Verkehr
13.04.2020

Fahrradclub fordert: Gebt den Elbtunnel frei!

erstellt von Dirk Lau
adfc hh/Amrey Depenau

St. Pauli-Elbtunnel: Ansteckungsgefahr durch zu viele Tourist*innen am Wochenende.

adfc hh/Amrey Depenau

Aushang an der verschlossenen Eingangstür zum Tunnel

Corona und Tourist*innenansturm führten zur Schließung an den Wochenenden.

Seit dem 4. April ist der Alte Elbtunnel in St. Pauli nicht nur – wie seit Juni 2019 – für Autofahrer*innen komplett, sondern auch für Radfahrer*innen und Fußgänger*innen an Wochenenden gesperrt. Begründung: Die Menschen, vor allem die vielen Ausflügler*innen, könnten in der knapp vier Meter breiten Tunnelröhre die während per Corona-Pandemie vorgeschriebenen Sicherheitsabstände nicht einhalten.

Veranlasst hat diese Sperrung die Hamburg Port Authority (HPA), die den Alten Elbtunnel managt, auf Anweisung des Senats. Wir haben Amrey Depenau, Fahrrad-Aktivistin aus Wilhelmsburg, gefragt, was sie davon hält.

»Es ist jetzt schon das zweite Wochenende, an dem der St. Pauli-Elbtunnel wegen zu vieler Tourist*innen und Ausflügler*innen geschlossen bleibt – über Ostern gleich volle vier Tage«, erklärt Depenau. Hamburgs Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue (Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation, BWVI) schlägt vor, dass Radfahrende nach Wilhelmsburg während der Sperrzeiten die Norderelbbrücke benutzen sollten und bittet um Verständnis für die Maßnahme: »Corona fordert uns allen in vielen Bereichen viel ab.«  Für Radfahrerin Depenau heißt das übersetzt: »Pech gehabt, liebe Wilhelmsburger*innen, stellt euch mal nicht so an.«

Viele Metropolen weltweit sorgen gerade jetzt während der Corona-Pandemie für mehr Platz für Radfahrer*innen und Fußgänger*innen auf den Straßen, damit auch sie die vorgeschriebenen Sicherheitsabstände besser einhalten können. Wien schafft sogenannte Begegnungszonen, die Fußgänger*innen das Gehen auf der Fahrbahn ermöglichen, und Berlin trennt zusätzliche extra Radspuren auf der Fahrbahn großer Straßen ab. Der Hamburger Senat aber sieht für solche innovativen Maßnahmen keinen Bedarf, sondern rät Radfahrer*innen, Bettelampeln nur mit Jackenärmel anzufassen – und kappt mit dem Alten Elbtunnel zeitweise eine wichtige Radverkehrsverbindung nach Wilhelmburg, die zudem Teil einer Veloroute ist. Auf jedem Hamburger Gehweg ist weniger Platz und an vielen Hotspots wie an der Alster oder auf dem Kapitänsweg in Övelgönne sind die Verhältnisse noch beengter.

Radfahrer*innen wie Depenau, die in Wilhelmsburg wohnen, aber auch viel nördlich der Elbe unterwegs sind – ob zur Arbeit oder in der Freizeit –, sind durch die Sperrung des Elbtunnels zu erheblichen und zudem unausgebauten und unausgeschilderten Umwegen gezwungen. Und Menschen aus Wilhelmsburg, die in systemrelevanten Bereichen wie der Pflege oder in Krankenhäusern etwa in Altona arbeiten, haben auch am Wochenende oft ab 6 Uhr morgens Schichtdienst und keine Zeit zu verlieren.

Depenau: »Bei mir kommen insgesamt 40 Kilometer an sechs Tagen zusammen, die ich mehr fahren muss, nur weil es die HPA nicht auf die Reihe bekommt, was gerade jeder Baumarkt und Supermarkt irgendwie wuppen muss: Kundenströme zu kanalisieren.«

Stattdessen mache die Stadt den Elbtunnel kurzerhand dicht und zwinge Radfahrer*innen so, nach Osten zu fahren, obwohl sie in den Westen wollen. »Das ist erbärmlich und einer selbst ernannten Fahrradstadt Hamburg nicht würdig.«

Auch aus Sicht des Fahrradclubs ist die Komplettsperrung des Alten Elbtunnels an Wochenenden eine unverhältnismäßige und hilflos wirkende Adhoc-Maßnahme. Die Begründung, dem Ansturm der Ausflügler*innen nicht gewachsen zu sein, ignoriert die Bedürfnisse der Menschen, für die der Elbtunnel eine wichtige Radverkehrsverbindung in den Süden Hamburgs ist.

Die Sperrung muss daher umgehend wieder aufgehoben werden – zumindest für Radfahrer*innen. Der touristische Publikumsandrang an den Wochenenden lässt sich durch geschultes Personal an den Ausgängen regeln. Die dafür notwendigen Kosten sind eine vergleichsweise geringe Investition in eine lebenswerte Stadt mit guten Bedingungen für moderne Mobilitätsarten.

Auch für die Wilhelmsburgerin Depenau muss die Stadt gerade in Corona-Zeiten jede Maßnahme, welche die Menschen einschränkt, besonders genau auf ihre Verhältnismäßigkeit hin prüfen: »Wer weiß denn, was als Nächstes kommt? Wir hier auf der Insel fürchten auch eine Ausweitung der Sperre auf weitere Wochentage.«