Frank Bokelmann

Frank Bokelmann © privat

Kampf gegen Radwege-Benutzungspflichten

 

Frank Bokelmann war von 1996 bis 2008 aktiv im ADFC Hamburg. Seine Klagen gegen Radwege- Benutzungspflichten sind Legende. Er lebt heute in Schleswig-Holstein, arbeitet aber in Hamburg und fährt dort noch heute StadtRad.

 

RadCity: Warum bist du damals im ADFC aktiv geworden?

Frank Bokelmann: Ich kam aus Berlin, dort versuchte man viel, war immer dran am Thema, führte zum Beispiel früh Busspuren ein. Es gab dort nur sehr wenige gemeinsame Geh- und Radwege. Dann kam ich nach Hamburg und mein erstes negatives Erlebnis war ein gemeinsamer Geh- und Fahrradweg in Rahlstedt in einer Tempo-30-Zone. Wenig später das Gleiche in der Luruper Flurstraße: ein benutzungspflichtiger gemeinsamer Geh- und Radweg, Sand, 1,20 Meter breit. Eine Zumutung. Von der Polizei erfuhr ich später, dass ich mit dem Anhänger nicht an die Benutzungspflicht gebunden sei. Ab da fuhr ich immer mit Anhänger, was für ein Unsinn.

Und dann nahm ich Kontakt zum ADFC auf. 1997 saßen die in der Arnoldstraße in Ottensen. Ich traf dort unter anderem auf Georg Bitter, Ulf Dietze, Till Steffen, Birte Segger und Stefan Warda und war sehr angetan von der Ernsthaftigkeit, mit der die Themen dort angegangen wurden. Ich begann dann in der Bezirksgruppe Altona zusammen mit Michael Deter den Bezirk zu beackern. Michael ging auch immer zu den Sitzungen des Verkehrsausschuss Altona und ich zum Verkehrsunterausschuss Blankenese. Mit Georg Bitter, Ulf Dietze, Till Steffen und Birte Segger wurden Klagen gegen Benutzungspflichten erarbeitet und schließlich eingereicht. Wir friemelten an Schriftsätzen herum und hatten glücklicherweise einen sehr guten Anwalt.

Auf ADFC-Ebene versuchten wir, möglichst einheitliche Stellungnahmen zu erarbeiten. Nicht immer einfach, da es damals unterschiedliche Vorstellungen gab, wie die Radinfrastruktur aussehen sollte. Auf der einen Seite die reine Lehre des Fahrbahnradelns, auf der anderen Seite zum Beispiel Stefan Warda, der ordentliche, separierte Radwege forderte, da viele Menschen nur so zum Radfahren bewegt werden könnten. Es war eine spannende Zeit und wir haben einiges bewegt. Aber Stefan und ich mussten uns auch die Kritik gefallen lassen, uns im Kleinklein zu verlieren, das heißt, Radweg für Radweg zu beackern. Ich meine noch heute, dass es nicht anders ging.

Was habt ihr damals an Aktionen gemacht?

Wir hatten zum Beispiel die Aktion „1000 Anzeigen“, wo wir wirklich täglich Falschparker angezeigt haben. In der Behringstraße habe ich das jeden Abend gemacht. Die Polizei reagierte erst mal damit, einfach das Parken am und teilweise auf dem Radweg anzuordnen. Fast zehn Jahre(!) später traf ich auf einen Polizisten, der endlich verstand, was ich wollte, die Parkplätze aufhob und dort zunächst massiv Knöllchen verteilte. Als das nichts half, hat er den ganzen Bereich abgepollert. Ab da konnte man dort endlich vernünftig fahren. Der bekam leider von seinen eigenen Leuten massiv Gegenwind.

 

"Der ADFC Hamburg sollte Kopenhagen nicht so abfeiern: Dort gibt es weder Bäume noch Parkplätze, um die Radinfrastruktur möglich zu machen."

 

Ich feiere dich ja noch immer für die aufgehobene Benutzungspflicht in der Friedensallee …

[Lacht] Das war eigentlich eher Zufall, ich hatte da mal was eingereicht und plötzlich wurden einfach die Schilder abmontiert.

Wie würdest du den ADFC zum Beginn deines Engagements beschreiben?

Wie gesagt, das waren sehr ernsthafte Leute, die sich alles zehnmal anguckten und erst mal ausführlich die Rechtslage sichteten. Klar, manchmal regierte beim ADFC auch das Chaos – in einigen Bezirken gab es keine oder sehr kleine Bezirksgruppen ... ich war wohl die meiste Zeit der Aggressivste. Mein Ziel war halt, möglichst viele Benutzungspflichten weg zu kriegen und an den Hauptstraßen gute Radinfrastruktur zu erreichen. Stefan Wardas Thema war damals die Sondernutzung, die zum Beispiel in der Sternschanze oft bis an die Radwege heranreichte, sodass Fußgänger*innen auf den Radweg ausweichen mussten. Bis in die Neunzigerjahre war die Ausbildung bei der Polizei und in den Bezirksämtern auf die autogerechte Stadt ausgerichtet.

Hat sich der ADFC während deiner aktiven Zeit entscheidend verändert?

Er wurde immer professioneller. Zu Beginn gab es noch einige Menschen, die aus der Zeit gefallen waren, die über der ehrenamtlichen Arbeit für den Umweltschutz und das Radfahren sowie gegen Atomkraft ihre Karriere vergessen zu haben schienen. Später engagierten sich zunehmend mehr Menschen, die Familie, Job und ADFC unter einen Hut bekommen wollten oder mussten. Es gab dann auch Hauptamtliche in der Geschäftsstelle.

Wie empfindest du Radfahren in Hamburg heute im Vergleich zu damals? Überwiegt der Spaß oder der Nerv?

Der Spaß überwiegt tatsächlich. Es hat sich sehr viel getan. Zum Beispiel sind die Kreisverkehre eine sehr gute Lösung, die den Verkehr für alle Teilnehmer*innen entspannter machen. Jetzt bin ich gespannt, wie die Thadenstraße nach dem Umbau zur Veloroute aussehen wird. Früher gab es dort immer wieder halbherzige Lösungen, nun scheint wirklich eine gute Lösung möglich.

Was sollte der ADFC Hamburg deiner Meinung nach heute unbedingt machen oder auch lassen?

Kopenhagen nicht so abfeiern: Dort gibt es weder Bäume noch Parkplätze, um die Radinfrastruktur möglich zu machen. Aber auch der Autoverkehr wird dort beschleunigt, was für Menschen, die sich dort Autos und (unterirdische) Parkplätze leisten können, nett sein mag. Dafür sind die Gehwege oft sehr schmal, und schienengebundenen ÖPNV gab es dort früher jedenfalls kaum. Das ist in Hamburg politisch nicht machbar und in Gänze betrachtet auch nicht mehr vorbildlich.

Separierter Radverkehr ginge in vielen Straßen nur, wenn massiv Bäume gefällt würden. Man muss klare Prioritäten setzen und kann da nicht herumeiern, das heißt Flächen oder Gelder mehrfach verplanen. Manch­mal kann es zum Beispiel keinen guten Bus- und Radverkehr gemeinsam geben. Und dann ist der ÖPNV eben wichtiger, da er am Ende deutlich mehr Menschen befördert als der Radverkehr. Und wer im hohen Alter sein Auto stehen lässt, tut das nicht, um noch Radfahrer zu werden.

Was ist für dich die wichtigste Errungenschaft des ADFC in Hamburg?

Dass er die Sichtbarkeit des Radverkehrs deutlich erhöht hat.

Hast du noch Lust auf das A- oder B-Spiel?

Okay. (Franks Wahl ist unterstrichen)

  • Alltag oder Freizeit? 
  • Tagestour oder Radreise? 
  • Tourenrad oder Mountainbike?
  • Fixie oder 27 Gang
  • Helm oder kein Helm?
  • Critical Mass oder Sternfahrt?
  • Radfahrstreifen oder Protected Bike Lane?
  • Autofrei oder autoarm?
  • Fahrradkarte oder GPS?
  • Sport oder Genuss
  • E-Bike oder Hollandrad
  • Allein oder in der Gruppe? 
  • Banane oder Müsliriegel
  • Selber schrauben oder schrauben lassen

Herzlichen Dank für diesen interessanten Austausch und alles Gute für die Zukunft!

Das Gespräch führte Amrey Depenau für die RadCity.

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https://hamburg.adfc.de/artikel/kampf-gegen-radwege-benutzungspflichten

Häufige Fragen von Alltagsfahrer*innen

  • Was macht der ADFC?

    Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) ist mit bundesweit mehr als 190.000 Mitgliedern, die größte Interessenvertretung der Radfahrerinnen und Radfahrer in Deutschland und weltweit. Politisch engagiert sich der ADFC auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die konsequente Förderung des Radverkehrs. Er berät in allen Fragen rund ums Fahrrad: Recht, Technik, Tourismus.

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    Wie ein Fahrrad verkehrstauglich auszustatten ist, legt die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) fest. Vorgesehen sind darin zwei voneinander unabhängige Bremsen, die einen sicheren Halt ermöglichen. Für Aufmerksamkeit sorgen Radler*innen mit einer helltönenden Klingel, während zwei rutschfeste und festverschraubte Pedale nicht nur für den richtigen Antrieb sorgen. Je zwei nach vorn und hinten wirkende, gelbe Rückstrahler an den Pedalen stellen nämlich darüber hinaus sicher, dass Sie auch bei eintretender Dämmerung gut gesehen werden können. Ein rotes Rücklicht erhöht zusätzlich die Sichtbarkeit nach hinten und ein weißer Frontscheinwerfer trägt dazu bei, dass Radfahrende die vor sich liegende Strecke gut erkennen. Reflektoren oder wahlweise Reflektorstreifen an den Speichen sind ebenfalls vorgeschrieben. Hinzu kommen ein weißer Reflektor vorne und ein roter Großrückstrahler hinten, die laut StVZO zwingend vorgeschrieben sind.

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