29.07.2013

Die »Autobahn« fürs Fahrrad

Von: Susanne Elfferding

Radschnellwege sind in, als Fietssnelweg in den Niederlanden, als Supercykelsti in Kopenhagen und Cycle Superhighway in London. Das 2012 ausgearbeitete Radverkehrskonzept für den Modellstadtteil Wilhelmsburg schlägt Fahrradstraßen als ideale Radschnellwege im Siedlungsbestand vor. Doch was verbirgt sich hinter dieser Idee?

Dänischer Radschnellweg
Dänischer Radschnellweg
Der Radschnellweg CS8 in London von Wandsworth nach Westminster
Der Radschnellweg CS8 in London von Wandsworth nach Westminster
Seit 2012 werden Radverbindungen in Kopenhagen zu Radschnellwegen ausgebaut.
Seit 2012 werden Radverbindungen in Kopenhagen zu Radschnellwegen ausgebaut.
In den Niederlanden wird eine gleichmäßige Geschwindigkeit erreicht, indem Unterführungen für den Radverkehr gebaut werden.
In den Niederlanden wird eine gleichmäßige Geschwindigkeit erreicht, indem Unterführungen für den Radverkehr gebaut werden.

Radschnellwege sind optimal ausgebaute Velorouten für den schnellen Radverkehr, zum Beispiel für Pendler oder Pedelecs. Über Strecken von rund 15 km sind ganzjährig Geschwindigkeiten um 30 km/h und gegenseitiges Überholen möglich. Deswegen müssen sie mindestens vier Meter breit und möglichst gerade geführt sein, mit einem glatten und komfortablen Belag ausgestattet, geräumt, beleuchtet und an Knotenpunkten bevorrechtigt. Natürlich auch und gerade vor dem Autoverkehr.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat im vergangenen Jahr als erstes Bundesland bauliche Mindestvorgaben für alle Formen der Radverkehrsführung auf der Fahrbahn, im Seitenraum und abseits von Straßen festgelegt.

Hier soll der Radschnellweg Ruhr die Städte am Ruhrschnellweg ab 2020 auf einer Länge von 35 km verbinden. Das bestehende Radverkehrsnetz soll so angebunden werden, dass der Verkehr auf dem Radschnellweg nicht behindert wird – wie auf einer Autobahn. An Knotenpunkten mit anderen Verkehrswegen soll er entweder Vorrang haben oder der Verkehr durch fahrradfreundliche Überführungen entflechtet werden. Die Baukosten werden auf 100 Millionen Euro geschätzt, wovon 80 % das Land und 20 % der Regionalverband Ruhr tragen. Betrieb und Unterhalt werden voraussichtlich Aufgaben der Kommunen am Radschnellweg.

Auch in Niedersachsen tut sich was: Für die Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg zeigt eine Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2011 die Potenziale von Radschnellwegen und Möglichkeiten für die Umsetzung. Für sechs Strecken - jede von ihnen mehr als 10 km lang - wurde exemplarisch untersucht, ob und wie die bereits bestehenden Wege zu Radschnellwegen ausgebaut werden können. Ein Problem dabei ist die Finanzierung, da es bisher keine Fördertöpfe für überregionale Radverkehrsverbindungen gibt.

Nix als neumodischer Kram?

Mitnichten. Der erste Radschnellweg wurde im Jahr 1900 in Kalifornien als kreuzungsfrei aufgeständerte Holztrasse zwischen Pasadena und Los Angeles eröffnet. Die 10 km lange Strecke wurde jedoch nie fertiggestellt und die Idee geriet in Vergessenheit. Denn der neue Hoffnungsträger der USA war die Eisenbahn. Die dann wiederum vom Auto abgelöst wurde.

Fast ein Jahrhundert später wurde den Radschnellwegen in den stau- und autogeplagten Niederlanden neues Leben eingehaucht. Das Ziel der ersten Erprobung in den 1980er-Jahren zwischen Tilburg und Den Haag war die Stauvermeidung auf Autobahnen. Und das Ergebnis hat überzeugt: Heute hat der Radverkehr im Bereich von 7,5 bis 15 km Pendelentfernung bei unseren Nachbarn bereits einen Anteil von rund 15 % an der Verkehrsmittelwahl und die Radschnellweg-Netze sind genau wie der Autobahnbau eine nationale Aufgabe: zur Stauvermeidung und besseren Erreichbarkeit, für mehr Lebensqualität und Verkehrssicherheit.

Ein echtes Schnäppchen!

Die Baukosten variieren natürlich. Wenn viele Brücken und Unterführungen gebaut werden müssen, wird es teurer. Trotzdem geht man in den Niederlanden von 0,5 bis 2 Millionen Euro Baukosten pro Streckenkilometer Radschnellweg aus. Zum Vergleich: für einen Autobahnkilometer sollen in Deutschland durchschnittlich 11 Millionen Euro für die reinen Baukosten und rund 26 Millionen Euro insgesamt fällig sein. Da liegt es auf der Hand, warum die Niederlande Radschnellwege als Schnäppchen im Kampf gegen den Verkehrsinfarkt ansehen und mitfinanzieren.

Für die 9,4 km Hafenquerspange in Hamburg waren 715 Millionen Euro im Gespräch. Für dasselbe Geld könnte man ein stadtweites Radschnellwegnetz nach niederländischem Muster mit gut 400 km Länge bauen. Die seit den 1990er-Jahren geplanten (und immer noch nicht fertig umgesetzten) Velorouten in Hamburg haben übrigens eine Gesamtlänge von 280 km.

In der Metropolregion Kopenhagen werden derzeit die Cykelsuperstier gebaut, Radschnellwege mit einheitlichem Logo und Corporate Design auf Karten und Schildern, das die Radschnellwege auf die gleiche Stufe wie Autobahnen und Schnellbahnen stellt. Auch hier wird ein großflächiges Netz geplant, in das die Umlandgemeinden eingebunden sind, um die Pendler gleich an ihren Wohnorten abzuholen. Die erste Route wurde 2012 eröffnet, insgesamt sind 26 Routen mit einer Gesamtlänge von 300 km geplant. Da vor allem bestehende Verbindungen ausgebaut werden sollen, rechnet man mit Kosten von unter 120 Millionen Euro.

Radverkehr hilft allen!

Und das darf man den Menschen gern auf die Nase binden. Sowohl in den Niederlanden als auch in Dänemark legt man Wert auf das Marketing. Neue Radschnellwege werden feierlich eröffnet, die Vorteile des Radverkehrs werden kommuniziert und die Wege werden so angelegt, dass sich das Rad leicht mit Bus und Bahn kombinieren lässt. Die Niederlande und Dänemark machen vor, dass Radschnellwege ein sinnvoller Weg aus dem chronischen Dauerstau sind und dass sie gleichzeitig in den Hauptverkehrszeiten die überfüllten Busse und Bahnen entlasten.

Ein Blick nach London zeigt außerdem, wie wichtig eine engagierte Stadtregierung ist. Die dortigen Cycle Superhighways erfüllen zwar nicht immer die baulichen Standards für Radwege in Deutschland, aber wer einmal gesehen hat, wie Londons Bürgermeister Boris Johnson ganz offensichtlich frisch vom Rad gestiegen allgemeine politische Themen im Fernsehen kommentiert, weiß, wieso die Umsetzung der Radverkehrsstrategie für Hamburg so lange auf sich warten lässt.

Susanne Elfferding in RadCity 4/2013
Fotos: Jörg Thiemann-Linden, Ulf Dietze, Copenhagen Cycle Super Highways

weiterführende Links

Schlussbericht Radverkehrskonzept Hamburg-Wilhelmsburg:

www.hamburgmittedokumente.de/Verkehrsausschuss/2012-02%20-%20Radverkehrskonzept%20Wilhelmsburg/Abschlussbericht%20Radverkehrskonzept%20Wilhelmsburg.pdf

ADFC zu Radschnellwegen mit Links u.a. zur Difu-Studie über Radschnellwege in den Niederlanden, zur Machbarkeitsstudie der Metropolregion Hannover und zum Radschnellweg Ruhr:

www.adfc.de/verkehr--recht/radverkehr-gestalten/radverkehrsfuehrung/radschnellwege

NRW: Anforderungen an Radschnellwege und Kriterienkatalog:

www.mbwsv.nrw.de/presse/pressemitteilungen/Archiv_2012/2012_09_24_Radschnellwege/Kriterien_Radschnellwege_Rei.pdf