02.06.2018

Die Zukunft der Elbchaussee

Von: Amrey Depenau

Durchgangsstraße … oder Flaniermeile?

Die Elbchaussee in Hamburg-Altona soll umgestaltet werden. Dazu startet eine Bürgerbeteiligung – die Anforderungen sind hoch.

Sie ist auch außerhalb Hamburgs eine Berühmtheit und steht für Villen, Parks und Reichtum: Die Elbchaussee, die sich von der Klopstockkirche in Ottensen bis ins Zentrum von Blankenese zieht. In den 1820er-Jahren bauten Anwohner den damaligen Sandweg zu einer kleinen Chaussee aus, auf der 1895 das erste Motorfahrzeug fuhr. Schnell vermehrte sich der Verkehr und wurde zum Störfaktor, sodass ab 1904 an Wochenenden und Feiertagen, später sogar werktags ab 15 Uhr, die Elbchaussee für Motorfahrzeuge gesperrt war. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten die britischen Besatzungstruppen die Elbchaussee und verbreiterten sie deutlich. In den 1950er-Jahren wurde die bis dahin noch private Straße dann eine öffentliche Durchgangsstraße.

Autofahrer*in überholt Radfahrer auf der Fahrbahn, daneben ein Gehweg mit Sandoberfläche adfc hh/Dirk Lau
Die Elbchaussee heute ...
Villa mit Bäumen davor, davor die Elbchaussee mit einigen Fußgängern, ca. 10 gut verteiltern Radfahrer*innen auf der gesamten Fahrbahnbreite Postkarte/Archiv Altonaer Bicycle-Club
... und auf einer Postkarte von 1905, die eine De-facto-Fahrradstraße zeigt.
adfc hh
Von wegen noble Adresse: Die Elbchaussee ist eine der lautesten und dreckigsten Straßen Hamburgs. ADFC-Karten mit offiziellen Daten der Stadt zeigen deutlich: Die Lärmbelastung der Elbchaussee ist durchgängig zu hoch. Daten zu Feinstaub- und Stickoxidbelastungen gibt es nur für einige Stellen, aber diese Werte sind immer im »roten Bereich«; siehe auch hamburg.adfc.de/laeuft

Es gab also schon einmal Zeiten, in denen die Elbchaussee eine Flaniermeile war, auf der es von Fußgänger*innen und Radfahrer*innen nur so wimmelte und der Autoverkehr ausgesperrt blieb. Was danach kam, wissen wir alle: die autogerechte Stadt. So verkam auch die wunderschöne Elbchaussee zu einer Durchgangsstraße, auf der sich unter der Woche bis zu 36.000 stinkende Blechkisten pro Tag aneinanderreihen und nachts die Raser aus den Elb­vororten mit 100 km/h und mehr den Anwohner*innen den Schlaf rauben.

Beidseitig ist auf der Fahrbahn mit Plastikpollern eine "Radspur" abgetrennt. Den Bereich zwischen den beiden Pollerreihen durchfährt gerade ein Taxi. Für ein entgegenkommendes Auto wäre kein Platz. adfc hh/Benjamin Harders
Hier wird es interessant: Im Stadtteil Nienstedten ist die Elbchaussee so schmal, dass mit Pömpeln gesicherte Radspuren – ein Experiment des ADFC – dort zumindest beim derzeitigen Straßenquerschnitt nur noch eine Fahrspur für Autos zuließen.

Eng und direkt

Aus der Perspektive der Radfahrenden ist die Elbchaussee kein Spaß. Die enge Straße ist überwiegend einspurig, an schmalen Stellen ist die Fahrbahn kaum sieben Meter breit – bei vier Prozent Lastverkehr und ei­nem Schnellbus, der im 20-Minuten-Takt fährt. Und doch ist sie alternativlos: Unten an der Elbe ist zügiges Voran­kommen schlicht ausgeschlossen, oben über die Veloroute 1 brauchen Alltagsradler*innen fast doppelt so lange, da sie zu kompliziert und zu weit nördlich verläuft. Wer aus der Innenstadt kommend nach Blankenese möchte, will nicht extra nördlich um den Jenischpark geführt werden, sondern auf einem direkten Weg fahren.

Nun müssen die maroden Trink­wasserleitungen zwischen dem Altonaer Rathaus und der Manteuffelstraße in Dockenhuden saniert werden. Für die Planer*innen des LSBG (Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer) eine gute Gelegenheit, die Umgestaltung der Verkehrsflächen in Angriff zu nehmen und gemeinsam mit Hamburg Wasser den Umbau durch­zuführen.

Beteiligungsverfahren

Damit das Ganze auch Akzeptanz in der Bevölkerung erfährt, gibt es den »Elbchaussee-Dialog«, in dem sich Nutzer*innen und Anwohner*innen einbringen und ihre Vorschläge zur Umgestaltung einreichen können. Allerdings geht es mal wieder um die »Eier legende Wollmilchsau«:

  • Die Leistungsfähigkeit der Elb­chaussee für den PKW-Verkehr soll durch die Umgestaltung nicht beeinträchtigt und in Kreuzungs­bereichen, wo es möglich ist, verbessert werden. 
  • Der Radverkehr soll sicherer und komfortabler werden, indem dort, wo es möglich ist, Schutzstreifen oder Radfahrstreifen eingerichtet werden.
  • Der ruhende Verkehr soll besser geordnet und das »wilde Parken« unterbunden werden, damit vor allem Fußgänger*innen mehr Platz haben und die Aufenthaltsqualität steigt.
  • Dabei soll der Charakter der Elbchaussee mit ihrem alten Baum­bestand, den Einfriedungen und teils unbefestigten Flächen möglichst weit­gehend erhalten werden – so die Information auf der Online-Startseite des Beteiligungsverfahrens. 

Mal im Ernst, wie soll das gehen? Die Elbchaussee ist denkbar schmal, so dass zurzeit auf den Fußwegen kaum zwei Personen nebeneinander gehen können. Der Radverkehr fährt nicht umsonst auf der Fahrbahn, da schlicht niemals Platz war für bauliche Radwege.

Gefahr der Flickschusterei

Nun sollen also »wo es möglich ist«, Radfahrstreifen und Schutzstreifen eingerichtet werden. Warum steigen vor unserem geistigen Auge da gerade Flickenteppiche auf? – Weil wir gebrannte Kinder der aktuellen Planungen sind, die wir in der Oster­straße und zuletzt in der Weidenallee gesehen haben. Es wird wieder über­wiegend auf Sch(m)utzstreifen hinaus­laufen, da der Platz in der Elbchaussee so knapp bemessen ist, dass es für angemessene Radfahrstreifen, die ihren Namen ver­dienen, kaum irgend­wo reichen wird, solange man »die Leistungsfähigkeit der Elbchaussee für den PKW-Verkehr durch die Um­gestaltung nicht beeinträchtigen« will.

Es wird daher Zeit, sich einzubringen und echte Alternativen zu entwickeln, die wirklich die »Nutzbarkeit der Elbchaussee für alle verbessern«, wie es auf der Dialog-Seite weiter heißt. Im Dezember 2017 hatte ein Wasser­rohrbruch kurzfristig eine Vollsperrung der Elbchaussee auf Höhe des Ho­tels Louis C. Jacob zur Folge. Die Bezirks­gruppe nutzte diese unverhoffte Atempause des Verkehrs, um einmal mit Pömpeln auszuprobieren, wie angemessene Radverkehrsanlagen auf der bisherigen Fahrbahn aussehen könnten. Die Abbildung unten zeigt, dass in diesem Fall – zumindest auf dem betroffenen Teilstück – der Kfz-Verkehr nur noch einspurig verlaufen könn

Ideensammlung per Rad

Das ist wohl leider keine Option. Daher lud das Zukunftsforum Blankenese am 28. April zu einer Befahrung der Elbchaussee ein, um vor Ort zu untersuchen, wie viel Platz auf den einzelnen Abschnitten wirklich vorhanden ist und wo Gefahren- und Engstellen lauern. Etwa 150 Radfahrer*innen begleiteten die Organisator*innen auf der Fahrt von Altona nach Teufelsbrück. Immer wieder legte die Gruppe Zwischenstopps ein, bei denen Forderungen wie »Tempo 30«, »Fahrradstraße« und »generelles Umdenken« benannt wurden. Ge­schützt von drei Polizeifahrzeugen fühlten sich die Radelnden pudelwohl auf der Fahrbahn, genossen die Sicht auf die angrenzenden Parks und Villen­grundstücke. Bei der Ab­schluss­kundgebung am Teufels­brücker Platz wurde zusätzlich deutlich, dass schon jetzt viele Airbus-Mitarbeiter*innen hier unter der Woche mit dem Rad anreisen und es sicher bei besserer Infrastruktur noch mehr sein würden.

Die Forderungen nach dieser gut besuchten und gelungenen Ver­ans­taltung waren eindeutig:

  • Die »Leistungsfähigkeit« der Elbchaussee darf sich in Zukunft nicht primär auf den Durchfluss des Kfz-Verkehrs beziehen. Eine zukunfts­fähige Planung bezieht Aufenthaltsqualität, Sicherheit der Verkehrsteil­neh­mer*innen und Umweltaspekte mit ein.
  • Wo die Breiten es zulassen, sollen Radfahrstreifen angelegt werden, möglichst mit Pufferstreifen zur Kfz-Fahrspur.
  • Wo die Anlage von Radfahrstreifen nicht möglich ist, soll Tempo 30 und Mischverkehr eingerichtet werden – 
  • dies fördert im Übrigen den Verkehrsfluss in Kombination mit Kreisverkehren an Kreuzungen.
  • An besonderen Engstellen, zum Beispiel am Jenischpark, soll Tempo 20 eingerichtet und der Mischverkehr durch Fahrradpiktogramme verdeut­licht werden; so können auch Fuß­gänger*innen gefahrlos die Straße überqueren.
  • Auch die Flächen für zu Fuß Gehende müssen ausgebaut werden.
adfc hh/Amrey Depenau
Beim Planungsworkshop im Altonaer Rathaus konnte mit Karten und Modellen der Elbchaussee gearbeitet werden.

Auftaktveranstaltung

Eine Woche später luden der LSBG und Hamburg Wasser, die ja gemeinsam Planung und Umsetzung verantworten, zur öffentlichen Auftaktveranstaltung im Kollegiensaal des Altonaer Rathauses. Ab 18 Uhr konnte man an einem Planungstisch die Straßenquerschnitte an verschiedenen Stellen der Elbchaussee ansehen und mit maßstabsgerechten Stra­ßenabschnitten verschiedene Szenarien zusammenpuzzeln. An einem langen Modelltisch waren zu­dem die Lagepläne der Elbchaussee ausgelegt und mit Zitaten aus dem bisherigen Beteiligungsverfahren ver­sehen, dessen Ergebnisse auch auf Stellwänden am Rande des Saals aus­gestellt waren. Die Verantwortlichen von LSBG und Hamburg Wasser sowie zwei Mitarbeiter des Planungsbüros und Projektbetreuerinnen standen für Fragen zur Verfügung und wurden sehr schnell in intensive Gespräche verwickelt. Die Räumlichkeiten füllten sich zusehends, sodass beim offiziellen Vortrag mit Aussprache ab 19 Uhr 30 dann rund 150 Menschen anwesend waren.

Nachdem die Verantwortlichen das Planungsverfahren, die Rahmen­be­din­gungen und die Zeitschiene (Planung bis Ende 2019, Baubeginn 2020, voraussichtliche Dauer der Umgestaltung etwa drei Jahre) vorgestellt hatten, brachte die Aussprache recht bald die verschiedenen Interessen zum Vor­schein:

  • Radfahrer*innen wünschen sich sichere und komfortable Infrastruktur, möglichst klare Abgrenzung hin zum Kfz-Verkehr.
  • Kfz-Nutzende möchten weiterhin freie Fahrt für freie Bürger, Ver­bes­serungen an Stellen, wo es häufig (Rück-)Stau gibt.
  • Anwohner*innen wiederum wol­len mehr Lebens- bzw. Auf­ent­halts­qualität durch weniger Lärm, Abgase und Gefahren, haben aber auch den Wunsch, zügig und barrierefrei mit dem Auto hin und weg zu kommen.

Keine halben Sachen!

Auch hier zeigte sich also schnell, dass vielfältige Anforderungen auf der Nutzerseite einer Straßenfläche gegenüberstehen, die mehr als be­grenzt ist. Für die Planenden und Durchführenden eine heikle Situation. Egal, was sie machen, sie werden eine Nutzergruppe vor den Kopf stoßen. Und so wurde einmal mehr deutlich, dass hier politische Entscheidungen getroffen werden müssen, wenn nicht am Ende unfallträchtige Halbheiten herauskommen sollen.

Wir fragen also die politischen Entscheidungsträger*innen: Wollen Sie weiter steigende Kfz-Zahlen als gegeben hinnehmen und die auto­gerechte Stadt nicht in Frage stellen oder fangen Sie endlich ernsthaft an, für eine zukunftsfähige Stadt zu planen, in der sich die einzelnen Verkehrsarten in einem intelligenten Mix verknüpfen? 

Der Verkehr in zwanzig Jahren wird ein deutlich anderer sein: multimodale Mobilität, Carsharing, selbstfahrende Fahrzeuge ... fangen Sie jetzt an, die Weichen dafür zu stellen!

Amrey Depenau in RadCity 3/2018

Links

Allgemeines und Geschichte: de.wikipedia.org/wiki/Elbchaussee

Beteiligungsverfahren: geoportal-hamburg.de/beteiligung_elbchaussee