Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Landesverband Hamburg e. V.

Mit mehr Rücksicht kommen alle besser ans Ziel.

Mit mehr Rücksicht kommen alle besser ans Ziel. © SKUMS

Verkehrsklima: Weniger Aggression, mehr Rücksicht

Im Straßenverkehr gibt es klare Regeln. Der wichtigste Grundsatz steht in § 1 Abs. 1 StVO: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“ Doch was, wenn die gegenseitige Rücksichtnahme fehlt?

Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) befragt Verkehrsteilnehmende regelmäßig zum „Verkehrsklima in Deutschland“. Zentrale Themen sind Sicherheitsempfinden und Aggression im Straßenverkehr. In der Befragung 2023 gaben 53 Prozent der Autofahrenden an, bei Ärger eher zu schnell zu fahren. 48 Prozent der Radfahrenden berichteten, gelegentlich auf den Gehweg auszuweichen, um schneller voranzukommen. 

Die Zahlen zeigen: Stress macht uns ungeduldig – und genau da müssen wir aktiv gegensteuern. Im ADFC-Fahrradklima-Test 2024 legte der ADFC mit fünf Sonderfragen einen Fokus auf das Miteinander im Verkehr. Es wurde mit 4,05 sogar schlechter bewertet als das Verkehrsklima für Radfahrende insgesamt (3,92). 68 Prozent der Befragten finden, dass sich viele Menschen im Straßenverkehr aggressiv verhalten. Auch in Fahrradstädten wie Münster, Freiburg und Karlsruhe gilt mangelnde Rücksicht als großes Problem. 

Selbst- und Fremdbild 

Die UDV fragt nicht nur nach dem eigenen Verhalten, sondern auch danach, wie das Verhalten anderer wahrgenommen wird. Dabei zeigt sich ein typisches Muster: Aggression sehen viele als Problem – aber vor allem bei „den anderen“. So sagen 96 Prozent der Autofahrenden, sie würden Radfahrende mit ausreichend Abstand überholen – gleichzeitig beobachten sie bei 93 Prozent der anderen, dass diese zu dicht überholen. Bei den Radfahrenden ist es ähnlich: 48 Prozent geben an, gelegentlich auf den Gehweg auszuweichen, nehmen dieses Verhalten aber bei 92 Prozent der anderen wahr. 

Ein besseres Verkehrsklima entsteht nicht durch Schuldzuweisungen, sondern durch Selbstreflexion. „Erzieherische Maßnahmen“ gehören nicht auf die Straße: Hupen, Drängeln oder Belehren verschärfen Situationen mehr als sie helfen. Auch das eigene Verhalten mit der Ausrede „Ich wurde provoziert“ zu rechtfertigen, hilft nicht weiter. Entscheidend ist: Wir können andere nicht steuern – aber unser eigenes Verhalten.

Subjektive Eindrücke, messbare Zahlen 

Während der Studie der UDV und dem ADFC-Fahrradklima-Test subjektive Eindrücke zu Grunde liegen, gibt es auch messbare Zahlen. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik wurden im vergangenen Jahr 34.506 Fälle (2024: 37.614 Fälle) von Nötigung im Straßenverkehr angezeigt. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, weil nicht jede als Nötigung empfundene Situation zur Anzeige gebracht wird. 

Wie aggressiv sich Menschen tatsächlich im Straßenverkehr verhalten, ist schwer zu beurteilen. Auch Unachtsamkeit oder Hektik können zu engen Überholmanövern oder plötzlichen Spurwechseln führen. Dass Menschen zugeben, öfter aggressiv zu reagieren, ist aber eine zunehmende Tendenz in den Umfragen. Das gefühlte Mehr an Aggression beeinflusst das Verhalten: Die Toleranz sinkt, das Aggressionslevel steigt, gleichzeitig werden die Menschen unsicherer, unkonzentrierter und machen eher Fehler. Ein gutes Verkehrsklima ist deshalb kein „Nice-to-have“, sondern aktive Unfallprävention.

 

Druck rausnehmen statt Druck machen 

Viele Faktoren heizen die Stimmung an: begrenzter Straßenraum, mehr Pkw, mehr Rad- und Lieferverkehr, dazu ÖPNV und Fußverkehr – alle brauchen Platz. Wenn wir zu spät dran sind, wenn es stockt, Wege zu schmal sind oder andere „im Weg“ zu sein scheinen, entsteht schnell Frust. Kommen Stressoren aus Arbeit oder Privatleben hinzu, kann die Stimmung leicht kippen. Deshalb sind Rahmenbedingungen notwendig, die mehr Gelassenheit im Straßenverkehr erleichtern: eine einfach verständliche und fehlerverzeihende Infrastruktur, Regeln, die eingehalten werden, und ein faires Miteinander, bei dem andere Verkehrsteilnehmende nicht als „Konkurrenz“ gesehen werden. 

Revierverhalten und Kulturleistung 

Siegfried Brockmann, zuständig für die Themen Verkehrssicherheit und Unfallforschung bei der Björn Steiger Stiftung, sieht als weiteren Faktor für Aggression auch das „Revierverhalten“. Es schlummert seit der Steinzeit im Menschen: „Fährt jemand auf der Autobahn zum Beispiel 150 km/h, hält er die nächsten 300 Meter für ‚sein Revier‘. Wechselt nun jemand mit einer geringeren Geschwindigkeit auf diese Spur, kann das als Revierverletzung empfunden werden.“ 

Das Phänomen tritt auch im Stadtverkehr auf: „Ist man mit 20 km/h auf dem Hochbordradweg unterwegs, wird ständig etwas zum Bremsen zwingen: ein Fußgängerüberweg, eine rote Ampel, ein Radfahrer, der nicht überholt werden kann usw. Und alles, was zum Bremsen zwingt, ist ein Eingriff in das eigene Revier. Wir haben zwar in einer ‚Kulturleistung‘ gelernt, damit umzugehen – allerdings mit Grenzen: Irgendwann ist das ‚Aggressionsgefäß‘ womöglich voll“, so Brockmann. 

Ein Mann und eine Frau streiten zwischen zwei Autos auf der Fahrbahn.
Ob die Emotionen hochkochen, hat man auch selbst in der Hand. © iStockphoto.com/stevecoleimages

Tipps der Kommunikationstrainerin Gośka Soluch

Wer den eigenen Alarmmodus (z. B. flacher Atem, angespannte Muskeln, schneller Puls) erkennt, kann bewusst gegensteuern: langsamer  atmen, Schultern oder Griff lockern, innerlich sagen: „Ich bleibe ruhig.“ Ziel ist, vom Impuls zurück in die Kontrolle zu kommen. Wenn bestimmte Situationen Stress auslösen (eng überholt, bedrängt, angeschrien oder übersehen werden), kann ich möglicherweise über mein Verhalten Einfluss nehmen:

• Abstand vergrößern
• Tempo reduzieren
• klar und sichtbar positionieren
• mir bewusst machen: Nicht jede Aggression hat mit mir zu tun.

Nicht jede Provokation braucht eine Antwort. In angespannten Situationen helfen kurze, klare, sachliche Botschaften besser als Diskussionen. Deeskalation heißt oft, sich nicht auf einen Machtkampf einzulassen. Wenn das Gegenüber nicht erreichbar scheint oder die Situation zu kippen droht, dann ist ein Rückzug kein „Kleinbeigeben“, sondern Selbstschutz – gerade, weil Radfahrende ungeschützt sind. Wer vorausschauend fährt, gut sichtbar ist und die eigene Körperspannung bewusst reguliert, wirkt souverän und sicher.

Abhängig davon, inwieweit der einzelne Mensch in der Lage ist, mit Druck umzugehen und die eigenen Emotionen zu kontrollieren, wird die Reaktion ausfallen: Manche Menschen bleiben ruhig, andere haben eine sehr kurze Zündschnur. Auch die zunehmende Individualisierung, sich selbst am wichtigsten zu nehmen und sich nicht als Teil der Gesellschaft zu sehen – die nur funktioniert, wenn alle zusammenarbeiten –, trägt wohl einen Teil dazu bei. 

Zwar sind diese Erkenntnisse keine Lösungsansätze, können aber dabei helfen zu verstehen, was in uns vorgeht, und ein erster Schritt zur Reflexion des eigenen Verhaltens sein. Denn am Ende entscheidet nicht der Impuls, sondern die Fähigkeit zur Selbstkontrolle: Wer die eigene Aggression kontrolliert, schützt sich selbst und andere. 

Punktesystem überarbeiten? 

„Auf der Autobahn hätten geringere Geschwindigkeiten durchaus einen Effekt auf die Aggression, weil dann das, was jemand für eine Revierverletzung hält, seltener vorkommt“, sagt Siegfried Brockmann. Höhere Bußgelder hält er für sozial ungerecht und plädiert stattdessen dafür, bei den Punkten nachzulegen, sodass schneller eine Führerscheinsperre folgt: „Acht Punkte muss man erst mal zusammenfahren – das macht man nicht aus Versehen. Deswegen mein Vorschlag: Das Punktesystem noch mal drastisch überarbeiten, denn dann trifft es die sogenannten Grobmissachter.“ 

Eine schnellere Führerscheinsperre träfe unabhängig vom Einkommen alle gleichermaßen, die durch Verkehrsdelikte und Aggression auffallen. Laut Brockmann müsse Aggression im Straßenverkehr und das Missachten von Regeln unbedingt sanktioniert werden, da dieses Verhalten sonst beibehalten werde.

Infrastruktur ausbauen – Konflikte vermeiden 

Radfahrenden fehlt viel zu häufig eine eigene sichere Infrastruktur: Auf der Fahrbahn empfinden Autofahrende sie oft als Hindernis – Radfahrende bekommen das durch zu enges Überholen zu spüren. Auf gemeinsamen Rad- und Fußwegen sind Konflikte mit Zufußgehenden vorprogrammiert, ebenso an ÖPNV-Haltestellen, wenn die Radspur direkt durch den Laufweg führt. 

Außerdem weichen nicht wenige Radfahrende auf den Gehweg aus, wenn es keinen Radweg oder Radstreifen gibt, oft, weil sie sich dort sicherer fühlen. „Überall dort kann ein durchgängiges, komfortables Radwegenetz regelkonformes Verhalten fördern und dazu beitragen, Konflikte und damit auch Aggression zu verhindern. Bauliche Trennungen und geschützte Radwege helfen, unterschiedliche Verkehrsmittel und Geschwindigkeiten räumlich zu trennen“, sagt Christoph Schmidt vom ADFC-Bundesvorstand. „Nicht nur dann, wenn der Platz für eine eigene Radverkehrsinfrastruktur fehlt, sondern grundsätzlich sollte innerorts Tempo 30 gelten und in Fahrradstraßen das Überholen von Radfahrenden verboten sein. Nach niederländischem Vorbild müssen auch Knotenpunkte und Kreuzungen konfliktärmer gestaltet werden: Kraftfahrzeuge biegen durch einen 90-Grad-Winkel nicht so schnell ab, er würde auch die Sichtbeziehungen verbessern. Das Trennen der Grünphasen an Kreuzungen kann ebenfalls Konflikte vermeiden“, so Schmidt weiter. Der Umbau der Infrastruktur allerdings dauert lange und ist deshalb nur ein Baustein.

Portrait von Dipl. Psych. Juliane Anke
Dipl. Psych. Juliane Anke © Michael Kretzschmar

Interview mit Dipl.-Psych. Juliane Anke, Verkehrspsychologin an der TU Dresden

Bei Aggression kommt vieles zusammen

Dipl.-Psych. Juliane Anke ist Verkehrspsychologin und arbeitet an der Technischen Universität Dresden. Der ADFC hat mit ihr über Aggression im Straßenverkehr und das Zusammenspiel verschiedener auslösender Faktoren gesprochen. 

Hier geht es zum Interview

 

Appelle und Aufklärung 

Mit Verkehrssicherheitskampagnen wie #mehrAchtung vom Bundesverkehrsministerium und Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) wird für mehr Rücksicht und verantwortungsvolles Verhalten aller Verkehrsteilnehmenden geworben: Jede:r sollte darauf schauen, was Menschen im Verkehr vereint – nicht, was sie trennt. Kommunen wie Aachen, Leipzig und Freiburg haben Kampagnen für ein faires Miteinander gestartet und wollen durch Dialog eine neue Verkehrskultur etablieren. Aufklärung und Appelle stoßen aber an Grenzen, und die Wirkung solcher Kampagnen ist nur schwer messbar. Unnütz sind sie aber nicht, zeigen sie doch, dass wir alle für ein besseres Verkehrsklima verantwortlich sind. 

Wichtig ist, dass andere Verkehrsteilnehmer:innen das eigene Verhalten eindeutig erkennen können: mit Handzeichen oder Blinker anzeigen, dass man abbiegen will. Eine vorausschauende Fahrweise und Fehler einzukalkulieren, hilft ebenfalls dabei, „Druck vom Kessel“ zu nehmen. Schließlich machen wir alle mal Fehler und sind darauf angewiesen, dass andere sie „ausbügeln“. 

Von „erzieherischen Maßnahmen“ lieber Abstand nehmen: Wenn sich andere Verkehrsteilnehmende falsch verhalten, ist ein klärendes Gespräch im schnellen Straßenverkehr kaum möglich. Wer es versucht, wird Ärger und Aggression, aber nur sehr selten den gewünschten Effekt erzielen. Das Verhalten anderer Menschen können wir kaum beeinflussen, aber unser eigenes. 

Alle sind verantwortlich 

Für alle Verkehrsteilnehmenden – egal, ob mit dem Rad, E-Scooter, Kfz oder zu Fuß unterwegs – gilt: Es gibt keine Entschuldigung für rücksichtsloses und aggressives Verhalten anderen gegenüber! Jede:r Einzelne ist mitverantwortlich dafür, dass alle sicher unterwegs sein können. 

Aber grundsätzlich gilt: Wer stärker motorisiert ist, richtet bei einem Unfall größeren Schaden an und muss deshalb umso umsichtiger fahren. Rücksichtnahme gegenüber schwächeren Verkehrsteilnehmer: innen steht an erster Stelle! Unabhängig von Mobilitätsform, Alter, Herkunft und Geschlecht – im Straßenverkehr profitieren alle von Respekt und Rücksichtnahme, denn sie tragen zu mehr Wertschätzung und einem besseren Verkehrsklima bei. Und das bedeutet am Ende: mehr Sicherheit, Gelassenheit und Lebensqualität für alle. 

Barbara Lücke

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