Ausblick vom Elberadweg mit einem Frachtschiff auf der Elbe und einem Kraftwerk am anderen Ufer

Ausblick vom Elberadweg © E. Fahnenbruck

Radtourismus Ausblick für Hamburg

Die auf der Tourismusmesse ITB im März vorgestellte ADFC-Radreiseanalyse 2024 haben wir zum Anlass genommen, einen genaueren Blick auf Hamburg zu werfen.

Seit fünfundzwanzig Jahren erhebt der ADFC mit seiner Radreiseanalyse jährlich Daten zur Entwicklung des Fahrradtourismus in Deutschland. In diesem Jahr wurden erstmals auch Menschen befragt, die noch nie eine Radreise gemacht haben. Zwei Drittel von ihnen können sich vorstellen, daran in Zukunft etwas zu ändern. Diese eine Zahl verdeutlicht das noch längst nicht ausgeschöpfte Potenzial im Fahrradtourismus.

Ein erster Blick auf Hamburg

Wir wollen uns hier vor allem mit den Möglichkeiten befassen, die sich aus dieser Analyse für den Radtourismus in Hamburg ergeben.

Norddeutschland steht im Ranking der meistbefahrenen Fahrradregionen insgesamt gut da. Das liegt höchstwahrscheinlich nicht allein am Wetter, sondern auch an der Geographie – Radfernwege entlang von Flüssen, Seen oder der Küste erfreuen sich generell großer Beliebtheit. Auf Platz eins hält sich, wie in den Vorjahren, der vom ADFC als Qualitätsroute ausgezeichnete Weser-Radweg. Bereits auf Platz zwei folgt der Elbe-Radweg mit einer Gesamtlänge von 1.280 Kilometern. Ein kleiner Teil dieser Strecke – es sind rund fünfzig Kilometer – verläuft durch Hamburg. Von Altengamme bis Rissen folgt der Weg dem Flusslauf und durchquert somit auch die Stadtmitte mit der Hafencity, der Altstadt und St. Pauli, allesamt touristisch geprägte Bereiche.

Werbeslogans versus Realität

Ein gefundenes Fressen also für die Fahrradstadt? Müsste man meinen.

Eine erste Recherche führt auf die Webseite von Hamburg Tourismus. Dort klicken wir auf den Abschnitt Radfahren in Hamburg und werden von folgender Überschrift begrüßt: Hamburg wird Bikeburg. Im dazugehörigen Text wird an griffigen Werbeslogans und Zahlenmaterial nicht gespart. Ein Beispiel gefällig? „259 Maßnahmen: 32 sind abgeschlossen, 14 sind im Bau und 177 weitere in Planung.“ Und wer sich noch etwas weiter in die Tiefen der Untermenüs vorwagt, findet sogar einen Hinweis auf das StadtRad – gleich neben dem für E-Scooter und E-Roller, ebenfalls als „umweltschonende Alternative auf zwei Rädern“ empfohlen.

Aber sonst?

  • Was, wenn ich beispielsweise mit dem Fahrrad anreisen will?
  • Gibt es vielleicht einen Hinweis auf den Elbe-Radweg?
  • Oder andere empfehlenswerte Radfahrstrecken?

Leider Fehlanzeige!

Bikeburg scheint nur mit Bahn, Fernbus, Auto und Flugzeug erreichbar zu sein. Und wie sieht es mit Unterkünften für Radler*innen aus? Mit Tourenvorschlägen, unter Einbeziehung der einstigen Velorouten, die seit Kurzem Radrouten heißen? („Das Netz der 14 Hamburger Velorouten mit 280 km Gesamtlänge ist bereits zu 95 % in Planung oder realisiert.“) Mit einer Erwähnung der Freizeitroute 11, dem sogenannten zweiten grünen Ring, der auf hundert Kilometern Länge einmal um die Hansestadt führt? Ebenfalls Fehlanzeige. Dafür darf der Hinweis nicht fehlen, sich „auf allen Verkehrswegen mit hanseatischer Gelassenheit zu begegnen“.

Es ist kein Wunder, dass die sonst touristisch so aktive und attraktive Stadt Hamburg bei Radreisenden deutlich unter ferner liefen landet.

Und dabei haben wir noch kein Wort über die Fahrrad-Infrastruktur verloren. Das sparen wir uns in diesem Fall und stellen stattdessen fest: Radtourismus spielt für die selbst ernannte Fahrradstadt Hamburg eine untergeordnete Rolle. Das Hauptaugenmerk gilt Musicals, Kreuzfahrten und Großveranstaltungen.

Chance vertan!

Ja, zugegeben: Als Stadtstaat mit relativ geringer Flächengröße wird Hamburg allein vermutlich nie zu einem Radfernreise-Hotspot werden. Trotzdem muss man von einer Fahrradstadt, wie Hamburg sie sein will und wie es ausdrücklich im aktuell gültigen Koalitionsvertrag steht, erwarten, dass sie die Bedürfnisse von Radreisenden zumindest wahrnimmt.

Aber wer am Hamburger Hauptbahnhof ankommt, findet in der Tourist-Info Vieles – bloß kein Wort zum Thema Fahrrad. Keinen Hinweis aufs StadtRad oder zu den Radrouten, kein Wort zur Fahrradmitnahme im ÖPNV oder zu Stadtführungen per Rad, keine Information zu Abstellmöglichkeiten, Reparatur- und Serviceangeboten, Fahrradverleihern ... Das alles gibt’s zwar beim ADFC, gleich um die Ecke in der Koppel, aber auch das wird den Hamburg-Besucher*innen nicht vermittelt.

Hier lässt die Stadt eine große Chance einfach liegen!

Dabei bietet die Affinität der Radreisenden zu Gewässern in einer vom Wasser geprägten Stadt auch sehr viele Möglichkeiten für Tagesausflüge. Nicht nur die Elbe und das Gebiet um die Binnenalster laden zu einem Ausflug mit dem Rad ein. Auch entlang der kleineren Fließgewässer radelt es sich schön – auf dem Alsterwanderweg, an Bille, Berner Au oder Tarpenbek, um nur einige zu nennen, hat Hamburg ein vielfältiges Potenzial für schöne Ausflugsfahrten zu bieten. Das Umrunden eines der vielen Stillgewässer wie beispielsweise des Öjendorfer Sees bietet sich für einen kurzen Tagesausflug ebenfalls an. Und mit der oben bereits erwähnten Freizeitroute 11, dem sogenannten zweiten grünen Ring, bietet Hamburg sogar eine landschaftlich sehr reizvolle, längere Rundtour. Allerdings bräuchte es eine geeignete Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr und an Fahrradleihstationen, um sie zu einem wirklich attraktiven Angebot für Reisende zumachen, die sich unsere Stadt erradeln wollen. Zur Infrastruktur wollten wir ja schweigen …

Und warum eigentlich nur auf die Auswärtigen starren? Wenn die Hälfte der 1,9 Millionen Einwohner*innen der Stadt jährlich nur einen einzigen Tagesausflug mit dem Fahrrad machen, bei dem sie durchschnittlich 32 Euro ausgeben, würde damit ein Umsatz von über 30 Millionen Euro generiert. Und Bikeburg wäre ein kleines Stückchen näher gerückt.

Viele weiterführende, sehr detailreiche Informationen zur diesjährigen Radreiseanalyse findet ihr im blauen Kasten verlinkt.

Mina Schüttmann / Leo Strohm

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