Radtouren
06.12.2017

Horst-Tomayer-Gedenkfahrt von Hamburg nach Berlin

Von: Hans-Jürgen Ohr
Horst Tomayer per Rad Thomas Willke, cyclingfilms.de

Der Schriftsteller, Fernseh­schau­spieler, Endreimpoet, Satiriker und »konkret«-Kolumnist Horst »Hotte« Tomayer (1938–2013) liebte das Rad und das Radfahren.

Jeden Sommer unternahm er mit seinem Stevens-Rad und der Gerolsteiner-Mütze eine Tour von seiner Wahlheimat Hamburg aus entlang der alten Transitstrecke nach Berlin. Zuletzt legte Tomayer die gut 300 km an einem Tag im August 2012 zurück. Auf einer seiner ersten Touren wollte ein DDR-Volkspolizist noch von Tomayer wissen, woher er komme und wohin er wolle. Als er die Antwort hörte, war er perplex: »Watt denn, watt denn – mit’m Rad?«.

Tomayers oft zitierte »Fahrraddiebhalsgerichtsordnung« zählt zu den berühmtesten Knittelversen des »Kleinschriftstellers«, wie er sich selbst bezeichnete, und lehrt bis heute jedem Fahrraddieb das Fürchten: »Und wiss: Die Tage sind gezahlt und bald schon / schlägt die Stund / Hund, dir, fällst in die Häscherhände du dem Fahrraddiebhalsrachebund.« Tomayer fuhr auch oft die Hamburger Fahrradsternfahrt mit (siehe zum Beispiel »Schöne Sternfahrt mit Pannenhilfe und anschließendem Kuchenterror«, youtube.com). Wer einen Eindruck von Tomayers überragender Vortragskunst erhalten möchte, dem sei der YouTube-Mitschnitt der Veranstaltung »100 Jahre Toter Salon« im »Übel und Gefährlich« vom 17.2.2011 empfohlen.

Erinnerung an einen Solitär

Tomayer über die RadCity, das Mitgliedermagazin des ADFC Hamburg

Er hat die deutsche Grammatik flexibilisiert, um der Linken eine Brücke zur Leibesertüchtigung zu bauen. Ihm ist en passant ein Bonmot entsprungen, das die öffentliche Stimme der Hamburger Radfahrer*innen hebt. Die Rede ist von Horst Tomayer und dem Hamburger Organ des ADFC, der RadCity, laut Tomayer »Deutschlands führendstes Fahrradmagazin«. Tomayers Freund, der Autor Fritz Tietz, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an diesen linken Solitär wach zu halten: Seit 2014 lädt er am letzten August­wochenende zur Tomayerschen Etappe Hamburg-Berlin ein, um dem Pionier Respekt zu zollen. Dieses Jahr kam ein halbes Dutzend Interessierte am Museum für Kunst und Gewerbe zusammen, um die gut 300 Kilometer in Angriff zu nehmen.

Konzipiert als »Krückentour« (dem ADFC-Level einer 3-Sterne-Tour um die 20 km/h entsprechend) lassen die ersten 100 Kilometer ausreichend Raum für Aussprache und Ausschank, auch ein kleines Bad wird genommen. In körperlichem Einvernehmen und ohne klimatische Zumutungen steigt man nahe Hitzacker ab. Entlang des Elbe-Radwegs offenbart die zweite Etappe ihre Tücken, der »Gegenwind« ist dermaßen dominant, dass er einige Teilnehmerinnen veranlasst, eine Karenzzeit vom Radfahren zu nehmen. Inzwischen auf dem Staatsgebiet der Geschichte gewordenen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) angekommen, kommt immer wieder die Rede auf den Patron der Tour, auf seine besondere Art und Weise, den Zumutungen dieser Welt zu trotzen

Gegenwind

Radfahrer und Pferde auf der Straße Fritz Tietz
Parallelaktion von Mensch und Tier

Horst Tomayer war kein Philister der Leibesertüchtigung, er behandelte den Sport so relaxed wie die Sprache. Es wird erzählt, dass er zu Zeiten der DDR Distanzen von Volkspolizei begleitet zurücklegte und Dehydrierung und Unterzuckerung durch Zufuhr von Wein und Schokolade entgegenwirkte. Der eigentümliche Charme dieses »Kleinschriftstellers«, der sich gegen die Folgen einer Lehre als Versicherungskaufmann durch ein Praktikum bei Wolfgang Neuss rückversicherte, blitzt auf durch das weite Spektrum der Gruppe, die ihm dieses Jahr ihre Referenz erweist: Vom orthodoxen Parteikommunismus über die Alte bis zur Neuen Frankfurter Schule ist alles vertreten.

Noch mehr Gegenwind

Tourenradler zwischen Havelberg und Spandau Fritz Tietz
Müheloses Gleiten auf der letzten Etappe von Havelberg nach Spandau
Teilnehmer der "Krückentour" 2017 Fritz Tietz
Gruppenaufstellung nach überstandenen Strapazen

Dem Tête-à-tête mit Tomayer gebietet die Strecke immer wieder Einhalt: durch unzu­reichende Beschilderung, Bedrängnis durch den motorisierten Verkehr auf Landstraßen oder mangelhafte Internetverbindung. In Erinnerung bleibt eine etwas längere Rast in Wittenberge, in der zuversichtlichen Hoffnung, dem Ziel der zweiten Etappe, Havelberg, nahe zu sein. Hier kommt wieder der tückische Gegenwind ins Spiel, auch wenn er im Windschatten eines (des einzigen) E-Bikes erträglicher wird. Nach Stunden, noch bei Tageslicht, radeln wir in Havelberg ein, das uns mit einer Schiffsparade samt Feuerwerk empfängt.

Sonntagmorgen hat sich der Wind verflüchtigt, das kollektive Radeln ist entspannt. Elbe und Havel liegen hinter uns, wir erleben in Ribbeck die gastronomische Kehrseite des Fontane-Marketings. Unser Reisebegleiter ist sich dem Anspruch des Tomayerschen Vermächtnisses bewusst: Diese sensorische Enttäuschung darf nicht haftenbleiben. So kommt es vor dem Finale zu einer kulinarischen Begegnung der besonderen Art. In einem Gewerbegebiet erwartet uns ein netter Herr mit Kochtöpfen und Picknickkorb: Es gibt Linsensuppe und Würstchen, auch Getränke werden gereicht. Das Linsengericht ist von einer exquisiten Qualität, die davon zeugt, dass der Koch, der ursprünglich mitradeln wollte, seine Energie von den Beinen in die Arme gelenkt haben muss. Hier schlägt wieder der Tomayersche Geist durch: Er war auch ein Mensch der Praxis, der einen Bogen zwischen dialektischem und kulinarischem Materialismus zu schlagen wusste.

Als wir uns in Berlin-Spandau verabschieden, schwören wir uns noch auf eine Lebensmaxime ein, die Horst Tomayer seinem »Ehrlichen Tagebuch« anvertraut hat: Es sei die Pflicht einer jeden Radfahrerin und eines jeden Radfahrers, die tausend Kilometer im Monat voll zu machen. In Würdigung des Verstorbenen stellen wir uns der Aufgabe, »in jeder Epoche resp. Etappe zu versuchen, seine Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen«.

Einen besonderen Dank an Fritz Tietz für seine Unter­stützung!

Hans-Jürgen Ohr in RadCity 6/2017