Radtour rund ums Ijsselmeer

Von: Cornelia Franz

Sich mal wie ein König in Frankreich fühlen? Ganz einfach: Man muss mit dem Fahrrad durch die Niederlande touren. Die Idee, die eine Freundin und ich hatten, in diesem Juli das Ijsselmeer zu umrunden, hat uns einen wunderschönen Urlaub beschert. Auf der 400 Kilometer langen Zuiderzeeroute kamen wir uns tatsächlich wie die Königinnen der Landstraße vor.

Markierung auf der Fahrbahn, die sagt, das Autos nur zu Gast auf der Fahrradstraße sind (Autos te Gast) Cornelia Franz
Fahrräder vor in Amsterdam! Unmissverständlich, dass Autos auf der Fahrradstraße nur zu Gast sind

Autos zu Gast

Schon in Amsterdam, dem Start- und Endpunkt unserer Tour, erfährt man sich als gleichberechtigt im Verkehr. Die Straßen gehören nicht per se den Autofahrer*innen, vielmehr sind diese vielerorts dort nur zu Gast. Überall gibt es Radspuren, die ganz selbstverständlich einen angemessenen Teil der Straße in Anspruch nehmen. Und genauso geht es jenseits der Stadtgrenzen weiter: Jede Landstraße beglückt uns mit breiten, sicheren Fahrradspuren oder eigenen, separaten Wegen. In keinem Ort muss man befürchten, zur Seite gedrängt zu werden. So können wir die zehn Tage sehr entspannt genießen. Nur, dass auch Mopedfahrer die Radwege benutzen dürfen, ist gewöhnungsbedürftig.

Vielfältige Schönheit Nicht verwirren lassen: Das Ijsselmeer ist ein See. Durch den Bau des Abschlussdeichs 1932 wurde die ehemalige Nordseebucht Zuiderzee zum Süßwasserbinnensee. Er liegt in einer vielseitigen, vom Wasser geprägten Landschaft, die zum Teil als Nationalpark geschützt wird. Mal radelt man auf dem Deich mit Blick auf den weiten See, mal durch von Wassergräben durchzogene Moorlandschaften, wo Kraniche, Schwäne und Wildgänse das Bild bestimmen. Es geht durch Auen und Wälder, an Bächen und Kanälen entlang, vorbei an Windmühlen und historischen Pumpwerken und über Brücken und Schleusen. Nur Baden ist kein wirkliches Vergnügen. Dafür ist das Ijsselmeer an den meisten Stellen zu flach.

 

 

Radfahrerin auf dem Schutzstreifen an einer Landstraße Cornelia Franz
Auch auf dem Land ist an Infrastruktur für Radfahrer*innen gedacht – immerhin Schutzstreifen zu beiden Seiten der Landstraßen
Ein Radweg, auf dem Mopeds nicht erlaubt sind – und auch Rennradler*innen werden zur Rücksichtnahme angehalten Cornelia Franz
Ein Radweg, auf dem Mopeds nicht erlaubt sind – und auch Rennradler*innen werden zur Rücksichtnahme angehalten

Gut umsorgt

Wer zu viel Proviant einpackt, nimmt sich Einiges. Denn immer wieder kommt man durch entzückende Dörfer und Städtchen wie Edam, Volendam, Enkhuizen oder Lemmer, wo man aufs Wunderbarste im Café die Zeit vertrödeln kann. Gut, dass wir uns pro Tag nicht zu viel Strecke vorgenommen haben. So können wir auch mal eine Regenstunde im Museum überbrücken – oder die ungewöhnlich heißen Temperaturen in einem schattigen Gartenlokal aussitzen. Einen Gang runterschalten – das lernt man ausgerechnet in den komplett platten Niederlanden. Leider ist der 32 Kilometer lange Radweg über den Abschlussdeich (Afsluitdijk) noch bis zum 1. April 2022 wegen Bauarbeiten gesperrt, so dass man mit dem Fietsbus fahren muss, was bei Wind aus Nordosten allerdings durchaus eine Erleichterung sein kann. Der Bus inklusive Fahrradtransport ist kostenlos. Auch hier wird deutlich, wie gut in den Niederlanden für Rad­fahrer*innen gesorgt wird.

Vrienden op de Fiets Eine großartige Entdeckung war die Stiftung »Vrienden op de Fiets«, die Privatzimmer für Radfahrer*innen und Wandernde organisiert. Nach einer Online-Anmeldung (auf­passen: die Zustimmung zur auto­matischen Abbuchung gilt nur für Kontobesitzer der Niederlande) funktioniert das Ganze sehr unkompliziert. Man fragt an, ob ein Zimmer frei ist, kann dann für 22,50 Euro pro Person bei netten Leuten übernachten und bekommt am Morgen noch ein leckeres Frühstück serviert – ein sehr sympathischer Weg, Land und Fahrradfreund*innen kennenzulernen.

Zu viel des Guten

Nach zehn Tagen Rundtour zurück in Ams­ter­dam erleben wir dann die Schat­tenseite des enormen Rad­verkehrs. Direkt in der City ist es auf den Straßen und Wegen derart voll, dass von Entspannung keine Rede mehr sein kann. Zu den einheimischen Radelnden gesellen sich unzählige Touristen auf Mieträdern und E-Scootern. Auffahrunfälle und Zusammenstöße mit anderen Verkehrsteilnehmern sind an der Tagesordnung. In stark frequentierten Vierteln stößt selbst das Fahrrad an seine Grenzen. Wer eine zukunftsfähige Stadt pla­nen will, muss wohl den In­di­vi­dual­verkehr zugunsten öffent­licher Verkehrsmittel begrenzen.

Doch diese letzten Stunden in Amsterdam trüben unsere neue Liebe zu den Niederlanden nicht. Auf dem Heimweg, im vollgestopften Fahrradwagen der Deutschen Bahn, sind wir uns einig: In ein Land, wo das Fahrradfahren so gefördert und geachtet wird, kommen wir gerne wieder.