten zu erzielen. Die knapp 40 Kilo Startgewicht, die das Long John auf die Waage brachte, sowie die besondere Bauweise standen schon immer einer schnellen Fortbewegungsweise im Weg. Dafür lassen sich mit dem Long John locker bis zu 100 Kilo Zulast sicher auf zwei Räder bringen und transportieren.

Ab etwa 1933 wurde die erste Long-John-Generation unter der Hausmarke »SCO« des Herstellers Smith & Co im dänischen Odense in Serie hergestellt. Die Firma benannte sich später in Everton Smith um. Nach mehreren Unterbrechungen zeichnet heute die schwedische Firma Monark für die Produktion des Long John verantwortlich. Seine außerordentlich robuste Bauweise ist ihm bis heute weitgehend geblieben: Das Oberrohr, das die Sattelstütze aufnimmt, ist ungewohnt kurz – entsprechend lang ist daher das Sattelrohr.

Lastenfahrräder wie das Long John werden wegen ih­res relativ hohen Gewichts traditionell am liebsten in der dänischen oder niederländischen Ebene gefahren – als Flachstaat hat aber auch Hamburg ideale topografische Voraussetzungen für eine Las­tenrad-Offensive. Nur am Waseberg im Westen bräuchte das Long John vermutlich ein paar Elektro-PS. Wer‘s noch leichter haben will, könnte auf die Alu-Version des modernen Cargobikes »Long Harry« umsteigen …

 

aus RadCity 3/2017