11.01.2018

Ohren zu und durch? – Weniger Lärm durch Tempo 30

Von: Ak Verkehr

Lärm schadet der Gesundheit. Die Stadt hat bislang zu wenig unternommen, um ihre Bewohner*innen vor den Folgen zu hoher Geräuschpegel zu schützen. Der ADFC fordert deshalb, mehr Gebiete mit Tempo 30 einzurichten – eine Maßnahme, die von der zuständigen Behörde schon vor zehn Jahren als ziemlich wirksam angesehen wurde ...

Ende November 2017 hat die Hamburger Behörde für Umwelt und Energie aktualisierte Lärmkarten für Hamburg veröffentlicht, die als Grundlage für den bis zum 31.07.2018 neu zu erstellenden Hamburger Lärmaktionsplan der dritten Stufe dienen. Hamburgweit sind demnach tagsüber 361.700 und nachts 214.400 Menschen von Straßenverkehrslärm betroffen, der stark belästigt und krank macht. Darüber hinaus sind 37 Krankenhaus- und 291 Schulgebäude (in Hamburg gibt es derzeit knapp über 400 öffentliche Schulen) von Lärmimmissionen betroffen, die erholsame Genesung bzw. konzentriertes Lernen kaum zulassen.

Lärmhauptstadt

Hamburg ist damit hinter Berlin die Stadt mit den meisten Lärmbetroffenen in Deutschland. Auch haben sich seit dem ersten Hamburger Lärmaktionsplan aus dem Jahr 2008 kaum Verbesserungen ergeben. Damals wie heute sind etwa 20 Prozent aller Hamburgerinnen und Hamburger Straßenverkehrslärm ausgesetzt, der in Neubaugebieten unzulässig wäre. Dem Umweltbundesamt zufolge bringt dies Beeinträchtigungen des psychischen und sozialen Wohlbefindens mit sich und kann zu Krankheiten wie Bluthochdruck und Herzinfarkten führen.

 

 

Dezibel tagsüber

Dezibel nachts

Stadt Hamburg 

65

55

WHO

55

40

Umweltbundesamt 

50

40

 

Tabelle 1: Lärmwerte, ab denen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz ergriffen werden sollen

Dies ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass die Stadt Hamburg von sich aus im Rahmen der Lärmaktionsplanung überhaupt erst tätig wird, wenn äußerst hohe Lärmwerte nachgewiesen werden. Diese (Eingriffs-)Werte liegen 10 bis 15 Dezibel über denen, die seitens des Umweltbundesamtes sowie der Weltgesundheitsorganisation WHO zum Schutz der menschlichen Gesundheit empfohlen werden. Da sich Lärm in der Wahrnehmung der Betroffenen in etwa alle 10 Dezibel verdoppelt, bedeutet dies, dass die Hamburger Behörden von sich aus erst einschreiten, wenn der Straßenverkehrslärm mehr als doppelt so hoch ist, wie von Experten für den Gesundheitsschutz empfohlen.

»Langfristig maximal für Hamburg denkbare Pegelminderungen« (Abb. 11 aus »Strategischer Lärmaktionsplan Hamburg« von 2008) Die Grafik zeigt, was die Autoren minimal und maximal an Reduzierung des dB(A)-Wertes für ausgewählte Maßnahmen erwarteten.

Zäher Prozess

Lkw in der engen Heimfelder Straße adfc hh/Marcus Pietsch
2016 hat das Verwaltungsgericht Hamburg ein nächtliches Tempo 30 für die Heimfelder Straße empfohlen. Bezirksversammlung und Bezirksamt Harburg sprechen sich sogar für Tempo 30 gänztägig aus. Die Polizei lehnt das ab und muss nun erneut vor das Gericht.

Aber selbst wenn die Stadt Hamburg beabsichtigt einzuschreiten, mahlen die Mühlen der Behörden äußerst langsam. So wurde bereits im ersten Lärmaktionsplan aus dem Jahr 2008 festgestellt, dass ein wichtiger Ansatz für die kurzfristige Lärmminderung die Reduzierung der Geschwindigkeit sei (siehe Abbildung oben). Denn Tempo 30 führe zu einer „Verringerung der Belastung um 3-4“ Dezibel, was wiederum in etwa der Halbierung der Verkehrsmenge entspräche. Erst im zweiten Lärmaktionsplan in 2013 wurde dann beschlossen, ein nächtliches Tempo 30 an einigen ausgewählten Strecken einzuführen. Umgesetzt wurden davon bis heute weniger als 10 Strecken mit wenigen hundert Metern. Von der Feststellung, dass Tempo 30 eine gute und äußerst wirksame Maßnahme zum Lärmschutz ist, bis zur ersten Umsetzung sind somit rund zehn Jahre vergangen!

Ein solcher Zeitraum ist selbstverständlich viel zu lang. Entsprechend fordert der ADFC Hamburg die Stadt Hamburg auf, mit dem kommenden Lärmaktionsplan an allen Straßenzügen, an denen die selbst gesetzten hohen (Eingriffs-)Werte von 65 Dezibel am Tage bzw. 55 Dezibel in der Nacht überschritten werden, umgehend Tempo 30 einzuführen. Ein "weiter so" können wir nicht länger hinnehmen, denn Hamburgs Bürgerinnen und Bürger haben einen Anspruch auf den Schutz ihrer Gesundheit. Mit zu berücksichtigen wäre auch, dass entsprechend der StVO Änderung aus dem Jahr 2016 vor allen sozialen  Einrichtungen ebenfalls Tempo 30 einzurichten ist. Diese bisher kaum umgesetzte gesetzliche Vorgabe wird auf vielen Straßenabschnitten automatisch für Tempo 30 sorgen. Es sollten nun möglichst großflächige und zusammenhängende Gebiete mit Tempo 30 erstellt werden, um die Kfz-Führenden nicht zu verwirren und für alle auch eine Steigerung der Verkehrssicherheit zu erreichen.

Alternativen?

Noch effizienter als die Temporeduzierung ist laut Lärmaktionsplan 2008 nur ein Austausch des Straßenbelages. Sollte man dann nicht einfach überall Flüsterasphalt aufbringen? Schon, nur wirkt sich dieser erst richtig gut bei Geschwindigkeiten über 50km/h aus und ist sowohl in der Installation als auch in der Wartung teuer: Die feinen Poren des Asphalts müssen regelmäßig gereinigt werden, da sie sonst ihre Wirkung verlieren. Das Umweltbundesamt  stellt außerdem in einer Publikation vom Februar 2014 dar, dass der Einsatz innerorts noch nicht ausreichend erprobt ist und es dazu auch noch keine Vorschriften für die Lärmberechnung gibt.

Druck aufbauen

Bürgerinnen und Bürger können der Forderung nach großflächigen Tempo-30-Zonen  im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung, die laut Behörde für Umwelt und Energie im ersten Quartal 2018 beginnen soll, Nachdruck verleihen. Im ersten Schritt sollten sie sich persönlich an ihre Parteien auf Senats- und Bezirksebene wenden und eine konsequente Umsetzung von Maßnahmen zum Schutz vor Lärm einfordern. Dabei ist eine Bürgerbeteiligung wichtig, die Vorschläge zum Lärmschutz aufgreift und umsetzt. Ob man selbst direkt betroffen ist, kann man über die Online Antragshilfe  des ADFC Hamburg ermitteln und dann gleich auch ein vorbereitetes Antragsformular herunterladen.

Folgende Maßnahmen fordert der ADFC Hamburg für Stufe 3 des Lärmaktionsplans:

  • Eine ergebnisoffene Bürgerbeteiligung, mit der Möglichkeit für Bürgerinnen und Bürger, Orte und Maßnahmen zur Lärmreduzierung vorzuschlagen.
  • Tempo 30 tagsüber und nachts auf allen Straßenabschnitten mit erhöhtem Lärmpegel.
    Dabei sind auch andere auf Tempo 30 zu reduzierende Abschnitte zu berücksichtigen, um so ein möglichst großflächiges Gebiet mit Tempo 30 zu erzeugen.
  • Keinen Kfz-Durchgangsverkehr in Wohngebieten! Für den Durchgangsverkehr gibt es in Hamburg das Vorbehaltsnetz „Senatsstraßen“, vielerorts ist der Schleichverkehr durch Wohngebiete aber üblich, um überlastete Hauptstraßen zu umgehen. Dies führt dazu, dass der Verkehrslärm in großem Umfang in die Wohngebiete getragen wird.
  • Die vorrangige Förderung des Radverkehrs und Umweltverbunds insgesamt. Das Ziel des Senats von 25 % Radverkehrsanteil für Hamburg darf nicht aus den Augen verloren werden. Die Steigerung des Radverkehrsanteils und des Umweltverbundes insgesamt bedeutet im Idealfall auch eine Reduzierung des lärmenden motorisierten Individualverkehrs von 42% 2008 auf rund 23 % 2025 am Modal Split insgesamt und ist damit eine sehr wichtige Säule zur Senkung des Verkehrslärms in Hamburg.