
Winterdienst für den Radverkehr in Hamburg: Schnee von gestern? © Kay Brockmann / ADFC Hamburg
ADFC kritisiert: Will Hamburg nur Schönwetter-Fahrradstadt sein?
Eine der wichtigsten Stellschrauben zum Erreichen von Hamburgs Klimazielen im Verkehrssektor ist die Förderung des Radverkehrs. Dazu muss der Senat auch im Winter für sichere Wege für Radfahrende sorgen. Zu spüren ist davon in Hamburg wenig.
Hamburg will bekanntlich klimaneutral werden. Um seinen durch den Zukunftsentscheid gesetzten Klimazielen bis 2040 näher zu kommen, muss der Senat den ÖPNV, Rad- und Fußverkehr in der Stadt massiv fördern und ausbauen. „Für die Zielerreichung im Sektor Verkehr sind zusätzliche Maßnahmen erforderlich“, teilt er mit. Tatsächlich passiert das Gegenteil: „Die klimafreundlichen Verkehrsmittel werden nur dann von mehr Menschen angenommen und Fahrten mit dem eigenen Auto ersetzen, wenn sie verlässlich funktionieren – und das nicht nur bei Sonnenschein im Sommer, sondern ganzjährig mit gleichbleibender Qualität und Sicherheit“, sagt Cajus Pruin vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) in Hamburg.
Der aktuelle Zustand von Hamburgs Radwegen nach dem vorhergesagten Wintereinbruch seit letzter Woche bietet ein völlig anderes Bild: „Die nur sehr eingeschränkte Verlässlichkeit des ÖPNV sowie eine große Menge vollständig ungeräumter Radwege und darüber hinaus vieler nur ungenügend bereinigter Bereiche strafen die Klima-Versprechen des Senats Lüge“, so Pruin. „Von verkehrssicheren Wegen für Radfahrende und Fußgänger*innen kann keine Rede sein – wie immer bei Schnee und Eis läuft nur ein Verkehr in Hamburg: der umweltschädliche Autoverkehr“. Selbst Hamburgs „Premiumradwege“, die Radrouten, und auch viele Fahrradstraßen hat die Stadtreinigung dagegen nicht frei geräumt.
Das größte Problem besteht laut dem Fahrradclub in der Netzdichte. Das vom Senat versprochene „Winternetz für den Radverkehr“, das von der Stadtreinigung Hamburg frei gehalten werden soll, ist für die Anforderungen der Menschen viel zu grobmaschig gestrickt: Die Wege und Ziele des täglichen Lebens – Kinder zur Schule bringen, zum Supermarkt, Sport oder in den Club etc. lassen sich so nicht verkehrssicher mit dem Rad erledigen. Bereiche wie zwischen den Straßen Steindamm und An der Alster in St. Georg oder zwischen Rothenbaumchaussee und Mittelweg in Rotherbaum sind dazu vom Senat gar nicht für den Winterdienst vorgesehen. „So werden die Menschen infolge ungeräumter Wege und nicht verkehrssicherer Straßen daran gehindert, auch im Winter klimaneutral mobil zu sein.“
Bei Schnee und Eis: Radwege first!
Der Senat betont immer wieder, dass der Verkehr bei den Klimazielen und der Reduktion der Emissionen ein „kritischer Punkt“ (Bürgermeister Peter Tschentscher, SPD) sei und es dort den „deutlichsten Nachholbedarf“ (Umweltsenatorin Katharina Fegebank, Grüne) gebe. „Jetzt muss er auch dementsprechend handeln“, fordert Pruin. „Heißt konkret beim Winterdienst: Hamburgs Radwege müssen zuerst und vorrangig geräumt und frei gehalten werden, wenn es schneit und Glätte droht!“ Fahrradfreundliche Städte wie Helsinki, Kopenhagen und Amsterdam machen es vor und sorgen auch im Winter für sichere Radverkehrsbedingungen. Die finnischen Städte Helsinki und Oulu bieten übrigens Tipps und auch Kurse für Politiker*innen aus anderen Städten an, wie „Winterfahrradstadt“ geht. „Lieber Herr Tjarks, liebe Frau Fegebank – wie wär‘s?“
Aber auch an Hamburgs Autofahrende appelliert der Fahrradclub: Wenn bei winterlichen Straßenverhältnissen Radfahrende unterwegs sind, können sie oft nicht spontan ausweichen oder die frei gefahrene Spur verlassen, da sich seitlich Eis und Schnee befinden. Ein Problem, das besonders in Tempo-30-Straßen auftritt, in denen die Fahrbahn nicht geräumt ist. Pruin: „Gerade bei solch schwierigen Verkehrsverhältnissen sollten Autofahrende dringend darauf achten, nicht zu dicht aufzufahren und den vorgeschriebenen Abstand beim Überholen von mindestens 1,50 Meter einzuhalten.“
