Landesversammlung 2019

Von: Leo Strohm
adfc-hh/Sven Anders
Landesversammlung des ADFC Hamburg 2019: 40 Mitglieder brachten sich ein.
adfc-hh/Julian Lindner
Ein starkes Team für Hamburg (v.l.n.r.): Die frisch gewählten Dele­gierten für die Gremien des ADFC-Bundesverbands Amrey Depenau, Leo Strohm, Samina Mir, Oscar Bock, Sven Anders, Sabine Hartmann, Georg Sommer, Jens Deye, Sabine Michaelis, Ulrike Hanebeck.
adfc-hh/Julian Lindner
In guten Händen: Florian Lancker, Ulrike Hanebeck, Helmuth Schubert und Samina Mir sind beauftragt, Vorschläge zur Satzungsänderung zu entwickeln.

Erlebnisbericht von der Landesversammlung des Hamburger Fahrradclubs am 15. September

»Wann kommst du eigentlich wieder?«, erkundigt sich meine Frau, bevor ich mich auf den Weg zur Jahreshauptversammlung mache. Ich werfe nochmal einen Blick auf die Tagesordnung: Tätigkeitsbericht des Vorstandes, Kassenbericht, Wahlen, Verschiedenes. Ich bin erst wenige Monate im ADFC, aber ich habe Vereinserfahrung. Das kann nicht so lange dauern. Das einzige, was mich stutzig macht, ist die Tatsache, dass die Organisator*innen eine Pause eingeplant haben.

Nach vier prall gefüllten Stunden weiß ich nicht nur, dass die Pause wirklich sinnvoll war, ich habe auch sonst eine Menge Neues erfahren. Zum Beispiel, dass der Hamburger Landesverband über 8000 Mitglieder zählt, von denen sich weniger als ein halbes Prozent zur Hauptversammlung aufgemacht haben.

Ich habe Sünje Callsen kennen gelernt, die seit September als kaufmännische Geschäftsführerin für die Geschicke des Vereins mitverantwortlich ist und voll ehrlicher Begeisterung von ihren ersten Erfahrungen und Begegnungen berichtet. Ich habe erfahren, dass der ADFC vor wichtigen Veränderungen und Herausforderungen steht, und zwar in vielfacher Hinsicht – organisatorisch und wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch. Manche Einnahmequellen sind ganz weggebrochen, andere wurden durch das Finanzamt beschnitten. Das schränkt den Handlungsspielraum ein, und das ausgerechnet in einer Zeit, in der die Zeichen für eine wirkliche Wende in der Verkehrspolitik so günstig stehen wie noch nie.

Viele gute Ideen …

Um ein Beispiel herauszugreifen: Das »Stadtradeln«. Diverse Teams aus Schulen, Firmen, Vereinen erfassen drei Wochen lang jeden gefahrenen Radkilometer. Konkret waren es in Hamburg vom 30. August bis zum 19. September 6310 Radler*innen, die mehr als eine Million Kilometer gesammelt haben. Beeindruckende Zahlen, und ein tolles Projekt, das mit Hilfe des Fahrradclubs organisiert und – kleiner Bonus – von der Behörde für Umwelt und Energie finanziert wird.

Die Vielfalt der Aktivitäten ist bemerkenswert. Da werden bundesweite Kampagnen wie »Mehr Platz fürs Rad« oder hamburgspezifische Aktionen wie »Tempo 30 – Läuft!« organisiert und koordiniert, da finden unter dem Stichwort »Perspektivwechsel« Workshops für LKW-Fahrer statt, und natürlich werden Kontakte zu den politischen Parteien gepflegt – mit Ausnahmen, aber davon wird später noch einmal die Rede sein.

Die Mitarbeit im Hamburger Forum für Verkehrs­sicher­heit, im Mobilitätsbeirat und anderen verkehrspolitischen Gremien, der Dialog mit der Polizei, das Engagement für den Ausbau der Velorouten und für eine wirkliche Mobilitätswende, medienwirksame Aktionen wie der »Ride of Silence« oder die »Vitamine für Winderradler*innen«, das »unnormal geile« Jugend-Fahrrad-Festival – das alles ist nur ein kleiner Teil dessen, was im ADFC erdacht, geplant, organisiert und umgesetzt wird.

… aber zu wenige, die sie umsetzen

Und genau deshalb bin ich in den Verein eingetreten: weil ich mich aktiv für diese Belange einsetzen möchte. Denn auch das wurde bei der Versammlung deutlich: Wir brauchen mehr persönliche Initiative und ehrenamtliches Engagement, um auch die Teile der Gesellschaft zu erreichen, die das Fahrrad bislang nur als Spielzeug oder als Gegner im täglichen Verkehrsgetümmel wahrnehmen.

Insgesamt begegnet die Versammlung dem Vorstand und den handelnden Personen mit viel Wohlwollen. Auch der Haushaltsplan für das Jahr 2020, der mit einem saftigen Defizit rechnet, wird nach kurzer Diskussion überwiegend zustimmend angenommen. Der Vorstand kann überzeugend darlegen, dass das Geld, das zum großen Teil in Personalkosten fließt, als Investition gedacht ist, die mittelfristig Früchte tragen soll.

Klare Kante gegen Rechts!

Bei den Anträgen ganz zum Schluss wird es noch einmal spannend, denn der von Vorstandsmitglied Dirk Lau eingebrachte Antrag »Kein Fahrrad den Faschisten – Klare Kante gegen Hass, Diskriminierung und Ausgrenzung« wird engagiert dis­kutiert. Wobei sich in der Sache alle einig sind: Rechtsextremes Gedankengut hat im ADFC keinen Platz! Die Landesversammlung beschließt denn auch ohne Gegen­stimme und mit nur wenigen Enthaltungen, »mit Gruppen, Parteien und Organisationen, die Menschen erkennbar aufgrund von Merkmalen wie Geschlecht, Abstammung, Sprache, Heimat und Herkunft oder Behinderung aus­grenzen, abwerten und pauschal verurteilen«, nicht zu kooperieren. Noch ein Grund mehr, sich im ADFC zu engagieren.

Und wenn meine Frau mich vor der Mitglieder­versammlung im nächsten Jahr fragt, wann ich nach Hause komme, sage ich: »Kann später werden.«

 Die Beschlüsse und Protokolle der Landesversammlung sind nachzulesen unter hamburg.adfc.de/verein/landesversammlung/