06.01.2020

Zeitfahren Hamburg-Berlin Oktober 2019

Von: Dirk Lau

Das Ziel ist der Weg

Teilnehmende der Radtour stehen im Dunkeln bereit. Dirk Lau
6.45 Uhr: Nächtlicher Start in Altengamme (Vierlande).

Am Ende des Rennradsommers ruft der Audax-SH-Club zum Zeitfahren Hamburg-Berlin – am 12. Oktober 2019 bereits zum 14. Mal.

 Nee, echt nicht! Die Aussicht, mitten in der Nacht aufzustehen, mich in Plas­­tik-Kla­mot­ten, die ewig muf­feln­de Rad­­funktionskleidung, zu zwän­gen und an einem feucht-kühlen Herbst­tag knapp 300 Kilometer auf dem Rad zu verbringen, macht mir keine gute Laune. Immerhin stimmt die Wetter­vorher­sage: Als ich am 12. Oktober mor­gens um 5 Uhr mit dem Rad zum Bahnhof Stern­schanze schleiche, ist es nicht nur dunkel, sondern auch nass. In der S 21 nach Ber­ge­dorf treffe ich Norwid-Renn­rad­kol­lege Arne, ein Ge­spräch über Vor- und Nachteile von Stahl­rahmen ver­treibt die Müdigkeit. In Bergedorf dann die immer gleiche, bange Frage: Wer kennt den Weg zum »Clausen's Vierländer Land­haus«? Ich fol­ge den Rück­lichtern einiger Sports­­­­freund*in­nen, die ihr GPS-Gerät offenbar schon einge­schaltet haben, und tat­säch­lich: Nach nur einem falschen Abzweig haben wir kurz nach 6 Uhr das Landhaus im Heerweg gefunden – wo im Dunkeln schon ein lustiges Treiben herrscht. Etwa 400 Frauen und Männer, junge und nicht mehr ganz so junge Radbegeisterte (letz­tere sichtbar
in der Mehrzahl) sowie ein paar Velo­mobilisten treffen letzte Vor­berei­tungen für das diesjährige Zeitfahren Hamburg-Berlin (HH-B), füllen Trink­flaschen und Reifen auf, geben Gepäck ab oder zer­stö­ren das unver­schämt üppige Früh­stücks­­buffet, das allein schon die Start­gebühr von 25 Euro pro Nase wert ist. Andere reihen sich noch schnell in die War­te­­­­schlange vor der ein­zigen Toilette ein, be­vor es allein oder im Team auf die Stre­cke von Altengamme nach Berlin geht, ge­nauer gesagt zum Wasser­sportheim Span­dau in Alt-Gatow direkt am Havelsee. Die Rennleitung hat der Audax-Club Schles­wig-Hols­tein (SH) inne, ein Haufen enthu­­­­­sias­­ti­scher Ra­ndonneure, wie Lang­­­stre­cken­rad­fah­rer*innen auch heißen.

Eine doch eigene Spezies

Das lassen schon die speziellen Teamnamen erahnen: Kilo­­meterfresser, Torpedo 1, RAD­los, FC St. Pauli Bolivarianos, Stiftung Wadentest, Team Hotte Tomayer, während Bjoern allein fährt und Steffen als Ritzelritter schleicht nach Hause startet. Mein Team mit dem eher langweiligen Namen BSV Ham­burg Radsport muss erst um 6.45 Uhr los, ich treffe Jens, Borwin und Käpt'n Ulli also noch am Früh­stücks­tisch. Plan und Renn­taktik waren klar: in einer grö­ßeren Gruppe gemüt­lich mit­rollen und, ja, Spaß haben! Das HH-B-Motto ist ohne­hin jedem be­kannt: »Es wird aus eigener Kraft (im Team) gefah­ren«. Was das heißt, verrät uns der Audax-SH-Club auch: »ei­gene Muskel­kraft« und »Unter­stützung nur vom eige­nen Team und eventuell von anderen Star­tern sowie von dem, was sich an der Stre­cke sowieso befindet.« Und: Die Be­nut­­zung von Auto­bahnen ist leider unzu­lässig, es dro­hen »Disquali­fikation und lebens­lan­ger Ausschluss«! Für Ulli, der sich nach einem Rad­unfall mit Schlüs­sel­­bein­bruch zwei Wo­chen lang im Kran­kenhaus vor­bereitete und daher jetzt MTB fahren muss, und mich ist es die sechste Berlin-Fahrt. Auch Jens und Borwin bleiben cool und lassen sich ihre Vor­freude kaum anmer­ken.

Endlich Regen!

»Endlich mal wieder Regen am Start«, freuen sich die Hart­gesottenen auf ein »richtiges« Zeit­fahren. Auch uns begrüßt die Elbufer­straße mit nassem Asphalt und schmut­zigen Sprit­zern der Hinterräder. Als empfindlicher Schön­wetterfahrer danke ich allen, die ein Schutzblech montiert haben. Tespe, Ble­ckede, Hitz­acker rau­schen im Regen vor­bei, Sams­tagsmorgens sind in dieser Ecke außer uns nur Brötchen­holer mit dem Auto unter­wegs, deren Gehupe auch mich wach­­hält.

Teilnehmende der Radtour stehen an einem Verpflegungsposten an. Dirk Lau
10.30 Uhr: Kontroll- und Verpflegungsposten in Dömitz – die erste Etappe ist geschafft!

In Dömitz, dem einzigen HH-B-Kontroll­punkt, den wir nach 95 Kilometern und gut dreieinhalb Stunden erreichen, ist es trocken und aus Berlin wird sogar Sonne gemeldet – Klamot­tenwechsel auf kurz-kurz ist ange­sagt, richtig warm wird mir an diesem Tag aber nicht mehr. Nach einer mit Brötchen, Müsliriegeln und Bananen gut gefüllten Pause rollen wir weiter. Dann Aufregung nach ein paar Kilometern: Jens und Borwin feh­len! Wir haben sie in Dömitz ver­gessen. Anhalten, telefonieren, warten, schon kommen die beiden von hinten laut schimpfend über die Ignoranz der Grup­pe. Zu Recht, denn die erste HH-B-Regel lautet: »Niemand wird zurück­ge­lassen!« Aber Schimpfen macht keine Strecke, also wieder rauf auf die Räder und durch das UNESCO-Bio­sphä­ren­reser­vat Fluss­land­schaft Elbe weiter Rich­­tung Witten­berge, wo wir unse­re Grup­­pe beim Pannen­stopp erwischen.

Im Vordergrund beugt sich ein Teilnehmer der Radtour über seinen Rucksack, während im Hintergrund mehrere Personen ein Rad reparieren. Dirk Lau
13.15 Uhr: Pannenstopp im Nirgendwo, Ulli nutzt die Zwangspause, um in seinem Rucksack aufzuräumen.

Wieder vereint geht es auf recht ein­tönigen Straßen und durch Städtchen wie Havel­berg nach Südosten – bald wird es meditativ, nur einzelne »Vorne-kürzer«-Rufe, wei­te­re Pannen­stopps und Dispute da­rü­ber, welcher Track nun wirklich »der King« ist, stören das Surren und Rauschen der Räder. Dann sind wir auch schon auf der nie endenden »Allee des Grauens«, die doch irgendwann endet, und zwar genau am Höhe­punkt jeder HH-B-Fahrt: dem NP-Super­markt in Rhinow! Dort decken wir uns nochmal fürs Wochen­­ende ein – und für die restlichen 80 Kilometer.

Endlich Bier!

Friesack, Nauen, Falkensee heißen die letzten Etappenziele, bevor wir nach zwei weiteren Reifenwechseln von der Polizei in Berlin begrüßt werden, die unseren brav in Zweierreihe fahrenden Ver­band anhupt, gefälligst einzeln hinter­einander zu fahren. Kurz vor 19 Uhr sitzen aber auch wir dann endlich bei Ber­liner Kindl und (vege­tarischem) Eintopf am See vor dem Wasser­sportheim – für die­ses Ziel lohnt sich fast jeder Weg! Dem Audax-SH-Club sei gedankt für die per­fekte Or­ga­­ni­sation dieser tollen Ver­anstal­tung. Ja, hat wieder Spaß gemacht!

Erschienen in RadCity 6/2019