06.10.2009

Aufwertung durch Autobahnen?

Von: Vincenz Busch, Ulf Dietze

In Wilhelmsburg tut sich was. Die Politik spricht vom »Sprung über die Elbe«. Doch nicht alle stimmen in die Jubelgesänge ein.

Gentrifizierung

Im »Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg« haben sich Bürger und Bürgerinnen der Elbinsel zusammengetan, um für eine sozialere Umstrukturierung des Stadtteils zu kämpfen. Nach ihren Angaben gehen die Vermieter in Wilhelmsburg, besonders die SAGA, mit aggressiven Methoden gegen einzelne Mieter vor. Bei der Renovierung von Wohnungen würden die Mieter ohne deren Einverständnis in inadäquate Ersatzwohnungen gezwungen oder müssten, wenn sie in ihren Wohnungen blieben, selbst im Winter Waschcontainer benutzen.

Befürchtet wird außerdem eine Erhöhung der Mieten. Nach Aussage der SAGA werden sie in den nächsten 15 Jahren nicht mehr als zehn Prozent steigen, was durch die Verbesserung der Energiebilanz der Wohnung fast ausgeglichen werde. Der Arbeitskreis weist jedoch darauf hin, dass sich die versprochenen zehn Prozent nur auf bereits bestehende Mietverträge bezögen. Für neue Mietverträge gälten andere Konditionen und bereits jetzt werde versucht Mieter in einen neuen Mietvertrag zu zwingen.

Außerdem werden im Zuge der Renovierungen viele Wohnungen vergrößert. So nimmt die Anzahl der Wohnungen insgesamt ab. Absolut werden die Mieten höher, selbst wenn die Quadratmeterpreise kaum steigen. Für manchen der jetzigen Bewohner wird es dann unerschwinglich.

Verkehr

Eine andere Gruppe, die sich kritisch mit der Erneuerung Wilhelmsburgs auseinandersetzt, ist »Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e.V.«. Im Zentrum ihrer Kritik steht der geplante Bau von gleich zwei Straßen im Autobahnstandard: So soll eine Autobahn von Ost nach West quer über die Insel verlaufen, die so genannte Hafenquerspange. Und außerdem soll die Wilhelmsburger Reichsstraße an die Nord-Süd-Eisenbahn verlegt werden. Der Verein fordert statt neuer Autobahnen ein Verkehrskonzept für die Elbinsel, das diese vom Verkehr nicht zusätzlich belastet, sondern entlastet.

Mehr Verkehr bedeute mehr Lärm und bei Stau würde der Durchgangsverkehr auf die Straßen Wilhelmsburgs ausweichen. Da der zusätzliche Verkehr spätestens vor den Elbbrücken auf einen Engpass träfe, wäre Stau und damit ein regelmäßiger Verkehrskollaps des Viertels unvermeidbar. Die entstehende Lärm- und Schadstoffbelastung werde alle Bemühungen, die Lebensqualität in Wilhelmsburg zu erhöhen, im Keim ersticken.

Eine vernünftige Verkehrsplanung muss außerdem verstärkt Fahrradfahrer und Fußgänger einbeziehen. Bis jetzt geht es ohne Auto nur durchs Industriegebiet und den Alten Elbtunnel oder über die Elbbrücken entlang des Autobahnzubringers. Beide Strecken sind stark verbesserungsbedürftig; zusätzlich müssen weitere Verbindungsstellen geschaffen werden. Dazu eignen sich die lange geforderte Fußgänger- und Radfahrerbrücke nach Kaltehofe (Kasten oben links) und eine HADAG-Fähre zu den Landungsbrücken für eine bessere Anbindung an den Westen Hamburgs.

Vincenz Busch in RadCity 5/2009

Wilhelmsburger Reichsstraße heute.

Beteiligungsprozess zu Verkehrsprojekten

Zu der Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße, der Hafenquerspange und einem Verkehrskonzept für Hamburgs Süden hat die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt ein Beteiligungsverfahren eingerichtet. Der »Beteiligungsprozess Verkehrsplanung im Hamburger Süden« soll bis November 2009 einen Interessenausgleich zwischen den Akteuren finden.

Geplant ist, die Wilhelmsburger Reichsstraße (B4/B75) auf die Westseite des heutigen Bahnkorridors zu verlegen. Eine aufwändige Instandsetzung und Sanierung der Straße könnte so vermieden und die frei werdenden Flächen für die Stadtentwicklung genutzt werden.

Die Kritiker des Projektes führen an, dass die heutige Bundesstraße nicht nur verlegt, sondern auch verbreitert wird und damit einen autobahnähnlichen Ausbaustand erreicht. Zusätzlich zum Lärm des Bahnverkehrs käme dann der nie abreißende Krach des Autoverkehrs auf Wilhelmsburgs Mitte zu.

Neben der Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße gibt es ein weiteres Großprojekt, das seit Ende der 1980er Jahre die Gemüter erhitzt: Eine Hafenquerspange im Hamburger Süden soll die bessere Erreichbarkeit des Hafens gewährleisten und Lärm sowie die Schadstoffbelastung in den innerstädtischen Quartieren verringern. Die Kritiker des Projektes stellen den grundsätzlichen Bedarf an einer west-östlichen Autobahnverbindung im Hamburger Süden in Frage. Ihr Bau verlärmt ganze – heute noch idyllisch gelegene – Stadtteile. Auf- und Abfahrten der Autobahn zerstören erhebliche Teile der Landschaft.

Die BSU berichtet auf ihrer Webseite über die Hintergründe der Projekte und stellt den aktuellen Stand der Überlegungen vor. [Update, 11.09.17: Link entfernt, da nicht mehr funktionierend]

Ulf Dietze in RadCity 5/2009

Blick über die Gleise nach Norden (auf Höhe der Brackstraße): Hier soll (links der Gleise) die Wilhelmsburger Reichsstraße hinverlegt werden. Sie wird dann breiter sein als heute. Die Anwohner, die heute schon erheblichem Lärm der Bahn ausgesetzt sind, müssen zukünftig zusätzlich Autolärm ertragen.

»Verkehr nicht primäre Aufgabe« – Fragen an die IBA

RadCity: Was tut die IBA konkret, um die Umstrukturierung von Wilhelmsburg sozial verträglich zu gestalten und eine Gentrifizierung zu verhindern?

Ute Schwabe (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der IBA): Die IBA fördert nur Projekte im Baubestand, bei denen die Bewohnerinnen und Bewohner die Möglichkeit haben, auch nach dem Umbau bzw. nach der Modernisierung im Quartier zu bleiben. Prominentestes Beispiel ist das Weltquartier, das nach den Bedürfnissen der jetzigen Bewohner auf einen energetisch hochwertigen Stand gebracht wird. Für die in Wilhelmsburg notwendige soziale Mischung werden Neubauflächen entwickelt. Darüber hinaus integriert die IBA Hamburg in ihre Bauprojekte beschäftigungslose Jugendliche aus dem Stadtteil, die ein Ausbildungsangebot erhalten.

Warum gibt es bislang keine fertige Verkehrsplanung für Wilhelmsburg im Rahmen der IBA?

Es macht keinen Sinn, eine Konkurrenzplanung zum jetzigen Bürgerdialogverfahren zu betreiben. Außerdem ist die Verkehrsplanung nicht primäre IBA-Aufgabe.

Wie soll die »verkehrliche Entlastung für Wilhelmsburg« aus dem Koalitionsvertrag erreicht werden?

Durch das laufende Bürgerdialogverfahren, das alle Themen aufgreift, die von der IBA gefordert wurden, insbesondere die Untersuchung und Planung des nachgeordneten Netzes.

In welcher Form beinhaltet die bisherige Verkehrsplanung ein Konzept für den Radverkehr?

Ein Fahrradkonzept muss Gegenstand der Planung des nachgeordneten Netzes sein. Die IBA hat daher ein »Verkehrsgestaltungskonzept« (s. IBA-Blick Nr.1/2009) gefordert, das auch die qualitativen Aspekte von Fuß- und Radwegen umfasst. Zusammen mit der igs hat die IBA ein Konzept für einen Freizeitrundkurs durch Wilhelmsburg vorgelegt, dessen erste Stufe bis 2013 umgesetzt werden soll. Darüber hinaus hat die IBA einen Radrundweg um den Spreehafen durchgesetzt, der 2010 gebaut wird. Ebenso der Radweg zum Alten Elbtunnel.

Die Fragen stellte Vincenz Busch

Seitensprung

Seit der Wilhelmsburger Zukunftskonferenz im Jahre 2001 fordert die Initiative Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e.V. eine Querungsmöglichkeit der Norderelbe zwischen Wilhelmsburg und den Vier- und Marschlanden für Fußgänger, Skater und Radfahrer.

Diese schon vorhandene Brücke der A1 Richtung Osten möchte die Initiative nutzen und einen Fuß- und Radweg seitlich/unterhalb der Brücke anhängen. Eine ähnliche Konstruktion gibt es seit 2006 u. a. in Görlitz – gefördert mit EU-Mitteln. Obwohl mit dem »Seitensprung über die Elbe« das östliche Wilhelmsburg erschlossen und der Elberadwanderweg angeschlossen werden könnte, ist eine Umsetzung nicht in Sicht.
www.insel-im-fluss.de

Fahrradstadt Wilhelmsburg

Die Elbinsel soll für Radfahrer attraktiver, das Fahrrad als Verkehrsmittel in Wilhelmsburg insgesamt populärer werden. Weitere Ziele sind der Klimaschutz und die Förderung des Radreise-Tourismus. Die Initiative bildete sich vor einem Jahr anlässlich der IBA aus lokalen Institutionen und Beschäftigungsträgern. Der Zusammenschluss führt einen alternativen Fahrradverleih, einen Reparatur-Service und Projekte an Schulen (Bau von Fahrradständern) durch und bringt damit Menschen in Arbeit.

Darüber hinaus ist für 2010 ein Fahrradkongress geplant zum Austausch von Erfahrungen und zur besseren Vernetzung. Die Initiative ist offen für alle Interessierten und trifft sich regelmäßig.
www.fahrradstadt-wilhelmsburg.de

Kritik am IBA-Konzept

Der Kritiker gibt es viele. Ein interessanter und um Sachlichkeit bemühter Beitrag findet sich auf der Plattform »The Thing Hamburg«. Dürfen Stadtplanung und Architektur Formen und Themen der Stadt bestimmen? Können sie das leisten? Braucht Wilhelmsburg überhaupt Veränderung? Wieso werden nicht die bestehenden Initiativen im Kleinen gefördert, sondern neue, imageträchtige Projekte entworfen? Wenn nur von Aufbruch und Veränderung die Rede ist, werden dann nicht die eigentlichen Probleme der Gesellschaft, wie Armut oder Exklusion ignoriert?
www.thing-hamburg.de/index.php

zusammengestellt von Marcus Steinmann, Ulf Dietze