
Stop Killing Cyclists
Katja Diehl setzt sich seit Jahren als Buchautorin, Rednerin, Podcast-Produzentin und Aktivistin für nachhaltige Mobilität, soziale Gerechtigkeit und Inklusion ein. - Interview über ihre Beweggründe -
Die Wahlhamburgerin Katja Diehl setzt sich seit Jahren als Buchautorin, Rednerin, Podcast-Produzentin und Aktivistin für nachhaltige Mobilität, soziale Gerechtigkeit und Inklusion ein. Darum unterstützt auch sie die Petition „Hamburg stoppt das Töten“ Die RadCity hat mit ihr über die Beweggründe für ihr Engagement gesprochen
RadCity: Was sind die drei Kernbotschaften der Petition „Hamburg stoppt das Töten“?
Katja Diehl: Erstens: Es gibt kein Informations-, sondern lediglich ein Umsetzungsdefizit. Wir wissen seit Jahrzehnten, wie die Zahl schwerer Unfälle sich wirksam reduzieren lässt. Wir tun es nur nicht. Zweitens: Sterben im Straßenverkehr ist kein Schicksal, sondern die Folge politischer Entscheidungen: Jede nicht gebaute sichere Kreuzung, jeder Lkw ohne optimale Rundumsicht ist eine Entscheidung gegen Menschenleben. Und drittens: Hamburg hat über 1,2 Millionen Radfahrende – 50 Prozent mehr als zugelassene Autos –, und sie alle wollen sicher auf dem Rad unterwegs sein. Wenn die Politik dennoch ein Parkraummoratorium beschließt, das an vielen Stellen fahrradfreundliche Infrastruktur verhindert, hat sie die Prioritäten falsch gesetzt.
„Hamburg stoppt das Töten“ ist hart formuliert. Was löst das bei dir aus?
Erleichterung! Endlich wird ausgesprochen, was es ist. Wenn ein elfjähriges Kind mit einem Lkw getötet wird, dann ist das kein Unfall im Sinne von: ‚Konnte niemand wissen, kann man nicht verhindern‘. Es ist das Ergebnis einer Infrastruktur, die Menschenleben systematisch gefährdet – und einer Politik, die das hinnimmt, statt die Rahmenbedingungen wirksam zu ändern. Wir haben uns jahrelang an weiche Formulierungen gewöhnt: „Verkehrsunfall“, „Unglück“, „tragischer Vorfall“, „touchiert“, „erfasst“. Aber es sind Menschen, die dabei sterben. Und so lange wir das nicht klar benennen, werden wir es auch nicht ändern. Hinter jeder und jedem nüchtern vermeldeten Verkehrstoten stehen Familien und Freund*innen, die ein Trauma erleiden. Dass wir das in Deutschland acht Mal am Tag zulassen, erschüttert mich tief.
Was forderst du vom Senat und der Bürgerschaft – und was wäre ein messbarer Erfolg?
Ich fordere eine verbindliche Vision-Zero-Strategie mit ambitioniertem Zeitplan. Eine systematische Analyse aller schweren Unfälle der letzten Jahre und ein priorisiertes Maßnahmenprogramm für die gefährlichsten Stellen. Temporeduzierungen dort, wo Menschen zu Fuß und mit dem Rad unterwegs sind. Tempo 50 nur noch dort, wo nur Auto gefahren werden kann. Mal ehrlich: Ich war vor kurzem einige Male mit dem Auto innerorts unterwegs. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit aller Fahrten? 18 km/h. Studien zeigen, dass Tempo 30 die Fahrtzeit im Stadtverkehr nicht signifikant verlängern würde. Studien zeigen aber auch, dass bei Tempo 30 viele Unfälle gar nicht erst stattfänden. Dazu braucht es die Auflage, dass Lkw in Hamburg nur noch mit Abbiegeassistenten fahren dürfen. Trotz der verpflichtenden Ausrüstung für Neufahrzeuge verfügt nur ein kleiner Teil der Bestandsflotte über solche Systeme. Eine Nachrüstung vor allem auch älterer Lkw ist dringend geboten, auch zum Schutz des Fahrpersonals. Ein messbarer Erfolg wäre für mich: Null Radtote in Hamburg. Nicht als Wunsch, sondern als politisch verankertes Ziel mit konkreten Zwischenschritten und einem verbindlichen Zeitplan.
Viele dieser Forderungen stehen doch schon im Koalitionsvertrag. Sollte man die Politik nicht einfach in Ruhe machen lassen?
Nein. Weil im gleichen Koalitionsvertrag das Parkraummoratorium steht – ein Baustopp für Fahrradinfrastruktur. Das ist kein Widerspruch, der sich von selbst auflöst. Das ist eine politische Entscheidung gegen sichere Radwege. Koalitionsverträge sind Absichtserklärungen. Es zählt das, was konkret gebaut wird. Und da sehe ich in Hamburg eine immer größere Lücke zwischen Ankündigung und Wirklichkeit.
Wo siehst du die größten Versäumnisse der Hamburger Politik der letzten Jahre?
Im systematischen Ignorieren von Gefahrenstellen, obwohl bekannt ist, wo die meisten schweren Unfälle passieren. Ich stand bei der Mahnwache für den dritten Radtoten in diesem Jahr, und bekomme von mehreren Menschen zu hören, dass sie genau diese Stelle schon als gefährlich gemeldet hatten. Warum wird dem nicht nachgegangen? Muss immer erst ein Mensch sterben? Uns fehlt in Hamburg eine echte Vision-Zero-Strategie als verbindlicher Prozess mit Budget, Personal und Konsequenzen. Und dann das Parkraummoratorium: In einer Stadt, in der Menschen beim Radfahren sterben, wird der Schutz von Parkplätzen zur Koalitionsbedingung gemacht. Auch, wenn keine böse Absicht dahinter stecken mag – aber zumindest werden hier fahrlässig falsche Prioritäten gesetzt, mit potenziell tödlichen Folgen. Ich will mir gar nicht vorstellen, dass ein Mensch auf dem Rad stirbt, weil dieses Moratorium die Umsetzung von sicherer Infrastruktur ausgebremst hat.
Andere europäische Städte haben die Vision Zero bereits erreicht oder sind nahe dran. Was inspiriert dich – und was könnte Hamburg konkret übernehmen?
In der Millionenstadt Oslo starb 2019 kein Mensch auf der Straße. Das ist kein Wunder, das ist konsequente Infrastrukturpolitik über Jahre. 700 Parkplätze wurden entfernt, Sechzig Kilometer Radwege und kleine Parks angelegt. An 190 Stellen im Straßennetz wurde die erlaubte Geschwindigkeit gesenkt. Rund um Schulen entstanden sogenannte Herzzonen – Bereiche, in denen Elterntaxis unerwünscht sind. So hat Norwegen innerhalb von zwanzig Jahren die Zahl seiner Verkehrstoten um siebzig Prozent reduziert. Das ist möglich, wenn Politik es wirklich will. Im italienischen Bologna gab es 2024 fünfzig Prozent weniger Tote durch Verkehrsunfälle als im Jahr davor. Der Grund: Die Stadt hat 2023 fast überall Tempo 30 eingeführt. Helsinki hat 2019 dasselbe erreicht: keine tödlich verunglückten Radfahrenden, keine getöteten Fußgänger*innen. Das Prinzip dort ist so simpel wie radikal: Verkehrsplanung von außen nach innen. Erst die Bedürfnisse des Fußverkehrs, dann des Radverkehrs, dann des ÖPNV – und dann erst die des Autos. Das ist alles übertragbar. Sofort! Hamburg müsste das Rad nicht neu erfinden. Man müsste nur hinschauen und anfangen. Die gefährlichsten Kreuzungen identifizieren – die Daten gibt es – und diese umbauen. Tempo 30 vor Schulen und in dicht besiedelten Gebieten konsequent durchsetzen, wo die Rechtslage es heute schon erlaubt. Parkplätze in sichere Radinfrastruktur umwandeln, anstatt sie per Koalitionsvertrag zu schützen. Und aufhören, das Auto als Planungsgrundlage zu denken.
Warum ist sicherer Rad- und Fußverkehr für dich der Schlüssel zur Verkehrswende?
Weil Angst kein Mobilitätskonzept ist. Wer Angst haben muss, auf dem Weg zur Arbeit überfahren zu werden, steigt nicht aufs Rad. Im Fahrradklima-Test des ADFC geben bis zu achtzig Prozent der Teilnehmenden an, dass sie mehr Fahrrad fahren würden, wenn es sicher wäre. Wissenschaftliche Studien bestätigen dies. Was für ein Potential! Alle reden über Klimaschutz, über weniger Autos, über die Stadt von morgen – aber so lange Radfahren in Hamburg bedeutet, täglich um das eigene Leben zu kämpfen, wird das nichts. Auch der Hamburger Zukunftsentscheid hat bewiesen: Die Bevölkerung will mehr als die Pflicht, wir wollen die Kür der Zukunftsgestaltung. Sicherheit ist die Voraussetzung für alles andere. Und sie ist zutiefst eine Frage der sozialen Gerechtigkeit: Wer kein Auto hat oder keines fahren kann – Kinder, alte Menschen, Menschen mit Behinderung – ist auf sichere Alternativen angewiesen. Die Verkehrswende, die ich meine, lässt niemanden zurück und ist sozial gerecht. Und nicht nur nebenbei ist sie eine notwendige Voraussetzung für das Erreichen der Klimaziele.
Was sind die wichtigsten Sofortmaßnahmen, die morgen beschlossen werden könnten?
Erstens: Lkw-Abbiegeassistenten verpflichtend machen – das rettet Leben, sofort. Zweitens: Die gefährlichsten Kreuzungen und Strecken sofort mit provisorischen Mitteln entschärfen – weil der dauerhafte Umbau Zeit braucht. Poller, Markierungen, temporäre Schutzstreifen, das geht schnell. Drittens: Tempo 30 vor Schulen, Kitas und in dicht besiedelten Wohngebieten konsequent durchsetzen, überall dort, wo die rechtlichen Spielräume es heute schon erlauben.
Was können ADFC-Mitglieder und Aktive ganz konkret tun?
Die Petition unterschreiben und teilen – das ist der Anfang, aber längst nicht alles! Druckt die Petition, unsere Aushänge und Unterschriftenlisten aus, nehmt sie mit auf Wochenmärkte, in eure Kitas, Schulen, Vereine und Nachbarschaftsgruppen. Geht zu Bezirksversammlungen und in die Quartiersbeiräte und fragt dort nach konkreten Maßnahmen an konkreten Stellen. Dokumentiert Gefahrenstellen und meldet sie. Schreibt Briefe an politische Akteur*innen, schreibt Leserbriefe – nicht, weil Zeitungen die Welt retten, sondern weil Lokalpolitiker*innen sie lesen. Nehmt Teil an Fahrraddemos, fahrt mit bei der Sternfahrt, der Critical Mass und mit euren Kindern bei der Kidical Mass, und nehmt Freund*innen oder Familie mit. Sprecht mit Menschen in eurem Umfeld, die nicht Teil der Fahrrad-Community sind. Die Verkehrswende gelingt nicht in der Bubble. Sie gelingt, wenn sie zur lebenswerten Selbstverständlichkeit wird – für alle.
Woran würdest du in ein paar Jahren erkennen, dass die Initiative Erfolg hatte?
Daran, dass kein Kind mehr stirbt, weil eine Kreuzung falsch gebaut ist. Daran, dass ich einer Achtjährigen beim Radfahren zusehe und nicht den Atem anhalte. Daran, dass Hamburg aufgehört hat, Parkplätze gegen Menschenleben abzuwägen – und das nicht mehr als harte Entscheidung gilt, sondern als Selbstverständlichkeit. Und daran, dass wir irgendwann aufhören müssen, Petitionen zu starten – weil die Politik es von selbst tut. Vielen Dank, Katja, für dieses Gespräch!
Interview: Leo Strohm









