ITS Kongress 2021

Von: Florian Dumsky

Digitalisierung, Vernetzung, automatisiertes Fahren – so lauten die neuen Heilsversprechen des Senats, um die Verkehrsprobleme Hamburgs mithilfe »intelligenter Transport­systeme« (ITS) in den Griff zu bekommen. Mitte Oktober 2021 will die Stadt auf einem Weltkongress ihre Projekte vorstellen.

Von der Datenerhebung über Kooperationen hin zu Innovationsförderung Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation - BWVI
Von der Datenerhebung über Kooperationen hin zu Innovationsförderung - Der Kongress soll den Themenkomplex vernetzter, intelligenter und automatisierter Mobilität beleuchten und Innovationen für die zukünftige Entwicklung generieren.

Autonom, vernetzt und digital soll alles werden. Autos und Busse ohne Fahrer unterwegs sein. Die Verkehre auf Straße und Schiene mitein-an­der vernetzt kommunizieren. Und wei­tere digitale Dienste sollen »unsere Mobilität einfacher und komfortabler machen«, so kündigte Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) Ende 2019 an. Die Verlautbarungen könnten wohl­wollen­der nicht klingen. Was und wer aber verbirgt sich dahinter?

Der Kongress

Der ITS-Kongress ist die weltweit größte Veranstal­tung zu intelli­genten Verkehrs- und Trans­portsystemen. Vorwiegend dient dieser zur Vernetzung und zum Austausch über die neuesten Entwicklungen und Ideen in diesem Themenfeld. Er findet jährlich alternierend in unter­schiedlichen Ländern statt. Alle drei Jahre wird der Kongress in Europa ausgetragen. In der Zwischenzeit gastiert er in Amerika und Asien. Veranstal­ter des ITS-Kongresses ist je nach Konti­nent eine spezifische Agentur aus unter­schied­lichen Akteuren. Im Falle der europäischen Veranstaltung handelt es sich um die »European Road Transport Tele­matics Implementation Coordination Organi­sation-Intelligent Transport Sys­tems & Services Europe« (ERTICO-ITS Europe), eine öffentlich-private Organi­sation für die Förderung, Entwick­lung und Bereit­stellung intelligenter Verkehrs­systeme. Gegründet wurde sie 1992 in Brüssel und umfasst heute 120 Institutionen, Verbände und Firmen aus unter­schied­lichen Berei­chen, vor allem aus der Autoindustrie.

Die Akteure

Ähnlich einer Olympia­bewerbung bewerben sich Städte für die Ausrichtung dieses Kongresses. Für seine Bewerbung setzte Hamburg auf eine Ko­operation mit dem Volkswagenkon­zern. Koordiniert wurde sie vom Ham­burg Con­ven­tion Bureau (HCB), einer direkten Tochter der Hamburg Touris­mus GmbH und der Handelskammer Hamburg. Auf dem ITS-Kongress 2019 in Singapur erhielt die Hansestadt den Zuschlag für 2021. Die lokalen Hauptakteure des Kon­gres­ses in Hamburg sind die eigens ge­grün­dete ITS Hamburg 2021 GmbH, die Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation (BWVI) und der ITS-Lenkungs- bzw. Arbeitskreis, der aus Vertretern von städtischen Behörden, Landesbetrieben und Gesellschaften besteht. Koordiniert wird das Ganze durch das Projekt­manage­ment-Office, das bei der Hamburger Hochbahn angesiedelt ist. Das Bundes­minis­terium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) unterstützt die Vor­bereitung und Durchführung des Welt­kongresses in Hamburg 2021 mit 3,5 Millionen Euro.

Die strategischen Partner

Hamburg setzt beim ITS-Kongress vor allem auf Partner aus der Industrie in den Bereichen Automobilität und Vernetzung. Dazu ge­hören Konzerne wie Volks­wagen, Daim­ler und BMW, aber auch die Deutsche Bahn oder HERE Technologies, die Online-Geodaten­dienste an­bie­tet. Diese auf digitale Vernetzung spezia­lisierte Firma gehört Automobil­konzernen wie AUDI oder BMW und Auto-Zulieferer­n wie Con­tinental, Bosch und Intel. Mit diesen »Mobi­litätspartnern« verfolgt der rot-grüne Senat das Ziel, Hamburg als »Modell­stadt für urbane Mobilität der Zukunft« zu entwickeln.

Die Ziele

Die durch ERTICO formulierten und durch die Partner akzeptierten über­geordneten Ziele sind: Leben zu retten, die Umwelt zu schützen und eine mög­lichst kostengünstige Mobilität zu ge­währ­leisten. Hamburgs Ziele wurden im Rah­men der ITS-Strategie des Senats vom April 2016 für den Zeitraum von 2020 bis 2035 konkretisiert, sie basieren auf den Zielen der städtischen Verkehrsent­wick­lungs­planung (VEP, siehe RadCity 5.19). Genauer aufge­schlüsselt, stellen sie sich wie folgt dar:

  • Verkehrssicherheit erhöhen
  • Verkehrsbedingte Umwelteinwirkungen senken
  • Verlässlichkeit und Effizienz erhöhen
  • Gute und sichere Informationserhebung sowie -verteilung unterstützen
  • Innovation fördern

Aus diesen Zielen leitete der Senat die Themenschwer­punkte seiner ITS-Strate­gie ab, und zwar in dieser Reihenfolge

  • Automatisiertes und vernetztes Fahren
  • Mobilitätsdienstleistungen
  • Digitale Hafen- und Logistiklösungen
  • Intelligente Infrastruktur
  • Urbaner Luftverkehr
  • Nachhaltige Mobilität

Angesichts der strategischen »Mobilitäts­partner« und der Verkehrs­politik des SPD geführten Senats überrascht die gewählte Reihen­folge kaum. Ob Hamburg damit tat­sächlich die Wende hin zu zukunfts­fähiger, urbaner Mobilität gelingen wird, ist fraglich. Die Verant­wortlichen müs­sen sich jeden­falls an ihren groß ange­kündig­­ten Ver­lautba­run­gen messen lassen.

Teststrecke durch die Hamburger City für den autonom fahrenden Kleinbus HEAT Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation - BWVI
Aufbau einer rund 9 km langen Teststrecke für automatisiertes und vernetztes Fahren im öffentlichen innerstädtischen Straßenverkehrsraum.

Der Nutzen

Bis Ende September 2019 waren bereits 36 ITS-Projekte mehr oder weniger unbe­merkt von der Öffentlichkeit abgeschlossen worden. Die Gesamt­kosten aller geplanter Projekte belaufen sich auf rund 180 Millionen Euro, die Hälfte davon zahlt Hamburg. Aktuell laufen 70 Projekte, darunter HEAT (Hamburg Electric Auto­nomous Trans­portation), also der autonom fahrende Klein­bus in der Hafen­city, oder die 9 Kilometer lange und 9,7 Millionen Euro teure Test­strecke für auto­matisiertes und vernetztes Fahren in der Hamburger Innenstadt. Dem einen oder der anderen dürfte das Sharing­angebot SWITCHH be­kannt sein. Die On-demand-Shuttle-Dienste Moia (eine VW-Tochter) und das Bahn-Unter­nehmen IOKI (Input Output Künstliche Intelligenz), auch »Ride-Sharing«-Projekte genannt, haben sich eben­falls bereits auf Hamburgs Stra­ßen breit gemacht. Stets aber werde, ver­sichert der Senat, nach der Devise ent­schie­den: »Was haben die Bür­gerinnen und Bürger davon?«. Über die ITS-Projekte, die so unter­schied­liche persönliche Sphären der Menschen durchdringen, kann an dieser Stelle und vor allem zu diesem Zeitpunkt natürlich noch kein abschlie­ßen­des Urteil gefällt werden. Es stellt sich aber schon jetzt die Frage, ob durch den Fokus auf technische, autofixierte Lösungen allein eine grund­legende Wende hin zu nach­haltiger, urbaner Mobi­lität gelingen kann. Kritiker der ITS-Strategie des Senats wen­den daher auch ein, dass diese von den Interessen der Automobil-, Luftfahrt- und Hafenwirtschaft dominiert sei, der Fuß- und Radverkehr nur eine äußerst unter­geordnete Rolle spiele. Vernachlässigt werde dabei die Tatsache, dass es sich gerade beim Fahrrad auch um eine tech­nische Lösung handele – und zwar um eine sehr menschen­freundliche, günstige und elegante, aber für die Industrie nur we­nig profitable Lösung. Fest steht: Die Entwick­lungen bis zum ITS-Kongress im Oktober 2021 und die Pro­jekte müssen – nicht zuletzt hinsicht­lich ihrer Bedeutung für den bislang kaum berück­sichtigten Radverkehr – viel breiter öffentlich diskutiert wer­den. Immerhin geht es um die Frage, wie wir uns zukünftig in der Stadt bewegen wollen. Und das mög­lichst klimafreundlich.

Erschienen in RadCity 1/2020

Mitmachen!

Mischt euch ein! Der ADFC Hamburg hat eine Projekt­gruppe zur ITS-Strategie gegründet. Hast du Lust, dich zu beteiligen? Das nächste Treffen findet am Mittwoch, 19. Februar 2020, 19 Uhr, in der ADFC-Geschäftsstelle, Koppel 34-36, 20099 Hamburg, statt. Kommt vorbei! Infos: dirk.lau@hamburg.adfc.de