Velorouten - Beherzte Planung scheitert an Details

Von: Amrey Depenau
LKW fährt knapp neben einem schmalen Radfahrstreifen über eine Kreuzung ADFC Hamburg | Georg Sommer
An der Billwerder Brückenstraße zwängt sich ein Radfahrstreifen in Mindestmaß knapp neben starkem LKW-Verkehr über die Kreuzung. So geht weder Fahrradstadt noch »Sprung über die Elbe« an einer der wichtigsten Querungen.

Eigentlich ist es doch ganz ein­fach: Eine Veloroute braucht durchgängige, sichere, komfor­table und zügig zu befahrende Radverkehrsanlagen. Soweit so gut. In der Praxis sitzt der Teufel jedoch im Detail: Der Straßenquerschnitt zu eng, der schützenswerte Baum zu dick, der Parkdruck zu hoch … und der Autoverkehr muss sowieso fließen. Dies sind vielfältige Problemlagen, die dazu führen, dass so manche aktuelle Planung und Umsetzung von Veloroutenabschnitten in Hamburg schon im Vorwege so halbherzig erscheint, dass sie den Namen Veloroute kaum verdient. 

V10 – Niedergeorgswerder Deich ohne Radfahrstreifen Zwei aktuelle Beispiele zeigen dies. Zum einen die Planung der Veloroute 10 (V10) im Abschnitt Niedergeorgswerder Deich bis Kirchdorfer Straße. Hier findet sich wirklich alles, was einer Veloroute nicht würdig ist: Hochbordradwege, längere Abschnitte, in denen der Radverkehr »Gehweg, Radverkehr frei« angeboten bekommt, dazu Schutzstreifen mit Mindestmaß von 1,25 Meter. Die Planung zementiert eigentlich nur den aktuellen Zustand. Bisher gibt es einen Hochbordradweg Richtung Süden, Richtung Norden wird auf der Fahrbahn gefahren. Allerdings tun das nicht viele, sondern nutzen den Radweg auch in Gegenrichtung. Der geplante Schutzstreifen, dessen Breite zwischen 1,25 und 1,50 Meter schwankt, ist nicht dazu angetan, daran etwas zu ändern.

Blick in eine Straße mit angrenzendem Hochbordradweg und danebenliegendem Gehweg auf dem ein Auto parkt ADFC Hamburg | Ulf Dietze
Auf der Südseite der Berner Allee (rechts im Bild) sollen Radfahrende auch zukünftig versteckt hinter Bäumen fahren. In diesem Abschnitt gibt es sieben Einfahrten. Der Gehweg ist aus Grand, Fußgänger gehen bei Nässe deshalb auf dem Radweg. Auf der Nordseite liegt der Sportplatz. Am Wochenende ist der Gehweg auf ganzer Länge zugeparkt. Ein- und Ausparken und Fußverkehr erfolgen dann auf dem Radweg, der unbenutzbar wird. In seiner Stellungnahme zum geplanten Umbau schlug der ADFC vor, dass der Bezirk eine weitere Planung vorlegt und die Variante Radfahrstreifen unvoreingenommen prüft.

 »Gehweg, Radverkehr frei« Be­son­ders schwierig wird es im Abschnitt zwischen Hövelbrook und Kirchdorfer Straße. Hier soll wohl der intuitiven Routenführung entsprochen wer­den und die Route weiter auf dem Niedergeorgswerder Deich verlaufen. Dies ist ab dort Richtung Süden durch »Gehweg, Radverkehr frei« realisiert. Die alte Alltagsroute 10 bog hier über den Hövelbrook ab und machte einen Schlenker Richtung S-Bahn Wilhelmsburg, vorbei an der Elbinselschule und dann weiter Richtung Süden. So wurden sowohl das letzte, unangenehme Stück vom Niedergeorgswerder Deich als auch die Kirchdorfer Straße umfahren. Auf dieser lässt sich offensichtlich ebenfalls keine angemessene Rad­infrastruktur herstellen. Die Planungen sehen teilweise wieder »Gehweg, Radverkehr frei« und Schutzstreifen mit Mindestbreite vor.

Zwischenfazit Wer Murks sät, wird Murks ernten: Menschen, die auf Gehwegen in falscher Richtung radeln, Infrastruktur, die nicht angenommen wird. Auf dem Niedergeorgswerder Deich böte sich Tempo 30 (T 30) und Mischverkehr an, da jetzt schon kurze T-30-Abschnitte existieren und insgesamt recht langsam dort gefahren wird. Eine radikale Änderung der vorliegenden Planung ist allerdings nicht in Sicht.

Schmaler Hochbordradweg markiert mit Verkehrszeichen 237 (Benutzungspflichtiger Radweg) ADFC Hamburg | Frauke Häger
Vor der Einmündung zum Saseler Damm (Ring 3) gilt derzeit noch ein Benutzungszwang für den Radweg. Zukünftig ist das Fahren auf der Fahrbahn auch über die Kreuzung in Richtung Heegbarg Süd (AEZ, Bf-/ZOB Poppenbüttel) erlaubt.

V6 – im Osten nix Neues Das zwei­te aktuelle Beispiel ist die Berner Allee im Bezirk Wandsbek. Sie soll weiterhin Hochbordradwege bekommen, die – juchhu! – nicht benutzungspflichtig sind. Der ADFC und die Abteilung Radverkehr der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation (BWVI) haben in ihren Stellungnahmen Radfahrstreifen ein­gefordert, allein, eine Baumallee ist zu erhalten und verhindert jeg-liche Veränderung in der Aufteilung des Straßenraumes. Bezahlt wird die Baumaßnahme aber teilweise aus Mitteln für das Bündnis für den Radverkehr, obwohl dieser so gut wie nicht profitiert. Weitere Anregungen, die Radinfrastruktur zu verbessern, werden aus Denkmalschutzgründen abgewiesen. Kann man ja alles so machen – sollte es dann aber nicht »Veloroute« nennen.

V5 – Im Nordosten doch was Neues Dass Wandsbek aber auch ganz anders kann, zeigt das Beispiel vom Heegbarg in Poppenbüttel. In diesem Abschnitt der Veloroute 5 gibt es alte, mangelhafte Radwege und ursprünglich war eine Variante mit Radfahrstreifen favorisiert wor­den, die dann aber von der Stra­ßenverkehrsbehörde (der Polizei) abgelehnt wurde. Zwei Busse hätten in dieser Variante nicht aneinander vorbeifahren können, da Radfahrstreifen nicht überfahren werden dürfen und die Fahrbahnbreite nur gut sechs Meter betragen hätte. Die Lösung waren Schutzstreifen. Wer die Texte der Autorin kennt, weiß, dass sie eben jene für Teufelswerk hält und nicht müde wird, ihre Gefährlichkeit zu betonen. Doch in diesem Fall kamen zwei positive Aspekte zusammen: Die Schutzstreifen sind 1,75 Meter breit und die Fahrbahn hat keine Mittelmarkierung. Die Kombination aus beidem fördert angemessene Überholvorgänge und Radfahrende haben auf breiten Schutzstreifen natürlich eine breite Brust. Mehr davon!

Schmale wohnstraße mit parkenden Autos, abgestellter Mülltonne, Hinweisschild auf T 30 wegen Schule und LKW ADFC Hamburg | Amrey Depenau
Wohnbebauung und begrenzter Straßenraum, Parkplätze, nennenswerter LKW-Anteil: Am Niedergeorgswerder Deich muss die Verkehrspolitik Prioritäten (durch-)setzen. Dann können die Planer*innen auch wirklich brauchbare Verkehrswege schaffen.

V 1 – Der Kampf ums enge Otten­­sen Mehr davon? Gibt es dank des Engagements von Bür­ger*innen und der Bemühungen des ADFC in Altona nun doch in den Einbahnstraßenzügen zwischen Lobuschstraße und Bleickenallee. Hamburgs älteste Radfahrstreifen (gefühlt zumindest) bedürfen zwei­fels­ohne einer Renovierung. Dabei wollte der Bezirk sie zunächst über­wiegend durch Schutzstreifen ersetzen und verwies auf den not­wendigen Erhalt von Parkplätzen. Nachdem der Verkehrsausschuss »Mehr Raum für Radfahrende an Engpässen« be­schlossen hatte, wurden die ersten Planungen über­arbeitet. Statt zunächst 750 Meter Radstreifen und etwa 1050 Meter Schutzstreifen werden nun un­gefähr 1500 Meter Radstreifen umgesetzt. Nur auf etwa 300 Meter sind weiterhin Schutzstreifen geplant.

An einer anderen Stelle der V 1 wundert man sich übrigens über den merkwürdigen Verlauf: In Othmarschen wird die Route ohne ersichtlichen Grund durch die Jungmannstraße geführt, statt über Klein-Flottbeker-Weg und Hochrad, die traditionell von sehr vielen Rad­fahrenden genutzt werden und schon jetzt gut zu fahren sind. Ohne ersichtlichen Grund? Aus verlässlicher Quelle wissen wir, dass es sehr wohl einen Grund gibt. Die Jungmannstraße soll aus Radverkehrsmitteln saniert werden. Ein Narr, der Böses dabei denkt ...

Blick auf benutzungspfichtigen Radweg mit Radfahrenden und mehreren Ampeln ADFC Hamburg
Eines der größten Ärgernisse am Doppelknoten: Hamburgs meistgehasste Ampel hält bei Rot Radfaheende meist unnötig auf und gibt Grün, wenn der Kfz-Verkehr einbiegt.

Warum so dicke Bretter? Einmal mehr bemühen wir die Metapher der dicken Bretter, die gebohrt werden müssen. Nicht selten sind die ersten Entwürfe visionslos und bemüht, möglichst wenig zu verändern. Oft ist es die Straßenverkehrsbehörde, die Parkplätze verteidigt oder gegen eine Fahrradstraße ist, weil diese dem »fließenden Verkehr« (als gehörte der Radverkehr nicht dazu) im Wege stehe. Wer sich also für gute Radinfrastruktur ein­setzen will, muss an endlosen Sit­zungen der Verkehrsausschüsse teil­nehmen, ständig netzwerken und umfangreiche Stellungnahmen schreiben.

Es kostet eben sehr viel Zeit und Kraft, dicke Bretter zu bohren und auch wenn der unermüdliche Einsatz manchmal schon in guten Planungen Früchte trägt, so wünschen wir uns in Zukunft noch mehr Mut von den Verantwortlichen, die Velorouten von vornherein so zu planen und auszubauen, dass sie ihren Namen verdienen und ein belastbares Grund­gerüst für die Fahrradstadt Hamburg bilden.