24.03.2019

Unterwegs auf zwei Rädern: Anderswo. Allein in Afrika

Von: Kathryn Leve

Roadmovies erfreuen sich gerade großer Beliebtheit. Vielleicht, weil sie die Sehnsucht in uns wecken, einfach weg zu sein, alle Pflichten, Sorgen, Ängste, die uns im Alltag umgeben und einengen, hinter uns zu lassen. Oder, weil sie uns ein bisschen von den Versprechungen, die die vielfältige und weite Welt birgt, kosten lassen. Und vielleicht auch, weil wir durch sie anderen beim Reisen über die Schulter schauen können und nicht selbst den Mut fassen müssen einfach loszuziehen. Und alles hinter uns zu lassen. Der Film „Anderswo. Allein in Afrika“ erzählt von einer Fahrt mit dem Fahrrad quer durch den Kontinent, von Süden nach Norden.

Anselm Pahnke Foto: Anselm Pahnke

Anselm Pahnke ist zunächst drei Monate mit zwei Freunden und schließlich für insgesamt ein gutes Jahr alleine unterwegs. Und wenn man den Film schaut, wird man direkt mitgenommen – durch Afrika. Wobei Anselm selbst im Gespräch einschränkt: „Der Film soll nicht so tun als wäre ich jetzt ein Afrika-Experte geworden und wenn ich von ‚Afrika‘ spreche, dann ist mir klar, dass ich nur 15 von 54 Ländern bereist habe, was weit davon ist, der ganze Kontinent zu sein. Der Film zeigt nur meine Erfahrung und meine Sichtweise darauf.“

Die Reise beginnt in Südafrika und führt unterwegs unter anderem über Sambia, Malawi, Tansania, Burundi, Ruanda, Uganda, Kenia und Äthiopien. Die Zuschauer sind ganz nah dran, denn die Kamera ist oft entweder auf Anselms Gesicht gerichtet oder auch auf den Grund, von Sand über Schotter hin zu den lückenhaften Bohlen einer Holzbrücke. Anselm spricht mit der Kamera und erzählt ihr, dass sie die Gesellschaft ist, die er beim Alleinreisen nicht hat. Darum war sie vielleicht auch mit, die Kamera - als Begleiterin. Denn geplant war der Film vorher nicht, die Idee dazu ist erst hinterher entstanden, weil das Material so begeisternd war. Ob das mit dem Drehen nicht auch umständlich war? Anselm sagt, er wisse bis heute nicht, warum er das gemacht habe. Vielleicht, um besondere Momente aufzubewahren. „Es gibt unzählige Wege in die Natur, die Umgebung wahrzunehmen – meiner war das Filmen. Ich habe das auch nicht als lästig empfunden, die Kamera hinzustellen, vorbeizufahren, zurückzufahren und sie wieder einzusammeln – dann hatte ich halt auch mal ein Stück Rückenwind zur Abwechslung und dachte, aha, das ist das Element also aus der anderen Richtung.“ Diese Akzeptanz dessen, was ist, spürt man im gesamten Film, ohne sie ist so eine Fahrradtour wahrscheinlich auch gar nicht möglich.

Anselm Pahnke fähr die Straße herauf in Namibia Foto: Anselm Pahnke
Über Gravel-Roads inmitten atemberaubender Landschaft in Namibia

Was der Film nicht zeigt, ist, dass die Reise viel mehr als das war, was zu sehen ist. Insgesamt sind 40 Stunden Filmmaterial entstanden, auf 414 Tagen Reisezeit und 15.000 Kilometern gefahrener Strecke. Was war da prägender, die extreme Fahrradtour oder die Eindrücke der vielen verschiedenen Länder und Kulturen? Kann man das überhaupt noch wahrnehmen, wenn man so extrem Rad fährt? Doch man kann: die Pausen, die teilweise bis zu drei Wochen lang waren, waren Phasen engen Kontakts mit Land und Leuten. Schließlich bietet die Radreise in einzigartiger Weise die Möglichkeit ohne Barrieren mit der Umwelt in Kontakt zu treten. Immer wieder hört man Anselm im Film zur Kamera oder aus dem Off sagen, das Radfahren mache ihn frei und das kann sicher jede*r nachfühlen, der oder die schon selbst eine Reise oder auch nur Tagestour mit dem Fahrrad gemacht hat. Am Ende des Tages kommt man irgendwo an, ist vielleicht so müde und erschöpft, dass man sich kaum noch rühren kann, aber zutiefst zufrieden und entspannt, denn man hat es selbst hierher geschafft. „Ich fahre gerne Fahrrad“, sagt Anselm „wandern könnte ich auch, aber mit dem Fahrrad bin ich noch freier, ich mag den Rucksack nicht.“

Anselm sitzt zusammen mit einer Gruppe Kinder und Jugendlicher Foto: Anselm Pahnke
Das Radreisen ermöglicht unmittelbaren Kontakt zu Menschen, die man vorort trifft - hier gemeinsame Mittagspause in Ruanda

Das Fahrrad, das Anselm auf seiner Reise begleitet hat und das zum Gespräch im Kino mit dabei ist, hat außer den Packtaschen mit der Zeit allerlei an Zubehör dazu gewonnen. „Das sind alles Sachen, die mit der Zeit entstanden sind und die auch helfen mit Leuten ins Gespräch zu kommen, den Globus zum Beispiel hat mir ein reisender Franzose geschenkt, da kam gleich ein Kind zu mir und wir haben uns gegenseitig gezeigt wo wir wohnen. Auf der Musikbox habe ich mit vielen verschiedenen Leuten Musik gehört – jede*r konnte das Handy dranmachen und seine Playlist spielen.“

Wenn man den Film schaut ist man selbst überwältigt, von der Vielfalt der Landschaft, dem Freiheitsgefühl, das man förmlich spüren kann. Aber es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Ziemlich weit am Anfang des Films steht die Trennung von zwei Mitreisenden, die nach drei Monaten nach Hause zurückfliegen. Anselm möchte weiter und muss sich dem stellen. „Ich wollte nie alleine reisen. Nach der Trennung war ich zwei Tage komplett orientierungslos, bin meinen Ängsten begegnet, aber die Zeit war auch sehr wertvoll, weil ich realisiert habe, wie ungebunden ich plötzlich war.“ Wenngleich der Film so viel Positives zeigt, Sehnsucht weckt und zum Träumen bringt, bekommen die Zuschauer doch auch ein paar unangenehme Situationen hautnah mit. Angefangen mit dem sandigen Untergrund, der Fahrradfahren schier unmöglich zu machen scheint, über permanenten Gegenwind in der Wüste, das komplett schlammüberzogene Fahrrad bis hin zur Konfrontation mit bewaffneten Nationalpark-Rangern und Polizisten, die Anselm schlicht verhaften wollen. Dann kam völlig unverhofft noch eine Malaria- und fast gleichzeitige Salmonellenerkrankung hinzu. „Das sind natürlich extreme Momente, aber das habe ich so begriffen, dass das Leben mich herausfordert. Und dadurch habe ich das Leben wertschätzen gelernt.“

Anselm schieb sein Fahrrad hinter einem LKW auf einer Straße, die von Nässe und Schlamm zerklüftet ist Foto: Anselm Pahnke
Die Unwägbarkeiten, denen Anselm unterwegs begegnet, begreift er als Herausforderung

Eine Herausforderung hat Anselm sich selbst bewusst gestellt: Er hat während der gesamten Reise kein Trinkwasser gekauft, sondern sich ausschließlich an Brunnen versorgt. „Auch das hat mich in Kontakt mit Leuten gebracht, gezwungen aus meiner Komfortzone herauszugehen und Leute anzusprechen. Man stellt bei dieser Art von Reise fest, dass man Instinkte für die Nahrungs- und Wasserbeschaffung besitzt und die werden dann plötzlich wach. Das ist eine lehrreiche Erfahrung.“

Während des ganzen Films denkt man nicht darüber nach, wie dieser Film eigentlich entstanden ist. Man reist einfach mit. Man glaubt es kaum, wenn man die wunderbaren Bilder von Giraffen, Zebras, Adlern, Landschaft, vielen verschiedenen Menschen und Reisebausteinen sieht, aber: „Diesen Film hätte ich so nicht machen können, wenn ich mit dem Ziel losgefahren wäre, den Film zu machen. Das wäre ein ganz anderer Film geworden.“

Dieser Film endet im Norden von Afrika in Ägypten. Anselms Reise ging danach noch zwei Jahre weiter über Asien bis nach Australien. Doch hier war die Kamera nicht mehr dabei. Die Zuschauer, die das auch erleben möchten, müssen sich selbst auf den Weg wagen.

 

Infos zum Film: https://www.anderswoinafrika.de/