Von Hamburg in die Haseldorfer Marsch

Von: Anne-Karin Tampke

Radtour durch Wald, Moor und Flusslandschaft

Anne-Karin Tampke
Schachblume - der Name erklärt sich bei näherem Hinsehen durch das Muster auf den Blütenblättern. Bei Hetlingen sollen rund 80.000 Exemplare zu bewundern sein.

Bauernhöfe mit Reetdach und Fachwerk prägen Sülldorf, ein Bauerndorf im Westen Hamburgs. Vor knapp 20 Minuten haben wir die Großstadt in Hamburg-Altona mit der S-Bahn hinter uns gelassen und nun führt uns Klaus-Peter Rebe auf schmalen Straßen durch den pittoresken Ort in Richtung Wildgehege Klövensteen. »Hier leben Hirsche, Wildschweine, Uhus und Fasane«, weiß Klaus-Peter. Lange vor der Aufforstung des Gebietes vor rund einhundert Jahren soll es einen Streit um einen großen Findling zwischen dem Teufel und einem Jäger gegeben haben. In seiner Wut spaltete der Teufel den Stein, er »klövte den Steen«, und das Waldgebiet hatte seinen Namen, so die Sage.

Moor und Vögel

Die Namensgebung des Schnaakenmoors ist leichter nachzuvollziehen. Die Mücken sind nicht in Stechlaune und wir genießen den Blick über den Moorsee. Das Wollgras mit den weißen weichen Wattebüscheln verzaubert die Moor­landschaft Anfang Mai. Lerchen singen ihr Frühlingslied.

Klaus-Peter bietet die Tour mehrmals im Jahr an. Einige der Radfahrer*innen sind schon zum wiederholten Male dabei. Sie wissen, dass die Strecke teilweise auf unbefestigten Feld- und Waldwegen verläuft. Ein besonderer Naturgenuss ist die Fahrt durch das Butttermoor und das Tävsmoor. Je nach Jahreszeit können hier Spechte, Kraniche und viele andere Vogelarten gesichtet werden. Am Flugplatz Ueter­sen/Heist heben noch größere Vögel ab. Eine gute Gelegenheit für eine Pause, um die Segler beim Starten und Landen zu beobachten.

Anne-Karin Tampke
Strom - hinterm Deich und über den Fluß.

Auf hohen Wurten

Die 900 Meter lange Graspiste ist unser Wegweiser Richtung Haselau in die Haseldorfer Marsch. »Dort wohnt ein elendes Volk auf hohen Wurten wie auf Bühnen, von Menschenhänden aufgeworfen; darauf sind ihre Hütten gesetzt«, so sagte der Römer Plinius im ersten Jahrhundert nach Christus. Uns gefallen die hübsch hergerichteten Bauernhäuser. Die Men­schen grüßen freundlich.

Wir fahren am Flußlauf der Pinnau auf dem Audeich, der zur großen Schwester Elbe führt. Mit viel Glück können wir die selten vorkommenden Schachblumen bewundern. Die violetten Blüten­blätter sind mit einem Schachbrettmuster verziert. Das Hoch­wasser der Elbmarsch hilft den zarten Blumen bei der Vermehrung durch den Transport ihrer Samen.

Strom überm Strom

Über den Elbstrom wird elektrischer Strom geleitet – und das auf einer Höhe von 227 Metern. An der Hetlinger Schanze stehen die höchsten Strommasten Europas, rund 100 Meter höher als die Kirchturmspitze des Hamburger Michel. Containerschiffe haben somit ausreichend Platz unter den Kabeln, wenn sie die Elbe passieren.

Im 17. Jahrhundert wurde im Auftrag des dänischen Königs Christian V. eine Feldschanze mit vier Bollwerken gebaut. Die Hetlinger Schanze sollte vor Angriffen der Schweden schützen, die damals über Stade herrschten.

Wir fahren im Windschatten weiter flussaufwärts nach Wedel zur S-Bahn-Station, wo unsere wirklich eindrucksvolle Radtour am Rande der Großstadt endet.

 

Anne-Karin Tampke in RadCity 2/2020