Verkehr
12.06.2017

Mehr Raum fürs Rad

Von: ADFC-Arbeitskreis Verkehr
Radfahrende fahren auf einem relativ schmalen Schutzstreifen auf den Betrachter zu. Im Bild links stehen geparkte Autos, im Bild rechts werden Autos gefahren adfc hh/Ulf Dietze
Radfahr- und Schutzstreifen wie hier in der Langen Reihe sind häufig zu schmal, zu dicht neben Parkstreifen angelegt oder von Falschparkern blockiert und verengt

Radverkehr braucht Platz, Radverkehr schafft Platz

Auf Schutz- und Radfahrstreifen fühlen sich viele Radfahrer*innen oft nicht sicher. Besonders, wenn die Streifen zu schmal sind und Autofahrer*innen zu knappen Überhol­manövern verleiten. Um das Radfahren für alle attraktiver zu machen, müssen deshalb an Hamburgs Hauptverkehrsstraßen breitere Radstreifen angelegt werden.

Radfahrerin auf einem Fahrrad mit Kinderanhänger auf einem Radfahrstreifen. Ca. 80 cm links daneben fährt ein Bus. adfc hh/Georg Sommer
»Nerven aus Stahl« brauchen Radfahrer*innen, wenn sie auf der Stresemannstraße im Abstand von wenigen Zentimetern von Bussen mit Tempo 50 und mehr überholt werden

In Hamburg wird der Radverkehr immer häufiger auf die Fahrbahn ins Sichtfeld des Autoverkehrs verlegt, um dem Radverkehr mehr Sicherheit, Komfort und Platz zu geben. Bei den altbekannten Radwegen auf dem Bürgersteig ergeben sich häufig Konflikte mit zu Fuß Gehenden. Und die Gefahr, durch abbiegende Kraftfahrzeuge übersehen zu werden, führt immer wieder zu schweren Unfällen.

Viele Radfahrer*innen fühlen sich auf den neuen Streifen allerdings nicht sicher. Einer der Gründe ist, dass Radfahrstreifen zu häufig von Autos zugeparkt sind, sodass Radfahrende auf die Spuren des Kraftverkehrs ausweichen müssen. Ein weiterer Grund ist, dass Radler auf der Fahrbahn in den meisten Fällen nicht mit ausreichendem Abstand überholt werden. Regelmäßig geschieht das dann, wenn Schutz- oder Radfahrstreifen zu schmal angelegt sind. Leider ist das in Hamburg häufig der Fall – und manchen vergeht die Lust am Radfahren dadurch ganz.

Überholabstand: 1,5 bis 2 Meter! 

Dass Radfahrende mit einem Abstand von mindestens 1,5 Metern und Kinder sogar mit 2 Metern Abstand überholt werden müssen, wissen viele Autofahrer*innen nicht oder halten sich nicht daran. Dass dies auch beim Überholen von Radfahrenden auf Radfahrstreifen oder Schutzstreifen gilt, ist fast gänzlich unbekannt. Leider verstehen viele Autofahrer*innen die Markierung einer eigenen Fahrspur für Radfahrende falsch und gehen davon aus, dass ein einfaches Vorbeifahren auf der eigenen Fahrspur erlaubt sei – auch wenn der seitliche Abstand zwischen Auto und Rad dann nur noch wenige Zentimeter beträgt. 

Ein Beispiel ist auf der Stresemannstraße zu sehen: Dort wurde jüngst ein Radfahrstreifen mit unzureichender Breite neu markiert – direkt neben der von vielen Lkw befahrenen Fahrspur. Dort bleibt kein Bus- oder Lkw-Fahrer hinter den Radfahrer*innen zurück oder weicht auf den zweiten Fahrstreifen aus, obwohl er sie nicht mit dem vorgeschriebenen Abstand überholen kann.

Radverkehr braucht Platz!

Insbesondere auf Straßen mit höherem Verkehrsaufkommen sind deshalb breitere Schutz- und Radfahrstreifen notwendig, damit sich dort alle Radfahrenden sicher bewegen können. Bei einem hohem Anteil an Bussen und Lkw sind dabei Breiten von 3 Metern und mehr notwendig, damit der Überholabstand zuverlässig eingehalten wird. In solchen Straßen sollte das Parken am Fahrbahnrand ebenfalls zur absoluten Ausnahme werden – und Falschparker müssen umgehend abgeschleppt werden.

In kleineren Straßen kann mangelnde Fahrbahnbreite durch eine Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit kompensiert werden. Wenn die Geschindigkeitsdifferenz zwischen Kraft- und Radverkehr geringer ist, sinkt auch der »Druck«, überholen zu »müssen.«

Radverkehr schafft Platz!

Sowohl breitere Radfahrstreifen an mehrspurigen Straßen als auch die Geschwindigkeitsreduzierung an kleineren, zweispurigen Straßen könnten sogar für mehr Platz und einen flüssigeren Verkehrsablauf sorgen: Wo das Radfahren attraktiver wird, steigen mehr Menschen aufs Rad um. Sie benötigen dabei deutlich weniger Raum als jene, die mit dem Auto fahren. Letztlich schaffen sie also Platz für jene, die zu Fuß, mit Bus und Bahn – oder doch weiterhin lieber im Auto unterwegs sind.

Jens Deye in RadCity 3/2017


Knapp vorbei ist voll daneben

Radfahrer kennen das: Immer wieder kommt es vor, dass ein Auto mit zu geringem seitlichen Abstand überholt. Manchmal verfehlt der Seitenspiegel den Ellenbogen des Radlers nur um Haaresbreite. Mit einem plakativen Motiv auf Turnbeuteln macht der ADFC jetzt auf das Problem aufmerksam.

Abgesehen von der konkreten Gefährdung, lösen knappe Überholmanöver auf Seite der Betroffenen oft Schrecken, Angst und Wut aus. Ein Überholer verstößt schon dann gegen die Vorschriften der Straßenverkehrsordnung (StVO), wenn er den Eingeholten erschreckt und damit zu einer Fehlreaktion veranlasst. Fühlt sich der Radfahrer bedroht oder wird er unsicher, ist der Abstand zu gering. Autofahrer müssen lernen, dass dieses Verhalten inakzeptabel ist. In der StVO (§ 5 Abs. 4) heißt es schlicht: »Beim Überholen muß ein ausreichender Seitenabstand zu anderen Verkehrsteilnehmern, insbesondere zu Fußgängern und Radfahrern, eingehalten werden«.

Was genau ausreichend ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel vom überholenden Fahrzeug (Lkw, Pkw), vom Überholten (Kind, mit Gepäck etc.) von der Geschwindigkeit oder den Wetterverhältnissen. Die gängige Rechtsprechung fordert einen seitlichen Abstand von min­des­tens 1,5 Meter zu Radfahrer. Wird zum Beispiel ein Kind auf dem Rad transportiert, sind es bereits 2 Meter. Bei enger Fahrbahn oder Gegen­verkehr müssen die Autofahrer hinter dem Fahrrad bleiben und abwarten. 

Bei vielen Autofahrern hat sich das leider noch nicht herum­gesprochen. Der ADFC Hamburg hat deshalb in einem Wettbewerb dazu aufgefordert, ein grafisches Motiv dafür zu entwerfen. Herausgekommen ist ein Design, das nun auf Turnbeutel gedruckt wird. So können Radfahrer das Thema in leicht verständlicher Form buchstäblich transportieren und damit die Zielgruppe – die motorisierten Verkehrsteilnehmer – direkt ansprechen.  Die Turnbeutel werden bei ADFC-Aktionen verteilt und können – solange der Vorrat reicht – auch in der Geschäftsstelle abgeholt werden.

Georg Sommer in RadCity 3/2017