Legendäre Fahrräder VI: Bonanzarad

Von: Dirk Lau
Illustration: Michael Prahl

»Ich bleib‘ bei mei‘m Bonanza!«

Wer kennt den Refrain nicht? »Ich fahre mit dem Bonanzarad durch die Hansestadt / damit ein jeder sieht, was für‘n geiles Rad ich hab‘ / NoNotNow fährt Thunderbird, der Bundi fährt‘n Panzer / Mir doch scheißegal – ich bleib‘ bei mei‘m Bonanza!« Als die Hamburger Hip-Hop-Band Fischmob 1994 ihre zweite Single »Bonanzarad« veröffentlichte, waren die Fahrräder mit dem langen Bananensattel längst Kult. Wichtigstes Ausstattungsmerkmal bildete neben Sattel, Rückspiegel Tachometer und Lenkerradio natürlich der Fuchsschwanz. Ihre große Zeit hatten diese »Easy-Rider«-Räder, meist in sattem Orange lackiert, auf den Schulhöfen Anfang der 1970er-Jahren. »Als Kind hatte ich kein Bonanzarad. Nur die richtig coolen Typen hatten das«, erinnerte sich Fischmob-Gründungsmitglied Sven Mikolajewicz alias »Der schreckliche Sven« später.

Das Bonanzarad entsprang der Automobil- und Motorradtuningkultur in den USA der späten 1950er-Jahre. Sie erfasste auch Kinder und Jugendliche, die ihre Fahrräder durch An- und Umbauten »tunen« wollten. Al Fritz, Ingenieur beim größten US-Fahrradhersteller Schwinn, reiste 1962 aus Chicago nach Kalifornien, um sich dort über den Trend zu informieren. Bereits im folgenden Jahr erschien das Modell »Stingray« von Schwinn, das sich binnen eines Jahres 40.000-mal verkaufte. 1964 erschien mit dem »Fair Lady« eine Version für Mädchen. Typisch für diese US-Räder war der geschwungene Rahmen, der große Ähnlichkeit mit dem des Beachcruisers hatte und sich dadurch von späteren europäischen Modellen unterschied. 1968 kam das »Krate« auf den Markt, das eine Gangschaltung am Rahmen nach Vorbild von Autos besaß. Der traditionsreiche englische Hersteller Raleigh griff den Trend auf, kopierte das Stingray-Modell und vertrieb ab 1966 auf dem US-Markt das »Rodeo« und ab 1968 den »Chopper«, der bis 1980 produziert wurde, als der BMX-Trend einsetzte.

In Deutschland hatte die Firma Kynast in Quakenbrück eine eigene Kopie des Stingray gefertigt, die ab 1968 vom Versandhändler Neckermann unter der Eigenmarke »Bonanza« vertrieben wurde – zahlreiche andere Hersteller ahmten es nach und produzierten eigene Varianten. Typisch für diese Bonanzaräder aus deutscher Produktion waren der einheitliche Durchmesser von Vorder- und Hinterrad, die aufwendige Konstruktion der Vordergabel mit den funktionslosen Schraubenfedern und der doppelten Aufnahme für die beiden getrennten Lenkergestänge. Die Rahmen besaßen aber längst nicht die schwungvolle Eleganz der US-amerikanischen und englischen Vorbilder. Das Comeback des Bonanzarads in den 1990er-Jahren läutete gewissermaßen den Aufstieg des Fahrrads zum individuellen Statussymbol und alternativen Verkehrsmittel in den von Autos verstopften Städten ein. Das brachten Fischmob mit ihrer Hymne auf das Bonanzarad zum Ausdruck. »Steh ‘n die anderen im Stau, / steh‘ ich daneben und bau‘ / Aber sicher kein’ Unfall, ne – Genau / Ich fahre schneller als erlaubt, das weiß ich / Auf Tempo 30 scheiß‘ ich und auf Nägel scheiß‘ ich auch / denn Ching Chang Chong, Nagel geht durch Schlauch«.

aus RadCity 5/2017