03.02.2019

Fahrradstraße Leinpfad – eine Erfolgsstory

Von: Andrea Kupke
adfc hh/Andrea Kupke
Fahrradstraße mit »Anlieger frei«– das gibt nicht die Straße für den allgemeinen Kfz-Verkehr zur Durchfahrt frei

Seit 2017 ist der Leinpfad in Winterhude eine Fahrradstraße, also eine Straße, in der Radfahrer*innen Vorrang haben und Autofahrer*innen nur als Gäste zugelassen sind.

Vor dem Umbau gab es einige öffentliche Veranstaltungen, viele erregte Gemüter und auch Presseberichte, die wegen der Pläne, den Leinpfad zur Fahrradstraße zu machen, den Untergang des Abendlandes oder zumindest das Ende der Autostadt Hamburg voraussagten. Jede Menge Kfz-Parkplätze nämlich sollten den Plänen, so die Kritiker, »zum Opfer fallen«. Die Hamburger CDU, deren Zentrale im Leinpfad liegt, befürchtete gar, dass die Hamburger*innen nicht mehr an ihre Alster fahren könnten.  Nach knapp zwei Jahren muss nun auch sie eingestehen:  Nichts von dem ist eingetroffen. Im Gegenteil: Der Umbau des Leinpfads zur Fahrradstraße ist ein voller Erfolg! Das belegen nicht nur die steigenden Radfahrer*innenzahlen, auch dazu befragte Menschen gaben an, dort meist entspannt und fast autofrei zu radeln, selbst die Anlieger freuen sich über die neuen Verkehrsverhältnisse vor ihrer Haustür. Einen Gewinn für Fußgänger*innen stellen die befestigten Gehwege dar, seit der Umgestaltung gehören störende Radfahrer*innen auf den Nebenflächen der Vergangenheit an.

Warum Fahrradstraße?

neun RadfahrerInnen auf einem kurzen Abschnitt der Straße adfc hh/Andrea Kupke
Der Leinpfad ist ein wichtiger Abschnitt der Veloroute 4 und wird von Radfahrer*innen gut angenommen.

Mit dem Umbau des Leinpfades zu einer Fahrradstraße wurde 2017 nicht nur der bereits sehr großen Zahl von Radfahrer*innen auf dieser »Alsterachse« Rechnung getragen. Hier wurde auch eine attraktive Strecke als Teil der Veloroute 4 hergerichtet, die auf die politisch beabsichtigte Erhöhung des Radverkehrsanteils mit dem Ziel einer Verdopplung bis Mitte der 2020er-Jahre ausgerichtet ist. Die Veloroute 4 ist eine wichtige Verbindung aus den nördlichen Stadtteilen Hamburgs in die Innenstadt und wird von vielen Pendler*innen genutzt, die nun dort noch entspannter nebeneinander fahren und dabei nur von wenigen Autofahrer*innen gestört werden.

Dass der Leinpfad mit dem Auto nur für Anlieger frei gegeben ist, erhöht die Attraktivität der Straße für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen beträchtlich. Der Fahrradclub begrüßt daher ausdrücklich die Sperrung von Fahrradstraßen für den Kfz-Durchgangsverkehr. Eine Freigabe für jeglichen motorisierten Verkehr konterkariert dagegen die erwünschten positiven Effekte von Fahrradstraßen.

Überangebot an Kfz-Parkplätzen

adfc hh/Andrea Kupke
freie Parkplätze im Leinpfad

Um mehr Parkplätze zu erhalten, wurden im nördlichsten Abschnitt des Leinpfads – zwischen Klärchenstraße und Hudtwalckerstraße – Parkstände in die Fahrbahn hinein gebaut, die diese auf 4,50 Meter Breite einengen. In diesem Bereich ist dadurch für Radfahrer*innen ein Nebeneinanderfahren und auch Überholen bei Gegenverkehr nur in den Lücken zwischen den Parkständen möglich.

Für einzelne Radfahrer*innen wäre zwar häufig noch Platz zum Vorbeifahren, dort warten aber oft schon Autofahrer*innen, hinter denen Radfahrer*innen dann ebenfalls warten müssen. Das führt bei dem im Leinpfad vorhandenen Verkehrsaufkommen zu gegenseitigen Behinderungen und macht die Fahrradstraße in diesem nördlichen Bereich deutlich unattraktiver. Das ist nicht  notwendig, dort wird ein unnötig hohes Angebot an Kfz-Parkplätzen aufrechterhalten. Eine aktuelle Evaluation der Parkplatzauslastung hat ergeben, dass auch nach dem Wegfall eines Teils der Parkplätze noch immer bei allen Stichproben reichlich Parkplätze leer standen.  

Unklare Vorfahrtsregelungen

adfc hh/Andrea Kupke
Dass die Fahrradstraße hier Vorfahrt hat, ist nicht jedem klar.

Unsicherheiten gibt es bei einigen Verkehrsteilnehmer*innen über die Vorfahrtsituation an der Goernestraße und der Klärchenstraße. Die Einmündungen aus diesen Querstraßen sind aufgepflastert und die Bordsteine gerade entlang des Leinpfad verlegt worden, die Fahrradstraße hat damit eindeutig Vorfahrt. Allerdings ist das nicht allen bewusst. Laut Polizei wurden dort zwar keine Unfälle gemeldet. Das mag allerdings daran liegen, dass dort alle mit höchster Achtsamkeit fahren und auf der Fahrradstraße die Vorfahrt nicht für sich nutzen können. Die Annahme, dort gelte weiterhin Rechts-vor-Links, führt aber immer wieder zu Beinahe-Unfällen. Vorfahrtsregelungen sollten daher auch an Fahrradstraßen eindeutig erkennbar sein! Eine eigentlich entbehrliche Doppelbeschilderung ist daher der jetzigen, von vielen als unklar empfundenen Situation vorzuziehen. An der Maria-Louisen-Straße wiederum ist die Fahrradstraße unterbrochen. Die Inseln als Querungshilfen in der Maria-Louisen-Straße machen das Queren der Richtungsfahrbahnen für Radfahrer*innen meist unproblematisch. 

Fazit

Seit knapp zwei Jahren existiert nun die Fahrradstraße Leinpfad. Sie ist eine der wenigen echten Erfolgsgeschichten der »Fahrradstadt Hamburg«. Anfängliche Widerstände und Unkenrufe sind verstummt. Die Situation hat sich für alle Verkehrsteilnehmer*innen deutlich verbessert. Eine »Fahrradstadt Hamburg« braucht mehr solcher Erfolge wie im Leinpfad. Die Zutaten sind ganz einfach: Fahrradstraßen dürfen maximal für den motorisierten Anliegerverkehr frei gegeben werden, eine Durchfahrtbreite von mindestens 5,50 m sowie geeignete Querungshilfen über Hauptverkehrsstraßen sollten gewährleistet sein.

Das Bezirksamt Hamburg-Nord ließ den Umbau des Leinpfades evaluieren.

Evaluationsbericht


Update

[Update, 15.02.2019] Bereits aus der Stellungnahme der ADFC-Bezirksgruppe Nord (s. u.) geht hervor, dass im Knoten Klärchenstraße/Goernestraße/Leinpfad kritische Situationen und auch ein Unfall beobachtet wurden. Inzwischen liegt dem ADFC als Reaktion auf diesen Bericht auch der Nachweis über einen polizeilich gemeldeten Unfall zwischen Rad und Auto im Juni 2018 vor, Ursache war genau die missverständliche Vorfahrtsregelung. Der Fahrer des Pkw, der einem Radfahrer die Vorfahrt nahm, musste erst von der Polizei vor Ort darüber aufgeklärt werden, dass nicht Rechts-vor-Links gilt.

Bewertung der Fahrradstraße Leinpfad durch den ADFC, August 2018